Ambitionierter Wohnbau in Stuttgart Holz und Beton: Wie Stuttgarter Architekten das Mehrfamilienhaus neu erfanden

Das Mehrfamilienhaus in Stuttgart-Wangen, geplant vom Stuttgarter Architekten Eduard Fischer. Foto: Pakula & Fischer, Illustration: Ruckaberle

Ein Wohnhaus als Nachverdichtungsprojekt im Herzen von Stuttgart-Wangen – so erschaffen Pakula & Fischer Architekten einen Wohntraum für pragmatische Großstädter.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Kaum ist man um die Ecke gebogen, wird man angesprochen. Von einer unbekannten Frau, Mitte dreißig vielleicht, mit Kinderwagen. Ihre schweigende Freundin ist mit dabei. Die Frau mit dem Kinderwagen ist sehr neugierig.

 

Man hätte mich beim Vorbeigehen im angeregten Gespräch mit zwei Herren bemerkt, ich wäre doch gerade in dem neuen Haus mit der dunkelgrauen Fassade gewesen, nicht wahr, wahrscheinlich wegen einer Wohnungsbesichtigung. Ob es denn noch freie Wohnungen gäbe? Zur Miete oder zum Kauf? Wie groß die Wohnungen denn wären? Und der Quadratmeterpreis?

Markante Erker, fünf Stockwerke

Man könnte nach dieser spontanen Begegnung in Stuttgart-Wangen durchaus konstatieren: die Statistiken lügen nicht. Die Menschen sind tatsächlich auf der Suche nach Wohnraum, gerade in den urbanen Ballungsräumen. Man sucht und findet wenig, denn es wird zu wenig gebaut. Gerade Familien suchen oft verzweifelt jahrelang nach größeren Wohnungen im Stadtzentrum, Senioren wiederum finden kaum bezahlbare Bleiben, die barrierefrei gestaltet sind und einen Aufzug besitzen.

Umso auffälliger ist das frisch erstellte Wohnhaus in der Nähterstraße. Der architektonisch ambitionierte Bau ist auch deswegen in dieser Umgebung ungewöhnlich, weil es eine Holz-Hybridkonstruktion ist. Fünf Stockwerke, mit markanten Erkern versehen. Unter- und Erdgeschoss bestehen aus Stahlbeton und bilden das Fundament für den darüber errichteten Holzbau.

Die eingebauten Holz-Beton-Verbunddecken zwischen den Geschossen sind ebenfalls nicht der handelsübliche Standard, haben aber den entscheidenden Vorteil gegenüber herkömmlichen Deckensystemen, dass sie in Form von Fertigteilen vorgefertigt und an Ort und Stelle montiert werden können.

Relativ schnelle Bauzeit in Stuttgart

Diese Arbeitsweise galt aber nicht nur für die Geschossdecken. „Damit der Rohbau schneller errichtet werden konnte, haben wir mit einem höheren Vorfertigungsgrad gearbeitet, etwa bei den Nasszellen. Das ermöglichte eine schnelle Handhabung auf der Baustelle und den Gewerken ohne allzu lange Wartezeiten.“

Marc Jansen war als Projektleiter für die Gustav Epple Baukonzept GmbH mit Sitz in Ostfildern verantwortlich für die Umsetzung des straff geplanten Baukonzepts. Er ist bei der Besichtigung sichtlich stolz und erleichtert. Nach akribischer Vorbereitung wurde das Haus 2025 fertiggestellt, Baubeginn war 2023.

Jeder Quadratzentimeter zählt in Stuttgart-Wangen

Das klingt sportlich, schließlich wurde das Mehrfamilienhaus mit acht Eigentumswohnungen – die Einheiten haben 47 bis 99 Quadratmeter Wohnfläche – nicht auf der grünen Wiese realisiert, sondern mitten in Stuttgart-Wangen, zentrumsnah, am Fuße der Wangener Höhe, auf einem zuvor unbebauten Grundstück.

Stichwort: Nachverdichtung im städtischen Raum. „Wir wollten den Wohnraum maximieren“, sagt der technische Leiter Marc Jansen. Gut, dass man keine neuen Straßen oder Wege anlegen musste, das war und ist im öffentlichen Interesse. Und dennoch wird einem bewusst, dass an so einer neuralgischen Stelle jeder Quadratzentimeter zählt, um ausreichend Wohnraum zu schaffen.

