Amokdrohung vor Gericht „Alle Justizfuzzis müssen sterben“

Auch das Amtsgericht im Göppinger Schloss ist Ziel einer Amokdrohung gewesen. Jetzt ist dort gegen den Urheber verhandelt worden. Foto: Horst Rudel
Auch das Amtsgericht im Göppinger Schloss ist Ziel einer Amokdrohung gewesen. Jetzt ist dort gegen den Urheber verhandelt worden. Foto: Horst Rudel

Erst wird ein Kindergarten in Schorndorf bedroht, dann das Amtsgericht in Göppingen. Der Urheber steht jetzt vor Gericht.

Politik/ Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)
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Göppingen/Schorndorf - „Scheiß Welt, scheiß Kinder. Montag oder Dienstag Amok.“ Eine Email dieses Inhalts hat Erzieherinnen und Eltern des Kindergartens im Schorndorfer Ortsteil Oberberken im Rems-Murr-Kreis im vergangenen Oktober in Angst und Schrecken versetzt. Der Urheber dieser Zeilen, ein 22-jähriger Mann aus Adelberg, ist am Donnerstag vor dem Göppinger Amtsgericht zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Das Gericht berücksichtigte dabei sein umfassendes Geständnis und den Umstand, dass er Hinweise zu zahlreichen anderen Taten lieferte. So konnte eine Serie von Raubüberfällen auf Spielhallen dank seiner Hilfe aufgeklärt werden. Als Kronzeuge wäre es nicht ungefährlich, ihn ins Gefängnis zurückzuschicken, deutete der Richter an.

Der Angeklagte selbst hatte sich auf Einbrüche in Vereinsheime, Bäckereien und Kindertagesstätten im Kreis Göppingen und im benachbarten Schorndorf spezialisiert, die er mit unterschiedlichen Komplizen offenbar zum Zeitvertreib verübte. Mal erbeuteten die Täter Geld, mal auch nur zwei Tafeln Schokolade. Auch in den Kindergarten in Oberberken war der Mann fünf Tage vor der Amokdrohung eingestiegen und hatte dabei unter anderem den Stempel des Kindergartens mitgehen lassen. Dieser prangte wenig später unter einem Schreiben, das beim Amtsgericht Göppingen einging. Darin wurde dem Mann bescheinigt, dass er in dem Kindergarten 150 Sozialstunden abgeleistet habe.

Diebesgut: zwei Kameras und ein Stempel

Dabei handelte es sich allerdings um eine Fälschung. Vor Gericht räumte der Angeklagte ein, den Brief selbst geschrieben zu haben, um zu verhindern, einen Arrest antreten zu müssen. Eine entsprechende Ladung war ihm vom Gericht bereits zugestellt worden, weil er die bei einem früheren Verfahren gegen ihn verhängten Sozialstunden nicht abgeleistet hatte.

Gelungene Fälschung

Liebevoll hatte der Angeklagte neben dem Siegel auch den Stempel „Kleine Forscher“ aufgebracht. In der Behörde schöpfte niemand Verdacht. Dennoch befürchtete der Mann offenbar einen Kontrollanruf im Kindergarten. Über einen ungeschützten WLan-Anschluss einer arglosen Rechberghäuser Familie, den er auf offener Straße anzapfte, und unter der Adresse alle-sterben@web.de versandte er deshalb die Amokdrohung. Doch würden die Erzieherinnen ihre elektronische Post auch lesen? Um auf Nummer sicher zu gehen, hinterließ er deshalb auch am Briefkasten einen Drohzettel.

Tags darauf gab es auch im Göppinger Amtsgericht einen Amokalarm. „Alle Justizfuzzis müssen sterben!“, hieß es in einer anonymen Mail. Der Amtsgerichtsdirektor Wolfgang Rometsch verschärfte die Sicherheitsvorkehrungen und postierte einen bewaffneten Wachmann am Haupteingang. Man habe die Drohung aber für einen bösen Streich gehalten. Anders in Oberberken: Der gesamte 1500-Einwohner-Ort geriet in Angst und Schrecken. Die Polizei bewachte das Kindergartengelände und die gegenüberliegende Schule. Zwei Tage lang blieb der Kindergarten geschlossen. Eine Woche dauerte es, ehe alle Kinder wieder gebracht wurden. Die Kindergartenleiterin litt noch wochenlang an Schlafstörungen. „Mich hat die Verantwortung schier erdrückt“, sagte sie .

Oberberken in Angst und Schrecken

Weil wenige Tage später die Polizei die Wohnung des Mannes durchsuchte, verfasste dieser eine Beschwerde ans Landgericht. Seine Einbruchstouren setzte er unvermindert fort. „Eine solche Dreistigkeit erlebe ich selten“, sagte der Richter Heiner Buchele. Seit Januar sitzt der Angeklagte nun in Untersuchungshaft und seither ist offenbar alles anders. „Ich habe selten von einem Mandanten so viele verzweifelte Briefe erhalten“, sagte der Verteidiger.




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