Amazon Big Bezos is watching you

Ende September hat der Chef von Amazon, Jeff Bezos, die neue Kindle-Familie vorgestellt. Das Flaggschiff ist der iPad-Konkurrent Kindle Fire. Foto: dpa 3 Bilder
Ende September hat der Chef von Amazon, Jeff Bezos, die neue Kindle-Familie vorgestellt. Das Flaggschiff ist der iPad-Konkurrent Kindle Fire. Foto: dpa

Amazon wird nach wie vor als der nette Online-Buchhändler wahrgenommen. Dabei hat Konzernchef Jeff Bezos weit Größeres vor.

Wirtschaft: Eva Drews (ave)
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Stuttgart - Oliver Pötzsch ist "Tomatenzüchter, Kinderhüter, Soulsänger, Fernsehautor, Teilzeitschriftsteller" und Nachfahre eines Henkers. Seine Frau, so schreibt er auf seiner Homepage, verdiene das Geld, was nahelegt, das Pötzschs historische Romane ("Die Henkerstochter", "Die Ludwig-Verschwörung") noch nicht allzu erfolgreich sind. Zumindest nicht in Deutschland. In den USA ist das anders. Da wird Pötzsch gefeiert, mit einer Limousine umherchauffiert und in teuren Hotels hofiert. Verantwortlich dafür ist Amazon.

Seit einigen Monaten ist der weltweit größte Online-Händler dabei, sich auch als Verlag zu engagieren. Als eines der ersten Bücher, die Amazon übersetzen ließ und als digitales Buch für 99 US-Cent veröffentlichte, wählte der Internetriese ausgerechnet "Die Henkerstochter" des unbekannten deutschen Autors aus und landete damit prompt einen Erfolg: Der Roman schaffte es für eine Woche sogar auf Platz drei der USA-Today-Bestsellerliste. Mittlerweile kostet Pötzschs Werk in der digitalen Ausgabe 8,04 Dollar. Die gebundene Ausgabe ist für 24 Dollar zu haben.

Fast alles, was das Herz begehrt

Amazon als Verleger? Den meisten sind die Amerikaner nur als der nette Online-Buchhändler von nebenan bekannt, bei dem man praktischerweise auch DVDs, Toaster oder Flachbildfernseher kaufen kann. Längst aber umfasst das Angebot von Amazon weit mehr. Nicht zuletzt auch über eine riesige Zahl von Partnern bietet das Internetkaufhaus fast alles, was das Herz begehrt: Lebensmittel, Kleidung, Spielwaren und Sportartikel, Kosmetik und sogar Motorroller und Kleiderschränke. Schon 2008 hatte Amazon ein größeres Modeangebot als Otto, Neckermann oder Quelle. In den fünfzehn Jahren seit der Gründung sind aus der einen Warenkategorie Bücher in Amazons Angebot 16 geworden.

Nicht Hugendubel oder Weltbild seien heutzutage die relevanten Wettbewerber, sondern Apple, Google und Amazon, sagte kürzlich der Chef der größten deutschen Buchhandelskette Thalia, Michael Busch, auf einem Handelskongress in Hamburg. 30 bis 40 Prozent der Buchumsätze würden bis 2017 aus dem stationären Handel verschwinden - entweder, weil sie in Richtung Internet abwanderten oder gleich ganz in digitale Inhalten aufgehen, hatte er auf der Buchmesse prophezeit.

Drei Giganten aus verschiedenen Richtungen

Egal ob nur im Internethandel gekauft oder gleich als digitales Buch - Hauptprofiteur von einer solchen Entwicklung ist Amazon, bei E-Books, Filmen und Musik auch Apple und Google. Denn auch wenn die drei Giganten der modernen US-Wirtschaft aus völlig verschiedenen Richtungen kommen - Apple aus der Computerindustrie, Google aus der Suchmaschinentechnologie und Amazon aus dem Handel - haben sie mittlerweile eine gemeinsame Zielgruppe: Den Medien nutzenden Konsumenten und damit eigentlich jedermann und jederfrau in der industrialisierten Welt.

Apple will mit seinem umfangreichen Medienangeboten seine Geräte attraktiv machen und verkaufen, Google will seine lukrativen Anzeigen noch gezielter an den Nutzer bringen, und Amazon bietet die E-Book-Lesegeräte namens Kindle und seit Neuestem auch einen Tablet-Computer an, um den Kunden noch stärker an sich zu binden, als es ohnehin der Fall ist.

Amazons Einfluss unterschätzen viele

Apple und Google stehen dabei schon länger in der Kritik, ihre Kunden in einem Maß zu durchleuchten und zu bevormunden, das nicht jedem geheuer ist. Amazons Einfluss und Macht aber unterschätzen bis heute viele. Dabei ist der 1994 von Jeff Bezos gegründete und bis heute geführte Online-Händler dabei, mindestens so allmächtig zu werden, wie viele es bis jetzt nur von Google fürchten.

Schon heute verfügt der Konzern über Nutzerprofile, die in ihrer Zahl und Detailliertheit einzigartig sein dürften: eine dreistellige Millionenzahl von Kunden in weltweit 150 Ländern kaufen seit Jahren über die verschiedenen Amazon-Portale weltweit ein und hinterlassen dort Informationen über ihre Gewohnheiten und Vorlieben und offenbaren Spuren ihres Lebensweges: Wer ein Windelabo über Amazon abschließt (vergangenes Jahr kaufte der Konzern für eine halbe Milliarde Dollar den Windellieferservice Quidsi), ist sicher bald Kunde für Lego-Steine und Playmobil-Figuren, und wer ein Gartenbuch kauft, ist wahrscheinlich Hausbesitzer mit entsprechenden Interessen.

Intimste Gedanken des Kunden

Noch einmal deutlich aussagekräftiger dürften die Kundenprofile werden, wenn erst Amazons Tablet-Computer Kindle Fire weitverbreitet ist. Denn für den Fire, der Mitte November für einen Kampfpreis von 199 Dollar auf den US-Markt kam (der Konkurrent iPad2 von Apple kostet in der kleinsten Variante 499 Dollar), hat Amazon extra einen eigenen Browser namens Silk entwickelt. Silk soll - so wirbt das Unternehmen - eines Tages deutlich schneller sein als andere Internetanzeigeprogramme wie Apples Safari oder Microsofts Internet Explorer und den Fire zum schnellsten Surfcomputer machen.

Denn Silk lernt von seinen Nutzern, was sie in der Regel als Nächstes tun, und lädt die betreffenden Inhalte bereits im Hintergrund, noch bevor sich der Fire-Besitzer dafür entschieden hat. Und so lernt Amazon nicht nur viel über das Kaufverhalten seines Kunden, sondern auch über seine sonstigen Interessen im Internet - und erfährt damit nicht selten dessen intimste Gedanken.

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