Amanda Gormans „The Hill We Climb“ Der Streit ums Übersetzen

Welche Hautfarbe muss man haben, was erlebt haben, um Amanda Gormans Gedichte ins Deutsche zu bringen? Darüber hat sich eine Debatte entfacht. Foto: imago images/ZUMA Wire/Climate Reality Project

Die Versöhnungsgeste von Amanda Gormans Gedicht wird begleitet von einem heftigen Kulturkampf. Um „The Hill We Climb“ auf Deutsch rauszubringen, hat der Verlag Hoffmann & Campe drei Übersetzerinnen beauftragt – mit zweifelhaftem Ergebnis.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass ausgerechnet ein Text, der auf Zusammenführung, Einheit und Solidarität drängt, auf seinem Weg ans Licht eine Spur heftigen Streits hinter sich lässt – und gleich mehrere ausgemusterte Übersetzer. Entzündet hat sich die Debatte in den Niederlanden. Die ursprünglich mit der Übertragung betraute Autorin Marieke Lucas Rijneveld gab den Auftrag zurück, nachdem die Aktivistin Janice Deul kritisiert hatte, dass man sich für eine Weiße entschieden hat, Gormans Schreiben aber von ihrer Erfahrung und Identität als schwarze Frau geprägt sei.

 

In dem hochentflammbaren Gebiet der identitätspolitischen Auseinandersetzung weitete sich der lokale Fall rasch zum Flächenbrand, unter dessen Glut kursierende Reizthemen wie Cancel Culture und Diskurswächtertum mit dem eigentlichen Sachverhalt zur Frage verschmolzen, welche Hautfarbe man haben müsse, um bestimmte Texte übersetzen zu dürfen.

Wer darf was?

Und als auch noch dem katalanischen Übersetzer Victor Obiols mitgeteilt wurde, er habe ein falsches Profil, man suche statt seiner eine junge schwarze Frau, waren die Fronten in dem tobenden Kulturkampf klar und dazwischen viel verbrannte Erde: hier die Universalisten, die darauf pochen, sich in alles einfühlen zu können, dummerweise aber zumeist ein weißes Gesicht haben. Dort jene, die die Zugehörigkeit zu von der Mehrheitsgesellschaft benachteiligten Gruppen zur Voraussetzung des Mitredens machen wollen – und dabei in eine Form des Essenzialismus geraten, die dem bekämpften Rassismus zum Verwechseln ähnlich sieht. Um den Fallstricken zu entgehen, hat der Hamburger Verlag Hofmann & Campe für Gormans eigentlich überschaubares Gedicht gleich einen nach allen Kriterien abgesicherten Übersetzerinnenstab zusammengestellt – mit zweifelhaftem Ergebnis.

Muss man Grieche im 8. Jahrhundert vor Christus sein, um Homer zu übersetzen?

„Wenn ich eine Dichterin nicht übersetzen kann, weil sie eine junge schwarze Frau ist, eine Amerikanerin des 21. Jahrhunderts, kann ich Homer auch nicht übersetzen, weil ich kein Grieche des 8. Jahrhunderts vor Christus bin“, gab Victor Obiols bei seiner Ausmusterung zu bedenken. Man hat mittlerweile alle möglichen Argumente, Übertreibungen und Zuspitzungen gehört, die begründen sollen, auf was es beim Übersetzen eigentlich ankommt. Muss man nautische Erlebnisse hinter sich haben, um Herman Melvilles „Moby Dick“ übersetzen zu können? Sollte man Erfahrungen als Pornodarstellerin mitbringen um Virginie Despentes’ Figuren besser zu verstehen? Natürlich nicht. Andererseits, wären einschlägige Kenntnisse auf diesen Gebieten sicher auch kein Fehler. Und ist es wirklich so absurd, wie es auf den ersten Blick erscheint, neben philologischer Expertise auch noch solche existenzieller Art in Anschlag zu bringen?

Die Kunst der Nuance

Mit Sicherheit sollten es Übersetzer an einer Eigenschaft nicht fehlen lassen: Das ist die Kunst der Nuance, ein Sinn für die feinen Übergänge. Manches Entgegengesetzte lässt sich bei genauerer Betrachtung in ein Gemeinsames auflösen. Extrempositionen, egal, auf welcher Seite, sind da eher hinderlich. Und so wenig man die Zugehörigkeit zu bestimmten Kollektiven zur Voraussetzung des Verstehens machen sollte, so wenig kann man umgekehrt ausschließen, dass es oft genug genau diese Zugehörigkeit ist, die darüber entscheidet, ob man bestimmte Aufträge bekommt – oder eher nicht.

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