American Football in Europa Eine Hängepartie – auch für Stuttgart Surge
Weiterhin ist unklar, ob es die Football-Rebellen um Stuttgart Surge schaffen, wie angekündigt 2026 in einer eigenen Liga zu spielen. Sicher ist nur eines: Die Zeit drängt.
Weiterhin ist unklar, ob es die Football-Rebellen um Stuttgart Surge schaffen, wie angekündigt 2026 in einer eigenen Liga zu spielen. Sicher ist nur eines: Die Zeit drängt.
Nicht nur der Blick der Football-Fans geht an diesem Sonntag (15.30 Uhr) nach Berlin. Im dortigen Olympiastadion treffen die Indianapolis Colts und die Atlanta Falcons aufeinander, es soll mehr als eine Million Ticketanfragen gegeben haben. Doch das Duell der beiden Topteams aus der National Football League (NFL) interessiert nicht nur die Anhänger dieses Sports – sondern auch diejenigen, die Football in Europa weiterentwickeln und mit dem Produkt Geld verdienen wollen. Ein besseres Anschauungsmodell könnte es schließlich nicht geben.
Die NFL ist die profitabelste Sportliga der Welt. Sie setzte 2024 ziemlich genau 20 Milliarden Euro um, die 32 US-Franchises kommen im Schnitt auf einen Wert von 6,62 Milliarden Euro. Das sind schwindelerregende Summen, erst recht aus Sicht der Funktionäre, die derzeit um die Zukunft des hochklassigen europäischen Footballs kämpfen. Dazu gehören auch die Verantwortlichen von Stuttgart Surge.
Angeblich gibt es an diesem Wochenende in Berlin am Rande der NFL-Partie ein Treffen der Vereine, die sich wegen großer finanzieller und kommunikativer Unstimmigkeiten mit Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter Zeljko Karajica von der European League of Football (ELF) losgesagt haben und ihr eigenes Ding durchziehen wollen. Das Problem: Dies läuft offensichtlich alles andere als reibungslos.
Zuletzt gab es sogar das Gerücht, die Franchises, die sich in der European Football Alliance (EFA) zusammengeschlossen und verkündet haben, 2026 in einer eigenen Liga antreten zu wollen, hätten sich bereits wieder entzweit. Zu dem Sextett, das die EFA verlassen haben soll, gehörte den Posts in den sozialen Medien zufolge auch Stuttgart Surge. „Das kann ich nicht bestätigen“, sagt Sascha Müller, der Medienchef des amtierenden ELF-Champions. Oder anders ausgedrückt: Noch steht Stuttgart Surge an der Seite der anderen Rebellen. Allerdings mit einem durchaus kritischen Blick auf das Geschehen.
Dass es Treffen auf Treffen gab, um die neue Liga auf den Weg zu bringen, allerdings noch keinen entscheidenden Schritt nach vorne, sehen die Gesellschafter in Stuttgart mit Sorge. „Die Zielsetzung ist einer gewissen Ernüchterung gewichen, als es an die Konkretisierung ging“, erklärt Müller. Einerseits sei es zwangsläufig Teil eines solchen Prozesses, dass es „unterschiedliche Ansichten“ gebe, andererseits ist klar, dass man sich nicht mehr allzu lange mit sich selbst beschäftigen darf: „Die Beteiligten haben gemerkt, dass die Umsetzung der Pläne doch nicht so einfach ist“, sagt der Surge-Sprecher, „dabei wissen alle, dass die Zeit drängt.“ Auch weil die Konkurrenz nicht untätig ist.
Es ist zwar offen, ob in der nächsten Saison in der European League of Football ein Spielbetrieb stattfinden wird, Sascha Müller aber berichtet von einem der verbliebenen ELF-Teams, das sich aktiv nach Spielern umsehe und dabei auch ganz konkrete Angebote unterbreite. „Das hat uns zwar gewundert, ist aber Fakt“, sagt er – wohl wissend, dass sein eigener Verein Stuttgart Surge derzeit so nicht agieren könnte: „Wir sind in Gesprächen mit Spielern, aber wir können keine Verträge abschließen, ohne zu wissen, in welcher Liga wir spielen. Das ist eine ziemliche Hängepartie.“ Mit unbekanntem Ausgang? Zumindest die EFA ist – offiziell – davon überzeugt, alles im Griff zu haben. Nachdem zuerst Stuttgart Surge („Da wird viel aufgebauscht“) und dann auch Nordic Storm („Diese Behauptungen sind falsch“) erklärt hatten, trotz anderslautender Meldungen weiterhin Mitglieder der Rebellen-Allianz zu sein, verkündete diese am Freitag zwei Neuzugänge.
Demnach werden Teams aus London und Mailand 2026 in der noch zu gründenden Liga spielen. Vor allem die englische Hauptstadt sei „ein wichtiger Markt für die EFA“, sagt Mason Parker, General Manager der Prague Lions. David Gandler, der neue Besitzer des Londoner Teams, bringe „die entsprechenden Erfahrungen in den Bereichen Medien, Veranstaltungsorte und Betrieb mit“. Gandler ist unter anderem Gründer des US-Sportstreamingdienstes FuboTV und Besitzer des Londoner Fußballclubs Leyton Orient FC. Nun müssen die EFA-Mitglieder nur noch die Richtung festlegen, in die es gehen soll. Nach Informationen unserer Zeitung wird derzeit über mindestens zwei Finanzierungs- und Organisationsmodelle gestritten, eines soll Robin Lumsden, der Besitzer der Vienna Vikings, vorgeschlagen haben. Es sieht offenbar den Einstieg eines potenten US-Investors vor, der eine Anschubfinanzierung leisten würde.
Ein Teil der Clubs soll allerdings nach den negativen Erfahrungen mit Zeljko Karajica eine Struktur bevorzugen, die sich an der US-Superliga NFL orientiert. Dort haben die Franchises alle Anteile unter sich aufgeteilt, sie üben die volle Kontrolle aus. Bisher gibt es noch keine Einigung, doch es ist nicht ausgeschlossen, dass sich dies am Wochenende in Berlin ändert. Wie profitabel Football auf allerhöchstem Niveau sein kann, lässt sich dort ja bestens beobachten.