Dreieinhalb Jahre Vorarbeit sind geleistet. Nun, an diesem Mittwochabend, schlägt die Stunde der Entscheidung. Auf dem außerordentlichen Verbandstag in der Carl-Benz-Arena geht es um nicht weniger als die Zukunft des württembergischen Fußballs und damit von rund 1700 Vereinen. Erhalten jene neue Bezirke und neu eingeteilte Spielklassen? Oder bleibt alles beim Alten? Das ist die große Frage, auf die man auch von Stuttgart und den Fildern aus mit Spannung blicken darf. Nicht wenige rechnen mit einer hitzigen Begegnung zwischen Reformbefürwortern und Reformgegnern, an deren Ende ein knappes Abstimmungsergebnis stehen könnte.
Warum eine Reform?
Nach Einschätzung des Württembergischen Fußball-Verbands (WFV) ist sie unerlässlich, um auf weitere Sicht die Wettbewerbsfähigkeit zu garantieren. Allgemein rückläufige Mannschaftszahlen machen es in manchen Bezirken jetzt schon schwer, die dortigen Staffeln ausreichend mit Teams zu befüllen. Hinzu kommt das Thema Wettbewerbsgerechtigkeit. Aktuell sind die 16 Bezirke des Verbandsgebiets vom Teilnehmerumfang her arg unterschiedlich aufgestellt – die Spanne reicht von annähernd 200 Aktivenmannschaften (Enz/Murr, Neckar/Fils) bis gerade einmal 70 (Riss). Auch dieses Ungleichgewicht soll behoben werden.
Wie soll die Reform aussehen?
Aus 1-4-16 soll 1-4-12 werden. Heißt: unverändert eine Verbandsliga und vier Landesliga-Staffeln, aber nur noch zwölf statt 16 Bezirke und somit also auch nur noch zwölf Bezirksligen. Dies bedeutet, dass besagte Bezirke neu eingeteilt würden. Dafür hat der WFV ein Wunschmodell erarbeitet.
Fünf der bisherigen 16 Bezirke blieben demnach in exakt gleicher Form bestehen: Enz/Murr, Neckar/Fils, Ostwürttemberg, Alb und Bodensee. Acht würden um Gebiete erweitert: Unterland, Rems/Murr, Stuttgart, Donau/Iller, Nördlicher Schwarzwald, Schwarzwald, Zollern und Riss – sie bekämen zusätzliche neue Gegner. Drei wiederum fielen dem Seziermesser zum Opfer: Hohenlohe, Böblingen/Calw und Donau.
Was würde die Reform für den Bezirk Stuttgart bedeuten?
Stuttgart soll mit Böblingen fusionieren, sprich diesem Teilbereich des Bezirks Böblingen/Calw. Zusammen bildeten sie den „Bezirk 1“. Betroffen wären vor allem die Bezirksligisten mit einer dann gemeinsamen Staffel. Für sie führte der Weg nicht mehr nur nach Musberg, Cannstatt oder Feuerbach, sondern auch nach Schönaich, Deckenpfronn oder Herrenberg.
Für alle Kreisligisten änderte sich wenig. In ihrem Fall bliebe es bei einer jeweils regionalen Staffeleinteilung. Die Tendenz: drei Kreisliga-A-Staffeln (zwei mit Stuttgarter Teams, eine mit Böblinger Teams), maximal neun Kreisliga-B-Staffeln. Neuerung derweil für die Landesligisten des Bezirks Stuttgart: für sie fiele die Donau/Iller-Konkurrenz mit den Ulmer Mannschaften weg und käme stattdessen ebenfalls Böblingen hinzu.
Wer sind die Reformgegner?
Der lauteste Protest ertönt aus den vom Aus bedrohten Bezirken Hohenlohe und Böblingen/Calw sowie aus Zollern. Eines der Argumente: zu weite Fahrtwege. Ein anderes: uninteressante neue Gegner, während in alter Rivalität gewachsene wegfielen.
Michael Spörer, der Vorsitzende des Bezirks Stuttgart, wittert freilich auch noch einen ganz anderen Grund. Seine Einschätzung: „Es geht da auch schlicht um Posten und persönliche Befindlichkeiten.“ Sprich um die Wahrung von Besitzständen. Im März hatten Spörer und Co. schon mal ein Kennenlernmeeting mit den Böblinger Kollegen, einen sogenannten Bezirksdialog. Wie zu hören ist, wurde es ein Treffen in eher frostiger Atmosphäre. Ein Stuttgarter Teilnehmer berichtet von „feindlicher Stimmung“. Auf der anderen Seite herrsche offenbar das Gefühl „einer feindlichen Übernahme“ vor.
Wann würde die Reform greifen?
Zur Saison 2024/2025. Bis dahin blieben zwei Übergangsjahre, in denen unter anderem die Qualifikation für die Bezirksliga zu regeln wäre. Um aus der Kombi „Stuttgart + Böblingen“ am Ende wieder auf ein 15er- oder 16er-Feld zu kommen, würde ein vorübergehend verschärfter Abstieg erforderlich.
Wer stimmt ab?
Insgesamt 291 Personen, davon 259 Delegierte der Bezirke, also Vereinsvertreter, sowie 32 Mitglieder des WFV-Beirats. Welcher Bezirk wie viele Stimmberechtigte stellt, hängt von den Mitgliederzahlen ab. Das mit Abstand größte Kontingent (50) kommt aus Stuttgart, dem VfB sei Dank. Somit also schon mal 50 Stimmen „Pro“? „Unsere Haltung im Bezirk ist klar: Wir sind für die Reform“, sagt Spörer, fügt aber an: „Einen Fraktionszwang gibt es nicht.“
Nötig ist für den Beschluss der Reform eine Zweidrittelmehrheit.
Was bedeutete ein Scheitern der Reform?
Harald Müller, Vorsitzender des Verbandsspielausschusses und führender Kopf der Planungskommission, sagt: „Wenn das jetzt scheitert, brauchen wir in den nächsten 50 Jahren mit dem Thema nicht mehr anzufangen. Damit wäre ein notwendiger Schritt verpasst.“ Und: viel Vorarbeit umsonst gewesen.