InterviewAmanda Palmer in Stuttgart Als Frau in Trumps Amerika

Von Kathrin Horster 

Für die US-Musikerin Amanda Palmer gibt es keinen Zweifel: Das Private ist politisch. Vor ihrem Konzert in Stuttgart spricht sie über persönliche Tragödien, Amerika, Donald Trump, Metoo und das Musikgeschäft.

Streitbar gibt sich Amanda Palmer auf ihren aktuellen Fotos Foto: Veranstalter
Streitbar gibt sich Amanda Palmer auf ihren aktuellen Fotos Foto: Veranstalter

Stuttgart - Die amerikanische Independent-Sängerin, Pianistin und Komponistin Amanda Palmer tourt derzeit mit ihrer One-Woman-Show durch die Welt. An diesem Mittwoch gastiert sie in Stuttgart im Theaterhaus.

Frau Palmer, Sie haben eine zeitlang in Deutschland gelebt. Haben Sie gute Erinnerungen daran?

Ja, Wahnsinn! Es ist schon über 20 Jahre her. Diese Zeit hat mir eine neue Perspektive gegeben. Damals waren einige für mich wichtige Menschen gestorben, innerhalb von fünf Monaten: mein Freund, mein Großvater und mein Bruder. Meine Zeit in Deutschland war überschattet von dieser beängstigenden Freiheit, weit weg von meiner Familie, der Trauer und Verwirrung. Verrückt war es auch, eine andere Sprache zu sprechen. Und natürlich, dass ich legal Alkohol trinken durfte.

Und wie war das Land an sich?

Ich hatte ein tolles halbes Jahr in Bayern. Die zweite Hälfte in Köln war schrecklich, weil der Winter kam und ich depressiv wurde. Ich habe mich schwergetan, mit Leuten in Kontakt zu kommen. Aber mir hat diese Zeit viel bedeutet. Ich bin ja auch nach Deutschland gegangen, weil ich in diesen deutschen Typen verknallt war. Ich habe einen besonderen Platz in meinem Herzen für die Sprache. Ich war fasziniert von Weimar und Brecht, Kurt Weill und Hanns Eissler, von dieser Kombination aus deutscher Geschichte und Musikgeschichte – diesem Freiheitsideal gegen den aufkommenden Faschismus.

Wie denken Sie über das derzeitige politische Klima in Europa und den USA?

Deutschland, Österreich, Brasilien und Australien sind mit denselben angstbasierten Problemen konfrontiert wie Amerika. Mein Job als Künstlerin ist es, meinen Schmerz anzufeuern und mit meiner Stimme die Realität auf der Welt so aufrichtig wie möglich zu schildern. Vor allem als Frau. Als ich mit dem neuen Album begann, musste ich mir eingestehen, dass es wohl als feministisch missverstanden werden würde. Ich wollte gar keine feministische Platte machen, ich will auch keine Feministin sein. Aber ich bin es und muss es verdammt noch mal sein! Das irritiert mich wirklich. Eigentlich will ich bloß Musik machen über menschliche Erfahrungen. Aber in Trumps Amerika, ist es schon ein politischer Akt, eine Frau zu sein.

Früher war die Popkultur eine Gegenströmung zu konservativen und rechten Bewegungen. Heute hängen Rockstars wie Morrissey oder Billy Corgan rechten Ideologien an. Sind das nur Einzelfälle?

Ich glaube Morrissey ist ein ziemlicher Einzelfall. Ich hoffe es zumindest. Ich finde seinen saloppen Rassismus wirklich beunruhigend. Die meisten Künstler verbindet doch die Erfahrung, viel zu reisen. Wir bleiben nicht in unserer verdammten Kleinstadt in einer kleinen Blase mit einer täglichen Routine. Wir bereisen die Welt, sehen alle Orte und Situationen, Reichtum und Armut. Wir haben Zugang zu Informationen, die Normalbürger in ihre kleinen Nachbarschaft nicht unbedingt haben. Da ist es schon sehr schwer, nicht festzustellen, dass alles auf diesem Planeten in irgendeiner Weise mit einander verknüpft ist. Ich begreife nicht, wie man einerseits ein Künstler sein kann, der über den Zustand der Menschheit nachdenkt, und andererseits ein rechtes, rassistisches Arschloch. Früher dachte ich: Moment mal, wie ist das möglich? Aber da war ich noch das naive Fantasy-Girl, das besessen war von Brecht und sich ins Deutschland der Zwanziger sehnte, wegen der Idee von Brüderlichkeit und sozialer Befreiung. Heute versuche ich nichts mehr als selbstverständlich zu nehmen. Ich habe schon zuviel erlebt.

