Amerikanische Muscle-Cars der 60er und 70er Jahre sind in der Oldtimerszene zunehmend gefragt. Probefahrt mit einem Dodge Charger R/T.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Weinstadt - Unauffällig geht anders. Der 1968er Dodge Charger R/T ist eine breitspurige, großmäulige Karre mit einem supersexy Hinterteil. Nicht zu übersehen und nicht zu überhören. Angetrieben wird der metallicblaue Krawallmacher von einem Graugussmotor im Format einer Eisenhütte. „440er Big Block“ nennen Kenner dieses Monstrum. Acht Zylinder, 7,2 Liter Hubraum, brachiales Drehmoment. Lässt man den Charger über die Bundesstraße rollen, blubbert er bedächtig vor sich hin. Doch sollte sich eine Spießerkiste erdreisten, den coolen Ami zu einem Sprint herauszufordern, brüllt er infernalisch los. Vrrrooommm! Ab geht er.

Böse Buben wie der Charger R/T saufen locker 25 Liter auf hundert Kilometer. Muscle-Cars heißen diese vierrädrigen Kampftrinker, die Mitte der 1960er Jahre erstmals das Neonlicht in einer Detroiter Fabrik erblickten. Die heißen Kisten waren Produkte kalten Kalküls: Die Marktstrategen wollten eine Designerdroge für die amerikanischen Babyboomer kreieren, die das Führerscheinalter erreicht hatten und mit dem Flossenkitsch der elterlichen Limousine nichts anfangen konnten. General Motors entwarf ein optisch umwerfendes, aber einfach ausgestattetes Coupé, baute einen bärenstarken Achtzylindermotor ein und verkaufte den Pontiac GTO zu einem Preis, der für die jugendliche Zielgruppe bezahlbar war. Die Idee war ein voller Erfolg, so dass andere Hersteller eigene Muscle-Cars auf den Markt brachten: Ford den Torino, Chevrolet den Camaro, Plymouth den Barracuda, Mercury den Cougar und Pontiac den Firebird.

Oder eben Dodge den Charger R/T. Das 44 Jahre alte und 5,28 Meter lange Sportcoupé würde heutzutage jeden Vergleichstest verlieren. Die Lenkung fühlt sich butterweich an, die Karosserie schaukelt wie ein Fischkutter, und in den Kurven drängt das Heck in Richtung der Leitplanken, als wäre es magnetisch aufgeladen. Mit dem Charger fährt man am besten stur geradeaus, schließlich wurde er für endlose Highways und Viertelmeilen-Beschleunigungsrennen konstruiert – der Zusatz R/T steht für Road/Track. Drückt man bei Tempo Hundert aufs Gas, fühlt es sich an, als würden die Hinterräder kurz durchdrehen. Dann geht es vehement vorwärts. Das Mercedes-BMW-Audi-Dienstwageneinerlei wird im Rückspiegel kleiner. Fenster runter, Ellenbogen auf den Sims. Mehr auf dicke Hose kann man nicht machen.

Spektakuläre Verfolgungsjagd

Der Charger R/T ist eine Legende. Ein schwarzes 68er-Modell fuhren die Bösewichte in „Bullitt“, sie hetzten Steve McQueen in seinem Ford Mustang durch San Francisco. Die zwölf Minuten lange Szene gilt als eine der spektakulärsten Verfolgungsjagden der Filmgeschichte, sie wurde millionenfach von kleinen Jungs mit Matchboxautos nachgespielt. Vier Jahrzehnte später ließ der Regisseur Quentin Tarantino in „Death Proof“ das Killerauto wiederauferstehen. Unter dem Röhren des V-8-Motors schob ein psychopathischer Stuntman mit seinem Charger R/T eine Frauenfahrgemeinschaft von der Straße. „Hey Ladies, das hat Spaß gemacht“, rief er. Kurz darauf war der Stuntman hinüber.

So will niemand enden. Also runter vom Gas und gemächlich über den Remstalschnellweg cruisen bis Großheppach. Dort warten die beiden Asphaltcowboys, die freundlicherweise 375 amerikanische Pferdestärken für eine Probefahrt rausgerückt haben. Sönke Priebe und Christian Rühle sind Mittdreißiger mit Super Plus im Blut. Sie haben sich in ihrer frühen Jugend in klassische Muscle-Cars verschossen und sind ihnen bis heute treu geblieben. In den 90er Jahren gehörten sie zu einer losen Bande passionierter Schrauber, die sich in Garagen in Endersbach und Echterdingen trafen. „Damals war klar: Wenn du eine alte Amikiste fahren willst, musst du sie selbst reparieren können“, erzählt Priebe.

Heute leben Priebe und Rühle von Leuten, die wie sie auf Muscle-Cars stehen, aber technisch unbeleckt sind. Der Durchschnittskunde der Oldschool Custom Works GmbH ist männlich, 30 bis 40 Jahre alt und recht gut bei Kasse. Auf der Suche nach seinem Traumwagen pilgert er nach Weinstadt-Großheppach. Wünscht er sich beispielsweise einen 1970er Plymouth Barracuda in „Vitamin C Orange“, macht sich das Duo Priebe/Rühle in den USA auf die Suche nach exakt diesem Modell. Das Basisfahrzeug ist meistens eine runtergekommene Rostlaube, die nur durch einen Neuaufbau gerettet werden kann. Mindestens ein halbes Jahr dauert die Komplettrestaurierung. Anschließend wird dem Kunden neben dem neuen Lieblingsspielzeug eine fünf- bis sechsstellige Rechnung übergeben.

