Schwer bewaffnete Beamte, verletzte Schüler und verzweifelte Eltern: Die Polizei hat am Donnerstag in Schorndorf das Vorgehen bei einem Amoklauf geübt. Wir waren dabei.
Um 9.10 Uhr fallen die ersten Schüsse. Schreie gellen durchs Foyer des Burg-Gymnasiums Schorndorf, kurz darauf setzt der Alarm ein. „Achtung, gefährliche Person im Schulgebäude. Türen schließen und von den Türen fernhalten“, ertönt eine betont ruhige Frauenstimme vom Band. Für fast eine Stunde lang wird sie zu hören sein, während sich ringsum ein gespielter Albtraum ereignet. Ein Amokläufer an einer Schule – besonders im Rems-Murr-Kreis werden bei dem Thema Erinnerungen wach an den Amoklauf von Winnenden, wo im Jahr 2009 ein 17-Jähriger 15 Menschen und sich selbst tötete. Diesmal ist alles eine Übung.
Die Polizei hat am Donnerstagvormittag in Schorndorf geprobt, wie die Einsatzkräfte im Fall eines Amoklaufs oder eines Terroranschlags am besten vorgehen. Zum Tragen kommen dabei auch Lehren von vergangenen Bluttaten. Dazu gehört, dass die Polizisten nicht auf ihre Kollegen vom Spezialeinsatzkommando (SEK) warten. „Der erste Streifenwagen bildet einen Meldekopf. Sobald der dritte Wagen eintrifft, rücken taktische Teams vor“, erklärt Robert Silbe, der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Aalen.
Auch in Winnenden ist man damals so vorgegangen – viele Fachleute sind sich sicher, dass dadurch der Täter beim Töten gestört und einige Opfer verhindert wurden. Auch Robert Silbe hat den Amoklauf damals mitbekommen, zumindest indirekt. „Ich war im Streifendienst im Gmünd, wir haben alles über Funk gehört. Das war eine total surreale Situation“, erinnert er sich.
Seit dem Amoklauf in Winnenden wurde die Taktik und Ausrüstung der Polizei weiter verbessert. So surrt nun über dem Einsatzort eine Drohne. Sie soll nicht nur die Übung selbst dokumentieren, sondern bei Bedarf auch in Echtzeit Luftaufnahmen ans Führungs- und Lagezentrum senden. Dort sind auch Pläne fast jedes öffentlichen Gebäudes hinterlegt, für Übungen und den Ernstfall.
Die Amok-Ausrüstung der Polizei wiegt rund 20 Kilogramm
Schutzausrüstung der Polizei Foto: Weingand
Zum Beginn der Übung sind zwar alle 50 teilnehmenden Polizistinnen und Polizisten schon vor Ort, trotzdem wird ihre Anfahrt durch entsprechende Wartezeit simuliert. Sobald die Beamten einsteigen, legen sie die Zusatzausstattung an: Titanhelm, Plattenträger, Tiefschutz, Weste und der Hals-Nackenschutz werden in jedem Streifenwagen doppelt mitgeführt. Derart ausgestattet, rücken die Polizisten – alles normale Streifenbeamte – vor. Sie sichern sich gegenseitig ab, jeweils in Dreierteams. Überall könnte der Amokläufer lauern.
Ihre Ausrüstung wiegt rund 20 Kilogramm, dazu kommen noch Maschinenpistolen und eine Temperatur von 28 Grad im Schatten. Doch die Sicherheit geht über den Komfort. „Damit sind wir gegen alle gängigen Arten von Munition geschützt“, erklärt der Polizist Steffen Opferkuch. Die Amok-Ausrüstung der Polizisten umfasst auch spezielle taktische Erste-Hilfe-Packs. Neben einem Tourniquet zum Abbinden von Gliedmaßen hat es unter anderem eine sogenannte „Israeli Bandage“ zum Anlegen von Druckverbänden und ein „Chest Seal“, mit dem sich Lungentreffer abdichten lassen. Zumindest, wenn die Lage es zulässt. „Die Priorität liegt in diesem Moment ganz klar auf dem Täter“, sagt Opferkuch.
Was genau im Inneren des Gebäudes abläuft, bleibt für die Presse im Verborgenen. Doch auch im Außenbereich des Schulgebäudes spielen sich dramatische Szenen ab. Die Organisatoren der Übung haben sich Mühe gegeben, für ein realistisches Umfeld zu sorgen. Neben den rund 50 Polizisten beteiligen sich an der Übung auch Lehrer des Burg-Gymnasiums, zudem Beobachter in grünen Westen und Mitarbeiter der Übungsleitung in gelben Westen.
Komparsen, die als „Störer“ eingeteilt werden, tragen rote Leibchen. Auch Notfallseelsorger sind vor Ort, um sich ein Bild zu machen. Mal läuft ein verzweifelter Vater auf den Haupteingang zu, der nach seinem Sohn ruft und von Polizistinnen gestoppt werden muss. Ein anderer Komparse ist mit seiner Behandlung durch die Polizei nicht einverstanden und beginnt, herumzupöbeln. Dann wieder sucht eine völlig aufgelöste junge Frau nach ihrer Schwester, ein Polizist an der Absperrung muss sie beinahe niederringen, um sie aus der Gefahrenzone herauszuhalten. Zu allem Übel ist auch noch ein übereifriger Reporter unterwegs, der erst den Einsatz stört und dann das Presseteam in Beschlag nimmt.
Der Übungsleiter zieht ein Fazit
Stephan Schlotz Foto: StZ/Weingand
„Ich denke, in der Lebenswirklichkeit wird so ein Einsatz sogar noch chaotischer ablaufen. Dann stehen echte Eltern an der Absperrung“, sagt Stephan Schlotz. Der Polizeioberrat leitet nicht nur das Polizeirevier, sondern auch die Übung. Viel Vorarbeit ist in die aufwendige Übung geflossen, die konkrete Planung begann schon Anfang des Jahres. Den Einsatz leitet am Tag der Übung natürlich nicht er, sondern sein Kollege aus Backnang. Das Drehbuch ist Geheimsache; die vorrückenden Beamten sollen nicht wissen, was sie erwartet.
Nach rund 50 Minuten ist der Amokläufer überwältigt – doch Entwarnung gibt es noch nicht. Am Körper des Täters findet sich eine Vorrichtung, möglicherweise ein Sprengsatz. Zeugen berichten auch, unter den Geretteten könnte sich ein Komplize befinden, vorsichtshalber wird der Verdächtige festgenommen. Der Übungsleiter Schlotz ist am Ende zufrieden: „Wir haben es geschafft, seine Tathandlung zu unterbrechen. In diesem Moment tötete er nicht mehr, sondern versuchte zu fliehen.“