Ambulante Behandlung Niedergelassene Ärzte schlagen Alarm

Vor allem bei Hausärzten spielt das Vertrauen zwischen Arzt und Patient eine wichtige Rolle für den Behandlungserfolg. Foto: dpa/Benjamin Ulmer
Vor allem bei Hausärzten spielt das Vertrauen zwischen Arzt und Patient eine wichtige Rolle für den Behandlungserfolg. Foto: dpa/Benjamin Ulmer

Die Regionale Kliniken Holding für Ludwigsburg und Umgebung wird zunehmend im ambulanten Bereich aktiv. Die Kollegen mit eigener Praxis befürchten eine schlechtere Patientenversorgung in der Fläche.

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Ludwigsburg - Die Regionale Kliniken-Holding weitet ihre ambulanten Angebote aus. Dazu gehört beispielsweise die – von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlte – Nachbetreuung von Krebspatienten mit naturheilkundlichen Methoden. Zugleich übernimmt die RKH auch Praxen niedergelassener Fach- und Allgemeinärzte, die altershalber aufgeben, und macht daraus medizinische Versorgungszentren (MVZ).

Was aus Patientensicht gut scheint, ist nicht unproblematisch. Das machen einige niedergelassene Ärzte deutlich, die sich zu einem „Arbeitskreis Qualität in der niedergelassenen Medizin im Landkreis Ludwigsburg“ zusammengeschlossen haben.

Versorgungszentrum kann Hausarzt nicht ersetzen

Den Praxis-Ärzten stößt der Vorstoß der Kliniken nicht nur wegen des aus ihrer Sicht unfairen Wettbewerbs sauer auf. Als Beispiel nennen der Pleidelsheimer Allgemeinmediziner Jürgen Herbers und der Möglinger Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Michael Ruland, die Mitbegründer des Arbeitskreises und auch in diversen Ärzteverbänden berufspolitisch aktiv sind, das unlängst am Klinikum Ludwigsburg eröffnete MVZ mit allgemeinmedizinischem Schwerpunkt.

Denn das sei in puncto Qualität nicht mit einer Hausarztpraxis vergleichbar, betonen Herbers und Ruland: „Anders als ein Hausarzt bietet das MVZ beispielsweise keine Hausbesuche und übernimmt auch nicht die wichtige Betreuung chronisch kranker Patienten.“ Auch „Wege zu bahnen und Kranke zu leiten“, sieht Herbers als klassische Hausarztaufgabe und nicht als die eines Krankenhauses: „Wir betreuen die Patienten ja auch noch in zwölf Jahren.“

Hinzu komme noch ein anderer Aspekt, sagt Ruland: „Das MVZ am Klinikum Ludwigsburg wurde mit dem Ziel gegründet, dort eine Post-Covid-Ambulanz zu machen. Das ist aber nicht die Aufgabe einer Hausarztpraxis. Ich gehe nicht davon aus, dass der bisherige Patientenstamm der Kollegin, die ihre Praxis aufgegeben hat, dorthin wechseln wird. Das heißt, diese Patienten verteilen sich auf andere Praxen.“ Die Versorgungsverantwortung, die man als Arzt mit seiner Praxis übernehme, sieht er beim Klinik-MVZ nicht als gegeben. Auch könne ein MVZ mit wechselnden Personal nicht die für die Behandlung so wichtige Kontinuität der Arzt-Patienten-Beziehung bieten.

Klinikzentrierung als Gefahr für ärztliche Versorgung?

Was für zusätzliche Spannungen zwischen RKH und niedergelassenen Ärzten gesorgt hat: Letztere haben vom neuen Klinik-MVZ aus der Presse erfahren – und nicht aus kollegialen Gesprächen im Vorfeld, obwohl es solche gegeben habe, wie Ruland betont.

Und das neue MVZ ist kein Einzelfall: In Marbach wurde die stationäre Versorgung zugunsten ambulanter Angebote komplett aufgegeben. Eine Ludwigsburger Orthopädiepraxis gehört inzwischen zur Orthopädischen Klinik Markgröningen, auch eine gynäkologische Praxis in Vaihingen an der Enz wanderte nach der altersbedingten Abgabe unter das Dach der RKH. Am Standort Mühlacker betreibt die RKH ein MVZ Allgemein- und innere Medizin, in Neuenbürg eines mit rheumatologischem Schwerpunkt. Durch die Klinikzentrierung sieht Herber die Versorgung in der Fläche Ort gefährdet.

Ganz abgesehen davon habe das Ganze natürlich auch finanzielle Auswirkungen für die niedergelassenen Ärzte, erklären die beiden Allgemeinmediziner – und das sei insofern unfair, als Praxisinhaber keinen Landkreis im Rücken hätten, der notfalls für Verluste aufkomme. Die auch von politischer Seite gewollte zunehmende Durchlässigkeit der stationären und ambulanten Sektoren laufe bloß in eine Richtung – weg von den klassischen Arztpraxen, hin zu den Kliniken.

Grenzen zwischen ambulant und stationär sollen überwunden werden

Der RKH-Geschäftsführer Professor Jörg Martin räumt Versäumnisse in der Kommunikation mit den niedergelassenen Kollegen ein, macht aber deutlich, es handle sich seitens der Kliniken nicht um ein konkurrierendes, sondern um ein ergänzendes Angebot „im Sinne der Patienten“. Denn die strikte Aufteilung in die beiden Aufgabenbereiche ist aus seiner Sicht überholt und dem Wohl des Patienten nicht zuträglich: „Die Medizin wird ambulanter werden, und das wird nur zusammen mit den niedergelassenen Ärzten gelingen“, betont er. Die Digitalisierung sieht er als wichtiges Hilfsmittel, um die Grenzen zu überbrücken. So seien beispielsweise in Dänemark sämtliche Patientendaten inklusive Röntgenaufnahmen für den jeweils behandelnden Arzt zugänglich. Auch im Landkreis Ludwigsburg sei man soweit, „da könnten wir Vorreiter sein“, betont er.

Gefahr durch fachfremde Investoren

Als wahren Feind betrachtet Jörg Martin Hedgefonds, die zum Verkauf stehende Kliniken erwerben und gleich ein medizinisches Versorgungszentrum gründen. Eine Sorge, die nach Aussage ihres Pressesprechers Kai Sonntag auch die kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg teilt: „Unser Problem liegt nicht darin, wenn eine Klinik ein MVZ eröffnet. Wir sehen ein Problem, wenn hinter einer MVZ-Eröffnung Investoreninteressen stecken, die wir gar nicht kennen. Ebenso sehen wir es als kritisch an, wenn MVZ eröffnet werden, die sich auf einen kleinen (lukrativen) Teil der Versorgung konzentrieren und alles andere den Praxen überlassen.“ Jürgen Herbers sieht das Ganze ein wenig anders: „Wir wollen natürlich auch keine fachfremden Investoren, die nur am Gewinn interessiert sind. Aber für uns Niedergelassene ist es im Ergebnis kein großer Unterschied, wer das MVZ betreibt.“




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