Spielzeuge für eine wachsende Randgruppe

Die Preise steigen mit der zunehmenden Nachfrage. Für seltene Modelle in Topzustand wird mittlerweile das Fünfzigfache dessen geboten, was sie als Neuwagen (3000 bis 4000 Dollar) gekostet haben; spezielle Liebhaberstücke sprengen sogar die Millionengrenze. Grund für den nachhaltigen Anstieg des Muscle-Car-Kurses: wurden die schrillen US-Cars in der von älteren Herrschaften dominierten mitteleuropäischen Oldtimerszene lange Zeit als anrüchige Zuhälterkisten abgelehnt, lieben viele nach 1970 geborene Klassikerfans gerade dieses Outlaw-Image. Mit einem Muscle-Car demonstriert der Besitzer: Ich bin ein Nonkonformist, politische Korrektheit ödet mich an!

Sönke Priebe hat inständig versucht, sich der herrschenden Gesellschaftsordnung anzupassen. Er studierte Jura und arbeitete als Rechtsreferendar am Amtsgericht. Dort bemerkte er, „dass es im deutschen Justizsystem nicht um Gerechtigkeit geht“. Dann doch lieber ein Berufsleben aus Autoleidenschaft. Der Jurist a. D. ließ sich den Bären Winnie Pu, die Zündreihenfolge eines Achtzylinders und die Fahrgestellnummer seines ersten Chevrolets auf die Arme tätowieren und gründete mit seinem Kumpel Christian eine Firma, die eine wachsende Randgruppe bedient. „Muscle-Car-Fans schätzen die unvernünftige Kombination aus riesiger Karosserie und brutalem Vortrieb“, sagt Priebe.

Sein Kompagnon Christian Rühle – Diplom-Kommunikationsdesigner, verheiratet, ein Kind – ist für die rationalen Argumente zuständig. Ein historisches Muscle-Car sei eine prima Geldanlage, erklärt Rühle, die Motoren seien nicht genügsam, dafür unzerstörbar – „die Haltbarkeit kommt ja gerade daher, dass die Technik einfach und somit wenig effizient ist“. Die einstigen Kampfpreise konnten zwar nur durch die Verwendung simpler Starachsen, primitiver Blattfedern und mickriger Bremsen realisiert werden, „aber es gibt Verbesserungsmöglichkeiten“.

Die Testfahrt wird zur Achterbahnfahrt

Auf dem Hof steht das Beweismittel: ein weißer Dodge Challenger, Modelljahr 1970. „Den haben wir auf Alltagstauglichkeit getrimmt“, sagt Rühle und öffnet die zwei Quadratmeter große Motorhaube: „Nagelneuer Small Block, den kann man mit 13 Litern fahren, zumal wir den fünften Gang als Overdrive ausgelegt haben.“ Einsteigen, Pilotenbrille aufsetzen, los geht’s in Richtung Bundesstraße. Rühle spricht von einem „Upgrade an Fahrwerk und Bremsen, das weit über das Niveau der üblichen Handlingpackages hinausreicht“. Der Beifahrer kann nicht ganz folgen, spürt aber an den Schlägen, die seine Bandscheiben erdulden müssen, was gemeint sein könnte: der Challenger ist bockelhart gefedert. Woraus folgt, dass Rühle die Auffahrt zur B 29 derart schwungvoll nimmt, dass die Testfahrt einer Achterbahnfahrt gleicht. „Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagt er und gibt Stoff. Den Beifahrer drückt es in den Ledersitz, der Nacken verspannt sich, schweißnasse Hände suchen erfolglos nach Haltegriffen.

Am Ende dieser Demonstration der Drehmomentstärke steht die Erkenntnis: jeder Mercedes, jeder BMW, ja auch jeder Porsche ist im Vergleich zu einem Muscle-Car ein Langweiler. „Ehe ich ein modernes deutsches Auto fahren würde, ginge ich lieber zu Fuß“, sagt Christian Rühle. Der technisch optimierte Dodge Challenger ist übrigens bereits verkauft, er war mit 60 000 Euro geradezu ein Schnäppchen. Bei diesem Preis muss der Kunde über kleinere optische Mängel wie Risse in den Sitzen und einen Sprung in der Rückleuchte hinwegsehen.

Eine Zeitreise in die 60er Jahre

Mit etwas Fantasie kann man sich bei einer Spritztour in einem klassischen Muscle-Car ins Amerika der 60er Jahre hineinversetzen. In jene goldene Autoära, als das Benzin mit 20 Cent pro Gallone (3,8 Liter) fast nichts kostete und noch niemand vom Klimawandel redete. Die 70er brachten dann nicht nur die erste Ölkrise, sondern auch strengere Sicherheitsvorschriften. Notorische Spritfresser mit unterdimensionierten Bremsen hatten plötzlich schlechte Karten. Treibstoff und Versicherungsprämien wurden teurer – der Anfang vom Ende der Muscle-Cars.

Noch sind weltweit Tausende dieser größten Machos der Automobilgeschichte unterwegs. Auf 50 Jahre war ihre Existenz eigentlich nicht angelegt. Der Charger R/T, der Challenger und ihre Artverwandten sind heute darauf angewiesen, dass sie Spezialisten wie Sören Priebe und Christian Rühle vor dem Aussterben bewahren. Zeitgemäß sind die starken, lauten, durstigen Muscle-Cars nicht, dafür umso faszinierender.