Amerikas Botschafter Ein Diplomat dreht Däumchen

Von Karl Doemens 

Seit einem Jahr ist der US-Botschafterposten in Berlin verwaist. Donald Trumps Kandidat Richard Grenell hat ein Frauenproblem.

Richard Grenell während eines Besuchs im New Yorker Trump-Tower Foto: AP
Richard Grenell während eines Besuchs im New Yorker Trump-Tower Foto: AP

Washington - An den Feiertagen hat er die christliche Weihnachtsbotschaft getwittert. Bei angenehmen 26 Grad geht er mit seinem Hund am Strand von Manhattan Beach bei Los Angeles spazieren und besucht einen Yoga-Kurs. Neulich hat er abends von seinem Balkon aus den Vorbeiflug von Elon Musks Space-X-Rakete gefilmt. „O mein Gott“, hat Richard Grenell gestaunt. Eigentlich sollte der 51-Jährige freilich längst woanders sein. Seit Juli ist Grenell als amerikanischer Botschafter in Deutschland nominiert. Von seinem Amtssitz am Brandenburger Tor könnte er das große Silvesterfeuerwerk bestaunen. Doch daraus wird nichts.

Und viel spricht dafür, dass der seit knapp einem Jahr verwaiste Top-US-Außenposten in Berlin noch eine Weile unbesetzt bleibt. Denn Grenell hat ein Problem: Die Demokraten im Washingtoner Senat haben seine Bestätigung verweigert, weil sich der Republikaner abfällig über Frauen geäußert hat. Verhindern kann die Opposition die Entsendung Grenells nicht. Doch das Verfahren zieht sich in die Länge. Da die Demokraten wie in etwa 100 anderen Fällen die erforderliche Zustimmung zur Übertragung auf das neue Jahr verweigern, muss Donald Trump seinen Deutschland-Botschafter im Januar neu nominieren – falls er an der umstrittenen Personalie festhält. Bei der Anhörung im Senat sind nämlich inzwischen gelöschte Tweets von Grenell zur Sprache gekommen, in denen er sich abschätzig oder beleidigend über das Äußere von Frauen auslässt.

Ein Mann voller Widersprüche

Grenell ist ein Mann voller Widersprüche: Als bekennender Schwuler vermied er jede Kritik an Trumps Militär-Verbot für Transgender-Menschen. Grenell hat eine Krebserkrankung überstanden und kämpft trotzdem für die Abschaffung von Obamacare. Der streng gläubige Missionarssohn plädiert für eine Politik der harten Hand gegen den Iran. Trumps Nordkorea-Ausführungen auf der Asien-Reise bezeichnete er als „die beste Rede, die ich zu dem Thema gehört habe“. Die Ankündigung des Umzugs der US-Botschaft nach Jerusalem lobte er als „gewaltige Veränderung in der US-Politik“. Bei Twitter, wo der PR-Berater rund 70 000 Follower hat, pflegte Grenell lange einen aggressiven Stil gegen Demokraten und Journalisten.

Der demokratische Senator von Connecticut, Chris Murphy, prangerte bei der Anhörung im Senat den „aufhetzerischen“ Ton vieler Kurznachrichten an, die auch Frauen beleidigt hätten. Bei Twitter mokierte sich Grenell unter anderem über Michelle Obama, Hillary Clinton und die TV-Moderatorin Rachel Maddow. Clinton sehe inzwischen wie (die zehn Jahre ältere) Ex-Außenministerin Madeleine Albright aus, spöttelte er und empfahl Maddow, die er mit dem Popstar Justin Bieber verglich, sie solle „mal durchatmen und eine Halskette anziehen“. Auch über die Frisur der US-Botschafterin beim Vatikan, Callista Gingrich, machte er sich lustig.

Hat er das notwendige Fingerspitzengefühl für Berlin?

In einem für Sexismus sensibilisierten Umfeld sind solche Äußerungen politisch heikel. Zwar versicherte Grenell: „Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich sehr feinfühlig bin.“ Er bedauerte, wenn sich das, „was eigentlich witzig gemeint war, als nicht so witzig herausstellt“. Doch Senator Murphy stellte die Frage, ob der Scharfmacher tatsächlich das richtige Fingerspitzengefühl für den Posten in Deutschland habe, bei einem derzeit ziemlich verunsicherten Verbündeten, der noch dazu von einer Frau regiert wird.

Grenells Unterstützer halten dagegen, der Mann sei ein außenpolitischer Profi. Bei genauerem Hinsehen wirkt seine Vita freilich nicht ganz so eindrucksvoll. Er arbeitete von 2001 bis 2008 als Pressesprecher der amerikanischen UN-Vertretung. 2012 wurde er außenpolitischer Berater des Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney, musste den Posten aber nach wenigen Wochen wegen des innerparteilichen Widerstands gegen seine Homosexualität aufgeben. Seither führt er eine Politik-Beratungsfirma und tritt beim rechten TV-Sender Fox als Kommentator auf.