„Amerika“ mit der Kafka Band Der hypnotische Klang des unwirklichen Kontinents

Von Thomas Morawitzky 

Die Kafka Band verpackt im Stuttgarter Kammertheater Texte aus dem Romanfragment „Amerika“ in wuchtige, dunkle Songs.

Die Kafka Band Foto: Veranstalter
Die Kafka Band Foto: Veranstalter

Stuttgart - „Amerika“ – die Schrift erscheint in großen, weißen Lettern vor einem weiten, blauen Himmel. Vor mehr als 100 Jahren schon konnte sich Amerika in der Fantasie Franz Kafkas vom Traum zu Alptraum wandeln. Aus Brünn, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, kommt die Kafka Band. Am Montagabend steht sie auf der Bühne des Stuttgarter Kammertheaters, weite Horizonte entfalten sich hinter ihr. Sie stellt ihr neues Album vor: „Amerika“ heißt es, wie Franz Kafkas letztes Romanfragment.

Die Geschichte der Kafka Band ist eng mit Stuttgart verbunden. Sechs Jahre sind vergangen, seitdem der Plan zu ihrer Gründung reifte, spät nachts in einer gemütlichen Kneipe am Rande der Leipziger Buchmesse – Erwin Krottenthaler vom Literaturhaus Stuttgart erinnert sich daran. Dort, im Literaturhaus, trat die Kafka Band im November 2013 erstmals auf, präsentierte Songs, inspiriert von Franz Kafkas Roman „Das Schloss“, im Rahmen der Ausstellung „K:KafKa in Comics“, die das Haus mit einer Vielzahl düster-brillanter Zeichnungen füllte, inspiriert vom Werk des Prager Autors. Zu den Zeichnern der Kafka-Comics gehörte Jaromir 99, Künstler und Musiker, heute Sänger der Kafka Band. 2015 kehrte die Band nach Stuttgart zurück, um anlässlich des 15-Jahr-Jubiläums des Literaturhauses im Schauspielhaus ein ganzes Album zu spielen, das Kafkas Schloss heraufbeschwor.

Nun also „Amerika“, jener Roman, der zwischen 1913 und 1914 entstand, 1927 erstmals von Max Brod aus dem Nachlass und gegen den Willen des Autors veröffentlicht wurde – ein Fragment, die Geschichte eines jungen Menschen, dessen Spur sich in einem irrealen Amerika verliert. Franz Kafka selbst besuchte die USA niemals, trug sich aber früh schon mit dem Plan, einen Roman über sie zu verfassen. Amerika war zu seiner Zeit das Ziel von Auswanderern, die ihre Heimat aus vielen Gründen verließen, zumeist aber, um ein besseres Lebens zu finden. Von Tschechien aus, den böhmischen Ländern, sollen nach Schätzungen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mehr als 200 000 Menschen in die USA gezogen sein.

Karl Roßmann, Kafkas Hauptfigur, geht nicht freiwillig. Er ist der Verstoßene, er hat ein Dienstmädchen geschwängert und wurde von seiner Familie schmählich in die Neue Welt abgeschoben. Franz Kafkas Amerika ist ein Phantasma, ein Wuchern bizarrer Mechanismen und Hierarchien, in dem Karl Roßmann immer tiefere, absurdere Erniedrigungen erfährt, von einem reichen Onkel erneut verstoßen, von Arbeitgebern ausgenutzt, von Weggefährten verraten wird, ehe er die enorme Weite Amerikas entdeckt und im rätselhaften Naturtheater von Oklahoma – vielleicht – ein neues Zuhause findet.

Songs zwischen Techno, Industrial, Dark Wave und Folklore

Die Kafka Band verwandelt die sprachlichen Bilder dieses ewigen Exils in wuchtig dunkle Songs, die sich irgendwo zwischen Techno, Industrial, Dark Wave und Folklore positionieren. Jarumir 99 und Jaroslav Rudis singen oft in ihrer Heimatsprache, und obwohl Franz Kafka zur deutschsprachigen Minderheit in Prag gehörte, erscheinen die Sätze seines Romans in tschechischer Sprache als Projektionen vor dem weiten, blauen Himmel. Der Prager Videokünstler VJ Clad begleitet den Auftritt der Band mit Bildern, die Kafkas Amerika in kühler, gewaltiger Abstraktion vorführen. Sie kreisen um virtuelle Wolkenkratzer, blicken auf Slums und Ebenen, dicht besiedelt mit niedrigen Hütten, lassen bedrohliche Maschinen tanzen.

Auch die Musik der Kafka Band verbindet Gefühle von Weite und Bedrohung miteinander. Refrains voller emotionaler Kraft steigen auf aus dem hypnotischen Flirren der Gitarren- und Schlagzeugklänge; die Stimme von Jaromir 99 klingt sehnsüchtig weich, Jaroslav Rudis steht auf der Bühne, blättert im Roman, liest aus ihm, Vocoder-Stimmen schalten sich verzerrt ein.

Zuletzt leuchtet ein einzelnes „A“ vor dem wieder blauen, weiten Horizont im Kammertheater. Mit dem Konzert der Kafka Band feiert Stuttgart auch seine Städtepartnerschaft mit Brünn, der Stadt, aus der die Musiker der Band stammen. Nadia vom Scheidt, Leiterin der Abteilung für Außenbeziehungen in Stuttgart, hat zu Beginn des Konzertes gesprochen, Marek Fischer, Stadtrat in Brünn, hat Grüße überbracht und an die Zeit des Umbruchs erinnert, die im Dezember 1989 zu dieser Partnerschaft führte. Mit zwei weiteren Veranstaltungen will das Literaturhaus die Freundschaft der Städte noch feiern: am 2. April werden Jaromir 99 und Jaroslav Rudis im Literaturhaus lesen, am 21. Mai wird die Autorin Katerina Tuková im Haus der Heimat zu Gast sein.