Amerikanische Muscle-Cars Spielzeuge für eine wachsende Randgruppe

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Die Preise steigen mit der zunehmenden Nachfrage. Für seltene Modelle in Topzustand wird mittlerweile das Fünfzigfache dessen geboten, was sie als Neuwagen (3000 bis 4000 Dollar) gekostet haben; spezielle Liebhaberstücke sprengen sogar die Millionengrenze. Grund für den nachhaltigen Anstieg des Muscle-Car-Kurses: wurden die schrillen US-Cars in der von älteren Herrschaften dominierten mitteleuropäischen Oldtimerszene lange Zeit als anrüchige Zuhälterkisten abgelehnt, lieben viele nach 1970 geborene Klassikerfans gerade dieses Outlaw-Image. Mit einem Muscle­-Car demonstriert der Besitzer: Ich bin ein Nonkonformist, politische Korrektheit ödet mich an!

Sönke Priebe hat inständig versucht, sich der herrschenden Gesellschaftsordnung anzupassen. Er studierte Jura und arbeitete als Rechtsreferendar am Amtsgericht. Dort bemerkte er, „dass es im deutschen Justizsystem nicht um Gerechtigkeit geht“. Dann doch lieber ein Berufsleben aus Autoleidenschaft. Der Jurist a. D. ließ sich den Bären Winnie Pu, die Zündreihenfolge eines Achtzylinders und die Fahrgestellnummer seines ersten Chevrolets auf die Arme tätowieren und gründete mit seinem Kumpel Christian eine Firma, die eine wachsende Randgruppe bedient. „Muscle-Car-Fans schätzen die unvernünftige Kombination aus riesiger Karosserie und brutalem Vortrieb“, sagt Priebe.

Sein Kompagnon Christian Rühle – Diplom-Kommunikationsdesigner, verheiratet, ein Kind – ist für die rationalen Argumente zuständig. Ein historisches Muscle-Car sei eine prima Geldanlage, erklärt Rühle, die Motoren seien nicht genügsam, dafür unzerstörbar – „die Haltbarkeit kommt ja gerade daher, dass die Technik einfach und somit wenig effizient ist“. Die einstigen Kampfpreise konnten zwar nur durch die Verwendung simpler Starachsen, primitiver Blattfedern und mickriger Bremsen realisiert werden, „aber es gibt Verbesserungsmöglichkeiten“.

Die Testfahrt wird zur Achterbahnfahrt

Auf dem Hof steht das Beweismittel: ein weißer Dodge Challenger, Modelljahr 1970. „Den haben wir auf Alltagstauglichkeit getrimmt“, sagt Rühle und öffnet die zwei Quadratmeter große Motorhaube: „Nagelneuer Small Block, den kann man mit 13 Litern fahren, zumal wir den fünften Gang als Overdrive ausgelegt haben.“ Einsteigen, Pilotenbrille aufsetzen, los geht’s in Richtung Bundesstraße. Rühle spricht von einem „Upgrade an Fahrwerk und Bremsen, das weit über das Niveau der üblichen Handlingpackages hinausreicht“. Der Beifahrer kann nicht ganz folgen, spürt aber an den Schlägen, die seine Bandscheiben erdulden müssen, was gemeint sein könnte: der Challenger ist bockelhart gefedert. Woraus folgt, dass Rühle die Auffahrt zur B 29 derart schwungvoll nimmt, dass die Testfahrt einer Achterbahnfahrt gleicht. „Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagt er und gibt Stoff. Den Beifahrer drückt es in den Ledersitz, der Nacken verspannt sich, schweißnasse Hände suchen erfolglos nach Haltegriffen.

Am Ende dieser Demonstration der Drehmomentstärke steht die Erkenntnis: jeder Mercedes, jeder BMW, ja auch jeder Porsche ist im Vergleich zu einem Muscle-Car ein Langweiler. „Ehe ich ein modernes deutsches Auto fahren würde, ginge ich lieber zu Fuß“, sagt Christian Rühle. Der technisch optimierte Dodge Challenger ist übrigens bereits verkauft, er war mit 60 000 Euro geradezu ein Schnäppchen. Bei diesem Preis muss der Kunde über kleinere optische Mängel wie Risse in den Sitzen und einen Sprung in der Rückleuchte hinwegsehen.