Amnestie-Programm für Milizen Hunderte Kämpfer wenden sich von Boko Haram ab

„Unsicherheit beenden“: In Nigeria werden immer wieder Schulkinder entführt. Foto: AFP/KOLA SULAIMON

Zahlreiche Kämpfer der Extremistengruppe sind übergelaufen. Ob dies auf den Gnadenerlass der nigerianischen Regierung oder auf den Zustand der gespaltenen Miliz zurückgeht, ist umstritten.

Abuja - Hunderte von Kämpfern der nigerianischen Extremistengruppe Boko Haram haben sich in den vergangenen Wochen von der islamistischen Miliz losgesagt – ein Erfolg, den das Militär des westafrikanischen Staates auf einen Gnadenerlass der Regierung in Abuja zurückführt. Danach werden Milizionäre, die der Sekte abschwören, nicht strafrechtlich belangt: Viele erhalten eine kleine einmalige Abschlagszahlung, manche sogar ein monatliches Gehalt und eine Unterkunft. Ob es tatsächlich die finanziellen Lockmittel der Regierung sind, derentwegen die Sektenmitglieder ihrer Organisation den Rücken kehren, ist allerdings umstritten. Fachleute machen für den Exodus eher den Tod des Boko-Haram-Chefs Abubakar Shekau im Mai dieses Jahres sowie den Zustand der gespaltenen Organisation verantwortlich.

 

Geheimes zweites Amnestieprogramm

Ein Teil des Amnestieprogramms ist bereits seit fünf Jahren unter dem Titel „Operation Safe Corridor“ (sicherer Übergang) bekannt. Es zielt auf einfache Kämpfer und Sympathisanten der Sekte ab, die zunächst vom Geheimdienst gecheckt und dann in einem Städtchen im nordostnigerianischen Bundesstaat Gombe ein halbes Jahr lang im Lesen und Schreiben sowie in Englisch und einer gemäßigten Form des Islam unterrichtet werden. Nach dem sechsmonatigen Integrationskurs erhalten sie eine kleine Überbrückungssumme (rund 50 US-Dollar) und müssen sich dann selbst durchschlagen – ohne von Strafverfolgungsbehörden belangt zu werden. Dieses Angebot sollen allein im vergangenen halben Jahr mehr als zweitausend Überläufer wahrgenommen haben.

Bislang geheim gehalten wurde ein zweites Angebot der nigerianischen Regierung, das „Sulhu“ – in Hausa: Frieden schließen – heißt. Dieses zielt auf führende Mitglieder der Sekte ab, die mit wesentlich großzügigeren Versprechungen angelockt werden. Sie erhalten ein monatliches Gehalt, eine Wohnung oder ein Haus sowie eine Lizenz zur Gründung eines Geschäfts. Auch sie durchlaufen einen Reintegrationskurs in Gombe und erhalten zum Abschluss ein richterliches Graduierungs-Zertifikat, das sie vor strafrechtlicher Verfolgung schützt.

Das Sulhu-Programm sollen bisher rund 150 Boko-Haram-Kommandeure in Anspruch genommen haben. Der UN-Mediendienst „The New Humanitarian“ zitiert einen nicht namentlich genannten Experten zu den Motiven der Überläufer: „Manche haben das Vertrauen in ihre Führer verloren, denen sie Korruption vorwerfen. Andere wollen, dass ihre Kinder zur Schule gehen können. Und wieder andere haben schlicht vergessen, warum sie einst zu den Waffen griffen.“

Entführungen im Nordwesten halten an

Angesichts der Tatsache, dass dem fast 20-jährigen Kampf der Sekte bis heute mindestens 35 000 Menschen unmittelbar und weitere 350 000 indirekt – wegen Hungers, vermeidbarer Krankheiten und eines entbehrungsreichen Lebens in Flüchtlingslagern – zum Opfer fielen, wundert es nicht, dass das Angebot bei der Bevölkerung nicht auf Zustimmung stößt. „Ich soll ihnen vergeben, nachdem sie meinen Mann, dessen Bruder und ihre Mutter umgebracht haben?“, zitiert The New Humanitarian eine Soldatenwitwe: „Ich werde ihnen niemals verzeihen!“ Selbst ein ehemaliger Geheimdienstoffizier scheint von dem Amnestieprogramm nicht viel zu halten. „Haben die Übergriffe inzwischen aufgehört?“ fragt Mike Ejiofor rhetorisch: „Terroristen sind Terroristen. Der Schmerz, den sie dem Land und seinen Menschen zugefügt haben, ist dermaßen groß, dass man sie nicht einfach wieder in die Gesellschaft aufnehmen kann.“

Erst am Mittwoch entführten bewaffnete „Banditen“ im Bundesstaat Zamfara wieder 73 Schüler eines Gymnasiums, um Lösegeld zu erpressen. Damit hat sich die Zahl der im Verlauf dieses Jahres im Nordwesten Nigerias entführten Schulkinder auf mehr als 1100 erhöht.

Organisation ist seit fünf Jahren gespalten

Auf den ersten Blick scheint die Rechnung des Geheimdienstes allerdings aufzugehen. Noch nie kehrten der extremistischen Sekte so viele Kämpfer wie derzeit den Rücken: Allein in den vergangenen Wochen sollen es mehr als eintausend gewesen sein. Fachleute machen dafür allerdings vor allem die Ereignisse innerhalb der schon seit fünf Jahren gespaltenen Organisation verantwortlich. Das Zerwürfnis führte inzwischen auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen dem von Abu Musab al-Barnawi, dem Sohn des Boko-Haram-Gründers Mohammed Yusuf, geführten „Islamischen Staat der Provinz Westafrika“ (ISWAP) und der „Jama’atu Ahlis Sunnah lid-Da’wati wa’l-Jihad“ (JAS) des für seine Grausamkeit berüchtigten Abubakar Shekau. Dieser kam bei Gefechten zwischen den beiden Flügeln im Mai ums Leben.

Seitdem befindet sich JAS in der Krise. Die meisten der Überläufer gehören diesem brutaleren Boko-Haram-Flügel an – darunter sollen sich allerdings auch viele Zivilisten befinden, die sich aus Furcht vor Übergriffen bisher nicht von den Extremisten distanzieren konnten. ISWAP ist von dem Aderlass weniger betroffen, weswegen von der gegenwärtigen Abwanderungswelle auch kein Ende der Feindseligkeiten im Nordosten Nigerias erwartet wird. Im Gegenteil: der Kollaps des Shekau-Flügels wird von Experten mit dem dramatischen Anstieg von Entführungen im Nordwesten des Landes in Zusammenhang gebracht – dorthin hätten sich manche Extremisten abgesetzt, heißt es.

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