Beim 1982 gegründeten American Football-Club Stuttgart Scorpions waren in den vergangenen Jahren ganz eindeutig die Frauen das sportliche Aushängeschild: Die „Sisters“ sicherten sich 2022 den deutschen Meistertitel, und 2019 sowie in diesem Jahr wurden sie erst im Finale der nationalen Titelkämpfe gestoppt. Ganz anders ging die Entwicklung bei den männlichen Kollegen im Verein vonstatten: Eine über 40 Jahre fast ununterbrochene Zugehörigkeit zur deutschen Eliteklasse, gekrönt von der deutschen Vizemeisterschaft im Jahr 2007, nahm vor drei Jahren mit dem Abstieg aus der Bundesliga Süd ein jähes Ende. Damit aber bei weitem nicht genug: Seitdem befinden die einst starken Männer der Degerlocher sich quasi im freien Fall, mittlerweile mit dem nächsten bitteren Tiefpunkt. Nach insgesamt drei Abstiegen werden sie im nächsten Frühjahr nur noch in der viertklassigen Oberliga Baden-Württemberg antreten. Was ist schief gelaufen?
„Es wurden viele Fehler gemacht. Der letzte Abstieg aus der Regionalliga in diesem Sommer hätte beispielsweise gar nicht sein müssen“, sagt Roland Pellegrino, der seit einem guten Jahrzehnt im Verein ist und diesen seit drei Jahren als Vorsitzender führt. Das aus seiner Sicht alles überlagernde Problem, mit dem die Malaise begann, liegt freilich länger zurück. Es heißt ELF, die europäische Profiliga, welche den Football-Standort Stuttgart spaltete. Mit dem dort beteiligten Unternehmen Stuttgart Surge erwuchs den Scorpions anno 2021 eine plötzliche ortsinterne Konkurrenz, ebenfalls mit Zuhause auf der Waldau, die Personal anlockte. „Wir hatten 90 Spieler und zwölf Trainer im Männerbereich, und innerhalb von ein paar Wochen waren noch fünf Spieler und ein Trainer da“, erinnert sich Pellegrino. Nach einer schweren Zeit des Streits, der Tränen und des eigenen sportlichen Abstiegs vom vormaligen Platzhirschen zum Mitläufer erkennt er inzwischen aber zumindest in den Rahmenbedingungen wieder einen Aufwärtstrend, der im 600 Mitglieder zählenden Verein Hoffnung macht.
Hilfe vom Bundestrainer
Zu tun hat dies auch mit einer Annäherung an den professionellen Rivalen innerhalb des vergangenen Jahres. Zu entscheidenden Figuren wurden dabei der vor zwei Jahren aus Schwäbisch Hall zu Surge gewechselte US-Amerikaner Jordan Neuman und der aus Filderstadt stammende Jakob Johnson. Neuman, zugleich Bundestrainer, zeigte ein offenes Ohr für die Belange des geschwächten Waldau-Nachbarn und half mit wertvollen Tipps. Er vermittelte aus seinem Netzwerk mehrere renommierte Coaches, sodass die Scorpions diese Positionen erstmals seit Jahren wieder von der Jugend bis zu den Aktiven komplett besetzen können. „Zum aktuellen Personal von Surge haben wir eine deutlich bessere Beziehung als zu dem aus der Anfangszeit“, sagt Pellegrino.
Zudem hat der ehemalige Scorpions-Spieler und aktuelle NFL-Profi Johnson (New York Giants) seinen guten Draht zu beiden Clubs genutzt, um gemeinsame Projekte anzustoßen. Beispiel: eine Akademie für den Nachwuchs. „Wir haben ein paar interessante Ideen. Dazu gehört auch, dass Spieler, die den Sprung in den Kader von Surge nicht schaffen, bei uns spielen und uns helfen, wieder aufzusteigen“, sagt Pellegrino.
Mit Hilfe eines nach wie vor in Baden-Württemberg führenden Jugendprogramms sowie durch die Kooperation mit Surge soll nun eine Trendwende gelingen. Der Plan: Das Team von Cheftrainer Geronimo de Pauli möge im Sommer 2025 die direkte Rückkehr in die Regionalliga anpeilen. Und weitere Wiederaufstiege – mindestens zurück in die Zweitklassigkeit – sollen so schnell wie möglich folgen.
„Wenn uns ein Sponsor einen sechsstelligen Betrag geben würde, dann würden wir bezahlte Profis aus den USA verpflichten und der Titelgewinn wäre kein Problem. Da so etwas im Moment aber nicht in Sicht ist, setzen wir verstärkt auf die gute Ausbildung von eigenen Talenten“, sagt Pellegrino und meint dabei auch die Teams im „Flag-Football“, der körperlosen Variante des Sports, die 2028 in Los Angeles erstmals olympisch sein wird.
Pellegrinos Prognose? „Im Moment halte ich es für wahrscheinlicher, dass die Sisters bis 2026 zweimal deutscher Meister werden, als dass die Männer zweimal in Folge aufsteigen.“ Aber, so fügt er an: „Wir sind in allen Bereichen wieder gut aufgestellt und arbeiten daran, dass beides möglich wird.“ Nach dem Absturz gar in die vierte Liga jetzt erst recht.