In der Nacht vom 11. auf den 12. Februar treffen dort im großen Finale der US-Spitzenliga NFL die Kansas City Chiefs und die San Francisco 49ers aufeinander. Ziemlich sicher wird dann auch Luca Jokiel dabei sein – allerdings: am TV-Gerät, nicht irgendwo zwischen den Yard-Linien. Aber: Er glaubt daran, dass sich das irgendwann vielleicht einmal ändert. „Die NFL“, sagt er, „ist der Traum, das ist in unserem Sport einfach das Größte.“ Und auf dem Weg dorthin hat der Offensivspieler immerhin schon einen, wenn nicht gar zwei wichtige Schritte zurückgelegt.
Auf dem Papier stellt sich das natürlich anders dar. Im vergangenen Jahr stand der 24-Jährige in der Offensive Line von Stuttgart Surge und schaffte es mit dem Team bis ins Finale der European League of Football (ELF). Im kommenden Jahr trägt er erneut das dunkelblaue Trikot der Stuttgarter, er will mit der Mannschaft „Geschichte schreiben“, also den Titel holen. Mit der NFL hat das alles erst einmal nur indirekt zu tun.
Aber: Die Leistungen, die Luca Jokiel bis 2022 für die Heidelberg Hunters und seitdem für Stuttgart Surge unter Coach Jordan Neuman zeigte, sind nicht unbeachtet geblieben. Auch nicht von den Talentspähern der NFL – die Jokiel im vergangenen Herbst schon zum zweiten Mal zu einem Sichtungscamp und Leistungstest des International Pathway Program (IPP) eingeladen haben.
In diesen Camps dürfen Footballer außerhalb der USA vor den NFL-Scouts ihr Können zeigen – wer überzeugt, rückt eine Runde weiter und schafft es womöglich in den Kader eines der Teams in Übersee. Der Weg ist zwar auch über das IPP nicht leicht, da jedes Jahr nur wenige Spieler ausgesucht werden. Aber: Er ist möglich – auch von Stuttgart aus.
Jakob Johnson und Marcel Dabo als Vorbilder
Vorgemacht haben das einst Marcel Dabo und Jakob Johnson. Dabo, 24 und Defensivspieler, stand in der Saison 2021 noch bei Stuttgart Surge unter Vertrag, heute gehört er zum Team der Indianapolis Colts. Johnson ist den Schritt von den Stuttgart Scorpions in die USA bereits 2019 gegangen, zuletzt spielte der Fullback bei den Las Vegas Raiders und ist Miteigentümer von Stuttgart Surge. „Diese Beispiele“, sagt Luca Jokiel, „machen Mut. Es wird gesehen, dass auch gute deutsche Spieler auf der Football-Landkarte zu finden sind.“
Dass er selbst schon im Jahr 2022 gefunden worden ist, überraschte dann aber doch. Denn bis dahin spielte er weder in der ELF noch in der German Football League (GFL), sondern hatte in Heidelberg lediglich den Hunters zu zwei Aufstiegen bis in die Regionalliga verholfen. „Für mich ist in den vergangenen Jahren alles sehr schnell gegangen“, sagt er. Dass er es nach seiner ersten ELF-Saison noch einmal in den sogenannten „Combine“ geschafft hat, zeigt, dass Luca Jokiel seine Leistungen auch auf höherem Niveau bestätigen konnte. Zumal im Gegensatz zu 2022 diesmal deutlich weniger Spieler ins Camp nach England eingeladen worden waren.
Gemeinsam mit elf anderen Talenten gab es Trainingseinheiten, ein Videostudium und Gespräche. „Die Trainer dort wollen sehen, wie schnell jemand lernt, wie gut jeder einzelne zu coachen ist“, sagt Jokiel – der in der Nähe von London nicht nur andere Footballer traf, sondern auch Athleten aus anderen Sportarten. Ein Rugbyspieler war dabei und bereit zur Umschulung, auch ein Leichtathlet, dessen Schnelligkeit beeindruckte.
Acht von rund 40 Footballern sind 2022 nach dem „Combine“ ins eigentliche IPP aufgenommen worden, was allerdings auch noch keinen festen Platz in einem NFL-Team bedeutet. So setzte sich etwa Marlon Werthmann seinerzeit durch, spielte dann aber im vergangenen Jahr doch in der ELF bei Stuttgart Surge.
Luca Jokiel ist nun bereits zweimal nicht für den nächsten Schritt in Richtung USA ausgewählt worden. Telefonisch wurde ihm die Entscheidung mitgeteilt, „da war ich schon ein wenig enttäuscht“, gibt er zu. Aber: Er habe auch ein wichtiges persönliches Feedback bekommen, woran er noch arbeiten muss. Deshalb sagt er mit ein wenig Abstand: „Es war wieder eine klasse Erfahrung.“
Arbeit in allen Bereichen
Zu Hause in der Nähe von Heidelberg und in Stuttgart arbeitet er nun daran, dass er nicht nur mit der Surge Titelreife erlangt, sondern sich auch persönlich noch einmal entwickelt. „Ich muss in allen Bereichen noch besser werden“, sagt der 2,04 Meter große und fast 150 Kilogramm schwere Footballer, der derzeit vor allem in Sachen Athletik schuftet. Um die Football-Karriere forcieren zu können, arbeitet er in seinem eigentlichen Job im technischen Büro beim Verkehrsverbund Rhein-Neckar auf einer 40-Prozent-Stelle. „American Football“, da ist er sicher, „hat in Deutschland und Europa noch großes Potenzial. Allein die ELF hat sich rasant entwickelt. Diesen Wandel mitzuerleben ist etwas sehr Schönes.“
Aber es gibt was noch Schöneres. Jedes Jahr im Februar.