In Ihren neuen Songs wie „Bigger on the Inside“ geht es oft um das Gefühl der Hilflosigkeit. Hat der Rockstar als starke Identifikationsfigur ausgedient?

Das ist auf dieser Platte so, aber ich habe es nicht konkret entschieden. Ich wollte bloß eine Platte machen, die von einem bestimmten Ton geprägt wird, die sehr autobiografisch, sehr direkt ist, fast wie ein Konzept-Album. In den letzten acht Jahren habe ich viel Material geschrieben, fröhliche, komische, sarkastische Sachen. Aber die letzten acht Jahre waren auch sehr schwierig: Ich hatte mehrere Abtreibungen, ich habe ein Kind bekommen, ein Kind verloren. Ich bin wirklich durch die Hölle gegangen. Deshalb habe ich mein Songwriting so therapeutisch genutzt wie nie zuvor. Und ich wollte diese therapeutischen Songs nicht mit anderem Zeug in einen Topf werfen. Ich wollte ihnen einen eigenen Rahmen geben. Ich habe oft mit meinem fantastischen Produzenten und männlichem Alliierten John Congleton gewitzelt, dass sei die traurigste Platte der ganzen Welt. Wir nannten sie bloß „The Five-Hanky-Record“.

Das klingt, als ginge es Ihnen um den Rückzug ins Private, weil die politischen Probleme unlösbar scheinen . . .

Nein, es ist viel größer. Man kann das Politische nicht vom Persönlichen trennen. Eine Abtreibung ist eine zutiefst emotionale Erfahrung und gleichzeitig eine zutiefst politische. Niemand kann mir erzählen, dass es nicht schmerzt, nicht genug Geld zu haben, um sein Kind richtig zu ernähren – das ist ein emotionaler Zustand, aber zugleich das Ergebnis einer politischen Situation. Eines der größten Probleme in unserem Land ist, dass wir gerade ständig versuchen, das Private vom Politischen zu trennen. Aber niemand will Donald Trump dafür verantwortlich machen.

Die Metoo-Bewegung hat im Filmbusiness begonnen. Wie würden Sie die Situation von Frauen im Musikgeschäft beschreiben?

Die Macht-Hierarchie ist anders – obwohl die Musikindustrie von Männern geführt und beherrscht wird, die meisten Profite in der Industrie an Männer fließen und die meisten Jobs von Männern besetzt sind, etwa die Tontechniker. Trotzdem ist die Hierarchieleiter ein bisschen flacher. Als 25-jährige mit den Dresden Dolls kam ich nie in die verhängnisvolle Lage, den Promoter allein in einem Raum davon überzeugen zu müssen, dass wir an diesem Abend wirklich auftreten durften. Das ging notfalls auch übers Telefon (lacht). Meine Band hatte einfach eine besondere Form der Stärke. Aber als ich einmal begriffen hatte, wie das System wirklich läuft, rannte ich schreiend davon! Es ist eine unglaublich sexistische Industrie, wie eigentlich alle anderen Industrien auch. Die ganze Welt ist doch sexistisch. Aber trotzdem ist das System von „hire und fire“ in der Musikindustrie ein bisschen fairer. Es gibt keine Casting Couch.

Sie setzen sich aktiv für die Rechte von Frauen ein und engagieren sich für Planned Parenthood. Hat sich seit dem Aufkommen der Metoo-Bewegung die Situation der Frauen besonders in den USA verbessert?

Naja, verbessert ist nicht der richtige Ausdruck. Viele Frauen müssen kämpfen, schwarze, arme, illegal eingewanderte. Ich gehöre zu den Privilegierten, ich bin weiß und komme aus der oberen Mittelschicht. Wir müssen unseren Blick auf die Probleme der großen Mehrheit richten, die uns so nicht in den Medien gezeigt werden. Wir sehen die Mängel im System, aber wir kümmern uns nicht genug um einander. Ich glaube, dass Künstler deshalb gerade besonders wichtig sind, ich spüre das auch in meinen Shows. Menschen brauchen es gerade sehr, zusammen zu sein und gemeinsam über die aktuelle Richtung des Landes nachzudenken, über ihre eigenen Leben und darüber, wie isoliert sie sind.

Worum geht es denn konkret in Ihrer Show?

Es ist eine autobiografische One-Woman-Show darüber, wie ich mich fühle und was ich durchgemacht habe mit den Abtreibungen und allem. Und wie sehr die Frauen durchdrehen, weil man uns unser Recht nimmt, selbst zu entscheiden. Es ist ein Albtraum, aber Realität. Wäre Hillary Clinton Präsidentin, würde ich bestimmt nicht die Dringlichkeit verspüren, solch einen Abend machen zu müssen.