Wiederholungsgefahr bei Amed Sherwan, der nicht aufhören will, den Islam zu kritisieren – und dabei schon auch polemisiert. Wiederholungsgefahr bei fundamentalen Gläubigen, die dies kritisieren, und natürlich Wiederholungsgefahr bei Facebook und Co, die womöglich erneut das Profil sperren. So wie kurz vor Weihnachten. Deswegen trifft man sich in Kürze vor Gericht, dem Landgericht in Flensburg, um genau zu sein.
Sich küssende Männer vor der Kaaba
Es waren eigentlich zwei Beiträge, mit denen Sherwan eine ganze Menge Menschen gegen sich aufbrachte. Da war zum einen diese Fotomontage. Zwei Männer küssen sich vor der Kaaba, einem der zentralen Heiligtümer des Islam. Das hatte einen wütenden Aufschrei in der islamischen Welt zur Folge, und einen weiteren Post von Amed Sherwan. „Nicht einmal Euer Allah“ werde seinen Facebook-Account hacken können, schrieb er. Kurze Zeit später war er still gelegt. „Man darf in einem säkularen Rechtsstaat nicht für Religionskritik bestraft werden“ sagt Jacquelin Neumann vom Institut für Weltanschauungsrecht. Die Einrichtung der Giordano-Bruno-Stiftung gehört zu den Unterstützern von Amed Sherwan.
Mit Provokationen hat Amed Sherwan so seine Erfahrungen. „Allah is gay“ stand auf seinem T-Shirt, mit dem er im Sommer 2018 beim Berliner CSD unterwegs war – auf Deutsch „Allah ist schwul“. Das ist provokant, klar. Aber wenn man etwas bewegen wolle, dann müsse man auch mal Grenzen überschreiten, sagt Amed Sherwan unserer Zeitung. Und „schwul ist für mich ganz sicher keine Beleidigung“, so der Mann.
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Von den eigenen Eltern angezeigt
Das war vor ein paar Jahren noch ganz anders. Aufgewachsen ist Amed Sherwan im Nordirak, fest eingebunden in den Islam und die dortigen Wertvorstellungen. Und als er sich von dem Glauben schon lange gelöst hatte, war das Weltbild des Islam noch tief in ihm verwurzelt. 2014 kam Sherwan über die Balkanroute nach Deutschland, 16 Jahre war er damals alt. „Ich habe da immer noch geglaubt, dass Schwule einfach krank sind“, erzählt er heute im Rückblick. Der Kontakt zur schwul-lesbischen Szene in Flensburg hat das geändert. Dort lebt Sherwan auch nachdem sein Asyl anerkannt wurde.
Dass er im Irak damit begann den Islam zu hinterfragen hat wieder mit Facebook zu tun. Als Teenager bekam er den Link zu einer Facebook-Seite mit der Bitte, diese als gotteslästerlich zu melden. Amed Sherwan sah sich die Seite an, und danach noch viele weitere.
Danach war bei ihm da dieses Gefühl, dass etwas falsch laufe, wenn man nicht einmal der eigenen Cousine die Hand geben darf. Die Eltern hatten das Gefühl, dass mit ihrem Jungen etwas falsch laufe, zeigten ihn bei der Polizei an und brachten ihn zu einem Teufelsaustreiber. Mit Hilfe eines Verwandten gelang die Flucht. „Ohne Facebook“, sagt Amed Sherwan, „wäre ich vermutlich nicht in Deutschland“.
Ein Anwalt mit Erfahrung
Eine Liebesbeziehung zwischen dem Islamkritiker und dem Internetriesen ist gleichwohl nicht entstanden, im Gegenteil. So wie Amed Sherwan im Irak dazu aufgerufen wurde, islamkritische Seiten zu melden, so werden tausende, wenn nicht hunderttausende Menschen dazu animiert, dies zu tun, heißt es beim Institut für Weltanschauungsrecht. Das sieht nicht nur Joachim Steinhöfel als Skandal, der Sherwan vor Gericht vertritt. Es ist ein Mann mit Erfahrung auf diesem Gebiet.
Vor drei Jahren erwirkte Steinhöfel den deutschlandweit ersten Beschluss, in dem ein Gericht die Löschung eines Facebook-Kommentars als Verstoß gegen die Meinungsfreiheit bewertete. „Facebook, YouTube & Co. können nicht nach Gutsherrenart löschen, was sie wollen. Diese Monopolisten müssen die Grundrechte der Nutzer, besonders die Meinungsfreiheit, beachten“, sagt Steinhöfel. Aus der Frankfurter Anwaltskanzlei von Facebook heißt es: „Kein Kommentar“.
Und Amed Sherwan, dem der Schalk im Nacken zu sitzen scheint, sagt, dass er doch schon vor dem Prozess großes erreicht habe. Bei den Drohungen und Hasstiraden gegen ihn sei die muslimische Welt weitgehend vereint gewesen, Suniten und Schiiten schimpften Seite an Seite. „Die Moslems vereinigt zu haben, wer kann das schon von sich behaupten“, sagt Amed Sherwan. Sein Grinsen scheint man durch den Telefonhörer zu sehen.