Amazon verschenkt Bücher zum Weltkindertag Eine Million Märchenbücher sorgen für Aufruhr

Von Sabrina Höbel 

Zum Weltkindertag verschenkt Amazon mit der Stiftung Lesen und Buchriesen wie Thalia eine Million Märchenbücher. Die Aktion wurde scharf kritisiert, denn zunächst wurden lokale Buchhandlungen außen vor gelassen. Die Stuttgarter Buchhändler sind bei dem Thema gespaltener Meinung.

Zum Weltkindertag verschenken Amazon und die Stiftung Lesen eine Million Märchenbücher. Foto: Amazon.de
Zum Weltkindertag verschenken Amazon und die Stiftung Lesen eine Million Märchenbücher. Foto: Amazon.de

Stuttgart - Zum Weltkindertag am 20. September haben sich Amazon und die Stiftung Lesen eine Geschenkaktion im großen Stil ausgedacht. Eine Million Märchenbücher werden verschenkt. Erhältlich sind die Bücher bei Amazon und den Aktionspartnern Thalia, Mayersche, Hugendubel sowie deren Online-Shops. Auch in einer Stuttgarter Geschäften kann man sich das Märchenbuch sichern. Zunächst sollten örtliche Buchhandlungen bei der Aktion jedoch keine Rolle spielen. Das sorgte für viel Unmut in der Branche.

„Es war einmal – Neue und klassische Märchen“ heißt das Buch, das am Weltkindertag an alle Interessierten verschenkt wird. Darin sind 16 Erzählungen. Zum einen findet man Klassiker der Gebrüder Grimm wie „Der gestiefelte Kater“ oder „Der Froschkönig“. Zusätzlich dazu enthält das Buch fünf neuere Märchen. Die Klassiker werden jeweils von einem Vorwort eines Prominenten eingeleitet. Mit dabei sind unter anderem Moderatorin Birgit Schrowange, Starkoch Steffen Henssler und die Travestiekünstlerin Olivia Jones.

Wittwer kooperiert schweren Herzens mit Amazon

In Stuttgart ist das Märchenbuch in allen Wittwer-Filialen, die mittlerweile zu Thalia gehören, erhältlich. „Wir wollen den Kindern eine Freude machen und ihnen zeigen: Lesen gehört zum Leben dazu“, sagt Rainer Bartle, Filialleiter des Buchhauses Wittwer am Schlossplatz. Für ihn sei die Aktion eine Investition in die Zukunft der Kinder, denn wer als Kind lese, werde auch als Erwachsener lesen. Gerade in der heutigen Zeit, wo sich alles Richtung Elektronik verschiebe, sei das wichtig, so Bartle.

Trotzdem mag einem die Kooperation mit Amazon, der Plattform die seit Jahren Buchhandlungen in den Ruin treibt, etwas seltsam vorkommen. „Ja, Amazon ist unser stärkster Mitbewerber. Aber bei der Aktion geht es um die Sache, nämlich die Kinder“, sagt Bartle. Dafür sei es richtig, sich mit dem Marktführer Amazon zu verbinden – wenn auch schweren Herzens.

Börsenverein öffnete Aktion für lokale Buchhändler

Auch die Filiale von Kooperationspartner Hugendubel im Dorotheen Quartier bietet die Bücher an, ebenso eine Handvoll örtlicher Buchhandlungen in Stuttgart. Der Kinderbuchladen Naseweis an der Silberburgstraße 42, die Buchhandlung Brucker am Rosenbergplatz 3 und die Buchhandlung Ebert an der Filderbahnstraße 9 verschenken laut Amazon ebenfalls die Bücher.

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Dass auch örtliche Buchhändler bei der Aktion mitmachen können, war zunächst gar nicht vorgesehen. In der Buchbranche sorgte das für Aufruhr. Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sagte im Juli gegenüber dem Börsenblatt: „Solche Aktionen, bei denen zudem der komplette unabhängige Buchhandel ausgeschlossen ist, dienen nicht dazu, einen Buchmarkt,der für Qualität und Vielfalt steht, zu fördern – sie schaden ihm.“ Die Verschenkaktion sei sogar ein Anlass gewesen, „die Mitgliedschaft des Börsenvereins im Stifterrat der Stiftung Lesen zu überdenken“, so Skipis weiter. Auf Bestreben des Börsenvereins und mehrerer Einzelner öffnete Amazon die Aktion schließlich für den örtlichen Buchhandel und Inhaberinnen und Inhaber lokaler Buchhandlungen konnten kostenfrei Exemplare der Märchenbücher beziehen.

„Die Aktion geht am Buchhandel vorbei“

Maike Giebner vom Kinderbuchladen Naseweis ist eine von ihnen. „Es ist einfach eine gute Sache, Lesen in jede Richtung zu fördern. Warum also den Kunden nicht ein Buch schenken?“, sagt die Geschäftsführerin. Dafür mit Amazon zu kooperieren störe sie nicht. Vielmehr könnten die Kunden so sehen, dass sie nicht nur online das Gratisbuch bekommen können, sondern auch vor ihrer Haustüre, meint sie.

Doris Siegle sieht das anders. Sie führt seit 35 Jahren die kleine Markusbuchhandlung an der Filderstraße 29 und macht bewusst nicht bei er Verschenkaktion mit. „Die Aktion geht am Buchhandel vorbei“, sagt Siegle. Auch wenn sie den Ansatz, Kindern Bücher zu schenken generell nicht schlecht fände, ärgere sie, dass die Aktion nur für große Buchhändler entworfen wurde. Besonders vor dem Hintergrund, dass eh schon immer mehr unabhängige Buchhandlungen von Riesen wie Thalia geschluckt würden, so Siegle. „Selbst wenn ich gefragt worden wäre, ich hätte mich nicht beteiligt“, schließt die Geschäftsführerin daher.

Giveaways machen einen nicht zum Leser

Auch in der Buchhandlung Pörksen an der Schwabstraße 26 werden am Weltkindertag keine Märchenbücher verschenkt. Inhaberin Janka Pörksen sieht das gelassen. „Ich fühle mich nicht übergangen“, sagt sie. Bei der Aktion hätte sie sowieso nicht mitgemacht. Sie sei ihr zu kurz gedacht. „Ich bin seit 30 Jahren in dieser Buchhandlung und mache die Erfahrung, dass es wichtig ist, dass die Kinder eine Auswahl an Büchern haben und sich dann aktiv eines aussuchen“, sagt Pörksen. „Nur so wird man zum Leser, nicht durch Giveaways.“

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