Chronisch kranke Kinder werden heute schneller aus der Klinik entlassen als vor 15 Jahren. Die Pflegedienste, die die ambulante Versorgung übernehmen sollen, leiden unter Personalnot. Was für Folgen das hat, darüber berichtet eine Mutter.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Familie Buch hat viel Erfahrung mit ambulanter Kinderkrankenpflege – und das nicht nur gute. Ihre Tochter Liv ist mit komplexen Fehlbildungen an der Speiseröhre und an der Lunge auf die Welt gekommen: Beide Stimmbänder sind gelähmt, schlucken kann das Kleinkind nicht. Als sie im Alter von neun Monaten aus dem Olgahospital entlassen wurde, musste sie dauerhaft über eine Luftröhrenöffnung beatmet werden. Das machte sie zur Intensivpatientin. „Zu uns sind schon Altenpflegerinnen und Arzthelferinnen gekommen, die für diese Pflege gar nicht qualifiziert sind“, berichtet Mary Buch. Wegen der Personalnot werde auch gering qualifiziertes Personal eingestellt. Einen Pflegedienst hat die Familie deshalb schon gewechselt.

 

Mary Buch kann ihrem Beruf als Mitarbeiterin einer Krankenkasse gerade nicht nachgehen. Anspruch habe sie eigentlich auf 16 Stunden Unterstützung durch einen Pflegedienst am Tag beziehungsweise knapp 500 Stunden im Monat. „Manchmal schafft der Pflegedienst 400 Stunden, manchmal nur 300 Stunden, den Rest muss ich abdecken“, sagt die Mutter. Familie Buch ist kein Einzelfall.

Patienten werden früher entlassen und ambulant behandelt

Im Olgahospital sieht man ein so großes Problem bei der ambulanten Versorgung, dass kürzlich zu einem Diskussionsforum eingeladen worden ist – Überschrift: „Chronisch krank und das Recht auf Leben in der Familie – wer trägt die Verantwortung?“ Die Veranstaltung machte klar, dass mehrere Phänomene bei dem Thema zusammen kommen: Es überleben mehr Kinder dank des medizinischen Fortschritts. Die kleinen Patienten werden als Folge der Gesundheitsreform relativ früh, das heißt in einem schlechteren Zustand als vor 15 Jahren, nach Hause entlassen, sodass die Aufgabe für die Pflegedienste anspruchsvoller geworden ist. Diese jedoch haben mit Personalmangel zu kämpfen. „Wir sind auf die ambulante Weiterbehandlung angewiesen“, betont der Klinische Direktor des Klinikums, Jürgen Graf. Weil es immer mehr Frühchen gebe, würden in Zukunft noch mehr Kinder auf ambulante Betreuung angewiesen sein, sagt die Oberärztin Claudia Blattmann von der sozialmedizinischen Nachsorge des Olgäles.

Keine Bewerber auf Stellenanzeigen

Der Verwaltungsleiter der Häuslichen Kinderkrankenpflege Stuttgart, Thomas Albrecht, legt Wert auf die Feststellung, ausschließlich Kinderkrankenschwestern zu beschäftigen, die intensiv fortgebildet seien. Unter dem Fachkräftemangel leidet aber auch sein Dienst. Das Team sei unterbesetzt. „Überstunden sind an der Tagesordnung.“ Der Personalmarkt sei leer gefegt. Das merkt man auch bei der stationären Einrichtung Arche Intensivkinder bei Tübingen, eines der wenigen Häuser in Deutschland, das beatmete Kinder bei sich aufnimmt: Laut der Leiterin Sabine Vaihinger sind von den 24 Vollzeitstellen in ihrem Haus fünf unbesetzt. Laufend müssten Überstunden gemacht werden. Auf ihre Stellenanzeigen habe sich niemand beworben. „Die wenigen Fachkräfte, die ausgebildet werden, schlucken die Kinderkliniken“, schildert Sabine Vaihinger das Dilemma. Sie fordert, dass der Beruf aufgewertet wird. Krankenhausbürgermeister Werner Wölfle (Grüne) glaubt ebenfalls, dass nachgebessert werden muss – und setzt darauf, dass den Gesetzen der Marktwirtschaft folgend das auch passieren wird.

Der Geschäftsführer der AOK Stuttgart-Böblingen, Christian Kratzke, erkennt den „Pflegenotstand“ zwar an, dämpft jedoch die Erwartungen auf eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte. Die Einnahmen der Pflegekassen seien nun einmal gedeckelt. Gebe man mehr Geld fürs Personal aus, müsste woanders gespart werden. Oder die Gesellschaft müsse sich entscheiden, den Pflegebeitrag anzuheben.

Mehr Verständnis für Eltern gefordert

Der Klinische Direktor Graf schlägt als Lösung vor, die Grenzen zwischen ambulant und stationär aufzuheben, damit das Gesamtsystem besser wird, aber nicht teurer. In diesem Modell würden klinische Fachkräfte also auch die Betreuung zu Hause übernehmen – ein Vorschlag, der zumindest bei Familie Buch gut ankommt.

Wölfle meint zudem, dass im Gesundheitssystem durch die „vielen Kontrollmechanismen“ Geld versenkt werde, das nicht bei den Kindern ankommt. Sabine Vaihinger pflichtet dem bei: Sie habe ihr im Alter von 13 Jahren gestorbenes Kind gepflegt. Die Anrufe, die sie von der Krankenkasse bekommen habe, regen sie heute noch auf. Es werde einem immer unterstellt, man verprasse das Geld – damals als Mutter wie heute in der Kinderkrankenpflege.

Friedrich Porz vom Bundesverband Bunter Kreis, einem Verband der sozialmedizinischen Nachsorge, fordert mehr Verständnis für Eltern. Besonders beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, dem er zu wenig Sachverstand vorwirft, sieht er Nachholbedarf.