Stuttgart - Vieles dreht sich am Tag nach dem Amoklauf in Heidelberg um den Täter: Was war sein Motiv? Wer war er? Hartmut Grasmück, Landesvorsitzender der Opferschutzorganisation Weißer Ring, richtet seinen Blick eher auf die Opfer. „So ein Ereignis mitzubekommen, führt nicht nur bei den Verletzten zu Schockzuständen, Ängsten und großer Verunsicherung“, sagt der frühere Polizeipräsident. Die Beteiligten im Hörsaal hätten vermutlich Todesängste durchgestanden. „Viele fragen sich: Kann das wieder passieren? So ein Ereignis kann zu einem Trauma führen, das lange bleibt“, sagt Grasmück.
Oft dauere es ein paar Tage, bis Betroffene sich meldeten. Das Wichtigste ist aus Sicht des Experten für Verletzte, Augenzeugen und Angehörige, schnell in ein professionelles Gespräch über das Geschehen zu kommen. „Dabei kann dann versucht werden, die Angst zum Beispiel vor einer Wiederholung eines solchen Vorfalls schrittweise zurückzuführen – ganz rational“, sagt Grasmück. Opferhelferinnen und -helfer des Weißen Rings vermitteln gegebenenfalls Psychologen.
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Für wesentlich hält Grasmück im Falle des Amoklaufs von Heidelberg auch, dass der Täter zumindest zu den meisten Anwesenden wohl keine nahe Beziehung hatte. „Wer eher zufällig bei einer solchen Tat dabei ist, kann sie in der Regel besser verarbeiten, weil es rational betrachtet eher unwahrscheinlich ist, dass so etwas noch einmal geschieht.“
Betroffene können Bewältigungsstrategien lernen
Auch wer die Tat selbst nicht ganz unmittelbar miterlebt hat, tut sich in der Regel leichter mit der Bewältigung. „War jemand nur in der Nähe, dauert es – je nach individueller Vorbelastung – ein paar Tage, bis sich das wieder beruhigt“, sagt Sybille Jatzko, Traumaexpertin und Mitgründerin der Stiftung Katastrophennachsorge. Jatzko betreut Augenzeugen und Angehörige der Amokfahrt in Trier und der Messerattacke in Würzburg. Auch sie weiß: „Menschen, die selbst Todesangst hatten, können eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Wird die akute Belastung nicht schnell behandelt, zeigen sich oft Jahre später noch Symptome wie Schlafprobleme oder Panikanfälle.“
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Wichtig sei für die betroffenen Studierenden – neben der professionellen Begleitung durch Notfallseelsorger oder Psychologinnen – auch, die eigenen Triggerpunkte kennenzulernen, sagt Jatzko: Kann ich noch in einen Raum gehen? Wann spüre ich Panik aufsteigen? „Es gibt dafür Bewältigungsstrategien, die Betroffene lernen können – und dann ist das Ereignis gerade für junge Menschen in der Regel auch gut zu bewältigen“, sagt sie.
Man müsse aber davon ausgehen, dass die jungen Menschen, die die Tat nahe miterlebt haben, im Studium einige Monate lang Leistungseinbußen haben werden. „Es ist wichtig, dass sie dafür Verständnis erfahren.“ Achten müsse man auch auf diejenigen, die sich nach dem Vorfall eher zurückziehen: Symptome eines Traumas könnten bei ihnen erst lange nach dem Ereignis hochkommen.
Opferschutz-Organisation Weißer Ring
Hilfe für Betroffene
Die größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer – der Weiße Ring – ist zentral über das Opfer-Telefon unter der Rufnummer 116 006 erreichbar. Professionell ausgebildete ehrenamtlichen Opferhelferinnen und Opferhelfer beraten, können aber auch finanzielle Soforthilfen auszahlen oder Kontakt zu Fachärzten und Behörden herstellen.
Ehrenamtliche gesucht
Die Organisation sucht Menschen, die sich ehrenamtlich in der Opferhilfe engagieren wollen. Wer interessiert ist, erhält eine Fortbildung und hospitiert in einer der Stellen des Weißen Rings. Informationen und Kontaktdaten finden sich im Internet unter baden-wuerttemberg.weisser-ring.de