Amazon-Gründer Jeff Bezos geht Macht der Bequemlichkeit

Jeff Bezos kann sich nach 27 Jahren an der Unternehmensspitze als Sieger fühlen. Foto: Patrick Semansky/AP/dpa

Amazon-Gründer Bezos geht auf der Höhe des Erfolgs. Wir Konsumenten haben es ihm beim Griff nach der Monopol-Macht leicht gemacht, sagt Andreas Geldner.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Stuttgart - Am Montag steht ein Führungswechsel bei einem Unternehmen an, das seit 1994 wie kaum ein anderes unseren Alltag prägt: Amazon-Chef Jeff Bezos übergibt den Chefsessel an seinen Nachfolger Andy Jassy. Damit tritt wieder eine der großen Gründungsfiguren eines der monopolmächtigen IT-Giganten aus den USA in den Hintergrund. Bezos tut es zu einem Zeitpunkt, wo Amazon in einer der größten, globalen Krisen seit Jahrzehnten, ohne eigenes Zutun, zum ganz großen Gewinner geworden ist.

 

Bequemlichkeit, Ungeduld, Preisbewusstsein

Von Anfang an hat Bezos konsequent auf drei allzu menschliche Eigenschaften moderner Konsumenten gesetzt: auf Bequemlichkeit, Ungeduld und Preisbewusstsein. Viel IT-Gehirnschmalz wurde von Anfang an in Datenanalysen des Kundenverhaltens, bequeme Nutzerführung und schnelle Lieferung gesteckt. Man dockte andere Händler ebenfalls auf der eigenen Webseite an – zu profitablen Konditionen. Und längst greift das Unternehmen von Datenzentren über smarte Lautsprecher bis hin zur Internet-Unterhaltung in immer weitere Bereiche aus.

Da Bezos die Online-Weltmacht immer wichtiger war als schnelle Gewinne, setzte Amazon alles daran, die realen Kosten des aufwendigen Versands vor den Kunden so gut es geht zu kaschieren. Dazu gehört auch eine Unternehmenskultur, die insbesondere bei der optimierten Versandlogistik Arbeitnehmer am kurzen Zügel hält. Schnell sollen sie sein, möglichst wenig kosten. Nur die Befindlichkeit der Kunden zählt, nicht die der Mitarbeiter.

Plattform mit absoluter Übermacht

Was dabei herauskam, ist vielleicht im legalistischen Sinn kein Monopol, aber eine Plattform mit absoluter Übermacht, die Innenstadtläden bedroht, Konsumerwartungen formt – und sich mit Kartonbergen und der radikalen, weil billigen Entsorgung zurückgesandter Produkte um ökologische Fragen so wenig schert wie um gesellschaftlichen Folgen. Und damit ist Amazon in seinem Bereich die mächtigste Ausprägung einer digitalen Kultur, die Konsum permanent verfügbar macht – letztlich ohne Rücksicht auf Verluste. Der Markt jedenfalls weist Amazon nicht in die Schranken. Er ist de facto ausgehebelt. Konkurrenz muss der Gigant nur in Nischen befürchten.

Bezos hat seine Vision von der Weltherrschaft im Online-Handel praktisch erreicht. Er kann sich deshalb nun zurückziehen und trotz einer milliardenteuren Scheidung geruhsam seinem teuren Hobby Weltraumfahrt widmen. Er profitiert von einem typisch menschlichen Paradox: So sehr viele kritische Konsumenten die Schattenseiten von Amazon durchschauen, so wenige sind in der Realität bereit, konsequent einen Bogen um die Plattform zu machen. Vielleicht überlebt der eine oder andere Buchhändler, weil das Ursprungsgeschäft des Giganten für manchen Käufer eben auch eine sentimentale oder emotionale Komponente hat und man ganz bewusst seine Bücher auf eine etwas unkomfortablere Weise bestellt. Preisunterschiede gibt es ja hier nicht. Aber sonst?

Der Markt allein richtet es nicht

Die Macht von Amazon wäre nur auf politischem Weg zu beschränken. In den USA und der EU hat eine Debatte begonnen, wie man den Moloch zügeln oder gar zerschlagen könnte. Aber ein realistischer Angriff auf das Monopol ist es bisher noch nicht. Genügend Rückendeckung werden Politiker und Regulierer nur verspüren, wenn aus dem schlechten Gewissen mancher Online-Shopper die Einsicht wird, dass man sich mit dem IT-Giganten eine Konsumwelt heranzüchtet, die von der Ökologie bis zu den Innenstädten unsere Welt auf eine Weise verändert, wie wir es nicht wollen. Allein mit moralischen Bedenken und Skrupeln beim Einkaufen wird dem monopolistischen Geschäftsmodell kein Einhalt geboten werden. Gegen diese Macht hilft nur Gegenmacht.

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