Aminata Touré, grüne Spitzenkandidatin Deutschsein ist mehr, als weiß zu sein

Ihre Eltern flohen aus Mali: die Grüne Aminata Touré im Wahlkampf Foto: dpa/Frank Molter

Aminata Touré ist die erste afrodeutsche Landtagsvizepräsidentin und Grünen-Spitzenkandidatin in Schleswig-Holstein im Duo mit Monika Heinold. Ein Porträt.

Fünf junge Frauen hat die grüne Spitzenkandidatin in Schleswig-Holstein, Aminata Touré, ins Kino „Schauburg“ in Rendsburg eingeladen, sie tragen Poetry Slam vor. Eine erzählt in ihrem bitteren Gedicht „Das Leben ist schön“ davon, dass wir Menschen im Mittelmeer sterben lassen und vom „Glück, hier geboren zu sein“. Das trifft einen wunden Punkt.

 

Flucht nach einem Putsch in Mali

Aminata Touré will ihre familiäre Herkunft nicht in den Mittelpunkt ihrer politischen Arbeit stellen, aber natürlich lässt sie die nicht los, und später bei diesem lyrisch-politischen Wahlkampftermin in den roten Plüschsesseln des kleinen Kinos zitiert sie aus ihrem Buch „Wir können mehr: Die Macht der Vielfalt“ eine sehr persönliche Passage über ihre Eltern, die 1992 nach einem Putsch in Mali nach Deutschland flohen: Die hätten ihre Träume beerdigt, „damit wir das Leben führen können“. Aminata Touré hat die ersten fünf Jahre ihres Lebens in einer Flüchtlingsunterkunft in Neumünster-Faldera verbracht.

Sie spricht wie eine waschechte Holsteinerin

Im Landtagswahlkampf von Schleswig-Holstein – am Sonntag wird gewählt – geht es immer auch um sehr lokale Themen, etwa die Schließung von Geburtskliniken, das Ladensterben in Kleinstädten, die Unsicherheit auf nachts unbeleuchteten Wegen – aber Aminata Touré kommt immer wieder auf ihre drei Essentials: die gesellschaftliche Vielfalt und den Zusammenhalt stärken, den Klimaschutz und das nördlichste Bundesland als Energiewendeland voranbringen sowie „endlich günstigen Wohnraum auf die Kette bringen.“ Die kurz nach der Ankunft ihrer Eltern in Neumünster geborene Touré, heute 29, spricht und fühlt wie eine waschechte Holsteinerin und dennoch trifft immer noch zu, was sie in einer Rede gesagt, hat, die sie bei der Verabschiedung eines Landesaktionsplans gegen Rassismus durch die von CDU-Ministerpräsident Daniel Günther geführte Jamaika-Koalition im Landtag von Kiel hielt: „Wir wollen ein vielfältigeres Verständnis davon, was Deutschsein bedeutet. Dass es mehr bedeutet, als weiß zu sein und in fünf Generationen hier zu leben.“ Ihr Zuhause sei nun mal Schleswig-Holstein, sagte Amina Touré: „Ich verstehe mich als schwarze Deutsche. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe hier studiert und gearbeitet. Ich habe hier die schönsten Erfahrungen in meinem Leben gemacht und die furchtbarsten. So geht es vielen.“

„Die Leute kennen mich“

Ihre persönliche Erfahrungen mit dem alltäglichen Rassismus möchte Touré beim Hintergrundgespräch spät am Abend in der „Schauburg“ nicht unbedingt wiederholen. Aber sie sagt, dass sie bei ihrer Wahlkampftour durch die kleinsten Dörfer eigentlich nicht mehr wegen ihrer Hautfarbe behelligt werde: „Die Leute kennen mich ja nun schon seit fünf Jahren.“ 2017 kam sie, die in Kiel Politikwissenschaft studiert hatte, in den Landtag, seit 2019 ist sie dort Vizepräsidentin und damit die erste afrodeutsche Politikerin, die ein Parlament leitet. Mit der energischen und erfahrenen Monika Heinold (63). die seit zehn Jahren grüne Finanzministerin in Kiel ist – zuerst unter Torsten Albig (SPD), dann unter Daniel Günther – bildet Touré das Duo der grünen Spitzenkandidatinnen. Ungleich ist das Team insofern, als Touré Heinold nicht nur um einen Kopf überragt, sondern natürlich ein besondere Sensibilität für Diversity-Themen besitzt. Ein Beispiel ist die Aufnahme von 20 000 Flüchtlingen aus der Ukraine, deren bessere Behandlung durch die Agentur für Arbeit im Gegensatz zu geflohenen Menschen aus Asien oder Afrika – die mit Arbeitsverboten jahrelang „im Wartestand“ seien – natürlich „eine gesellschaftlich Sprengkraft“ bilde, sagt Touré: „Sind sie besser als Afghanen oder Syrer?“ Es finde in der Flüchtlingspolitik gerade ein Paradigmenwechsel statt, das sei ja auch gut, „aber warum ist man diesen Weg nicht schon vor vielen Jahren auch mit den anderen Flüchtlingen gegangen?“ Selbst bei Arbeitgebern – so etwa bei einer Veranstaltung des Rotary-Clubs von Neumünster – stoßen Tourés Ausführungen über eine „Willkommenskultur“ auf Zustimmung.

Grüne stehen in Umfragen gut da

In den jüngsten Umfragen stehen die Grünen mit derzeit 17 Prozent gar nicht so schlecht da in Schleswig-Holstein, bei der Landtagswahl von 2017 hatten sie knapp 13 Prozent und selbst für grüne Top-Stars wie Robert Habeck, der bei der Bundestagswahl das Direktmandat in Flensburg mit 28,1 Prozent holte, wachsen hier die Bäume nicht in den Himmel, wie es bei den Grünen in Baden-Württemberg zum Teil der Fall ist. Wie sich der Ukraine-Faktor auswirken wird, ist noch unbekannt. Jedenfalls ist Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) am vergangenen Wochenende bei einem Wahlkampfauftritt mit Pfeifen und Trommeln von protestierenden Zuschauern begleitet worden.

Gespannt auf das Abschneiden der FDP

Grünen-Spitzenkandidatin Touré ist sehr gespannt über das Abschneiden der FDP in Schleswig-Holstein, denn es bahnt sich ein „Duell der Juniorpartner“ Grüne und FDP in der von der CDU geführten Regierung an: Es ist laut Umfragen gut möglich, dass Daniel Günther Jamaika nicht mehr braucht und mit Grünen oder den Liberalen im Zweierbündnis weiter regieren kann. Da die FDP in Umfragen schon auf sieben Prozent gefallen sei, so meint Aminata Touré, ergreife die Liberalen allmählich „die Angst, aus der Koalition zu fliegen“. Spätestens dann hätten die Grünen das Duell gewonnen.

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