Stuttgarter Balkonbrüstungen erinnern an Paris

Also geht es hier sehr eng zu, das merkte man spätestens bei der Einrichtung der Baustelle. Der Abstand zum Nachbarhaus? Es fehlt nicht viel und man könnte sich von Wohnung zu Wohnung die Hand geben. Und dann wären da noch die Bestandsbauten aus unterschiedlichsten Bauepochen in der unmittelbaren Nachbarschaft, die den Charakter des Viertels prägen. Als Planer kann man das freilich ignorieren.

Nachverdichtung in gewachsener Siedlung: der Neubau in Stuttgart-Wangen Foto: Pakula & Fischer

Oder darauf eingehen, dass die Häuserzeile nebenan wahrscheinlich aus den 1930er Jahren eine prägnante Fassade aufweist. „Mit den Erkern reagieren wir auf den Kontext der Umgebung“, sagt Eduard Fischer von Pakula & Fischer Architekten, als er vor dem Haus steht und auf die Lärchenholzfassade zeigt.

Die Details wirken überzeugend. Das Satteldach schließt bündig ab, die abgerundete Ecke zur Straße verleiht dem Baukörper etwas Spielerisches, die filigranen Balkonbrüstungen erinnern an Pariser Fenster, da hat sich jemand wirklich etwas gedacht. „Man sieht es an der Aufständerung oder an der aufgelösten Ecke – das Gebäude sollte eine gewisse Leichtigkeit erhalten“, sagt Eduard Fischer.

Architekturbüro im Stuttgarter Westen

Pakula & Fischer wurde vor zehn Jahren von Jakub Pakula und Eduard Fischer gegründet, das Büro findet sich im Stuttgarter Westen. Und wie das so ist, hat man sich als noch relativ junges Team im Westen eingerichtet, der Arbeitsplatz, die Schulen für die Kinder. Trotzdem hätte Eduard Fischer nach der Fertigstellung des Gebäudes in Stuttgart-Wangen beinahe die Umzugskartons gepackt. „Wir sind sehr glücklich mit dem architektonischen Ergebnis. Ich selbst habe ernsthaft darüber nachgedacht, mit meiner Familie in eine der Wohnungen zu ziehen.“

Helles Parkett, dunkle Küche

Das ist schon mal ein gutes Zeichen, wenn ein Architekt mit seinen Liebsten bereitwillig in jenes Haus ziehen würde, für das es gestalterisch verantwortlich zeichnet. Und wenn man dann in einer der noch nicht verkauften Wohnungen steht, weiß man auch, warum. Knapp 80 Quadratmeter groß, heller Parkettboden, ein Balkon – und die dunkle Küchenzeile im offenen Wohn- und Essbereich mit den hochwertigen Geräten wartet bereits auf die neuen Eigentümer.

Das Bad samt bodengleicher Dusche, großformatige Fliesen und kleinem Lüftungsfenster ist wie schon erwähnt vorgefertigt eingebaut worden, aber das sieht man an keiner Stelle. Alles wirkt sehr wertig. Die Fußbodenheizung wird über eine Wärmepumpe im Hof betrieben. Und vor der Wohnungstür ist der Aufzug, was das Wohnen im Alter leichter macht.

Dass das Haus durch seine Bauweise und architektonische Konsequenz überzeugt, ist offensichtlich. Dennoch wirkt das Gebäude nicht wie ein Fremdkörper, im Gegenteil. Der Entwurf von Pakula & Fischer wertet das Quartier dezent auf. Dass das Gebäude von jeder Seite aus betrachtet ein Gewinn ist und die ökologisch-rustikale Materialanmutung durchweg stimmt, hat am Ende dennoch einen Preis. „Keine Frage, wir stehen zum nachhaltigen Bauen, doch ehrlicherweise muss man sagen: Es ist unterm Strich teurer als eine konventionelle Bauweise“, sagt Marc Jansen.

Praktisch geschnittene Wohnungen mitten in der City

Und das wiederum spiegelt sich im Quadratmeterpreis, den sich nicht jede Familie leisten können wird. Die ersten sind trotzdem schon eingezogen. Das Absurde ist aber, dass der Bedarf an genau solchen energieeffizienten Mehrfamilienhäusern trotz aller Diskussionen und Appelle weiterhin immens ist und Menschen nicht nur in Stuttgart von genau solchen praktisch geschnittenen Wohnungen in gut gestalteten Gebäuden träumen. Mitten in der Stadt, fünf Gehminuten bis zur nächsten Stadtbahnhaltestelle, zwei Supermärkte gleich nebenan. Einfach nur einziehen und wohnen.

Weitere Themen