Amoklauf von Winnenden Traumatisierte Lehrerin bekommt Recht

Von SIR/dpa 

Seit dem Amoklauf von Tim K. an der Albertville-Realschule in Winnenden 2009 kann eine traumatisierte Lehrerin ihren Beruf nicht mehr ausüben. Sie klagte auf ein höheres Ruhegeld und eine Entschädigung und bekam Recht.

Die Albertville-Realschule in Winnenden war 2009 der Schauplatz eines Blutbads. Foto: dpa
Die Albertville-Realschule in Winnenden war 2009 der Schauplatz eines Blutbads. Foto: dpa

Stuttgart - Trauma mit Langzeitfolgen: Wer während des Amoklaufs von Winnenden mit zwölf Toten an der Albertville-Realschule als Lehrer Dienst tat, stand unter Lebensgefahr. Das hat das Verwaltungsgericht Stuttgart am Dienstag unmissverständlich festgestellt und einer damals geschädigten Lehrerin ein erhöhtes Unfallruhegehalt sowie eine einmalige Unfallentschädigung zugesprochen.

Das Gericht verpflichtete das Land Baden-Württemberg, der heute 35-jährigen ehemaligen Lehrerin fortan 80 statt 71 Prozent Ruhegehalt zu zahlen sowie zudem einmal 80.000 Euro. Der Amoklauf am 11. März 2009 sei als „qualifizierter Dienstunfall“ zu werten. Auch wenn der Amokläufer nicht auf die Frau schoss, sei sie doch in Lebensgefahr gewesen und durch das damals erlittene Trauma heute dienstunfähig.

Seit 2013 im vorzeitigen Ruhestand

Mit posttraumatischen Belastungsstörungen ist die einstige „Top-Lehrerin“, wie Richter Jan Bergmann sie wegen ihrer Note 1,1 im Staatsexamen nannte, seit 2013 im vorzeitigen Ruhestand. Ein Amok-Fehlalarm an ihrer neuen Schule in Fellbach gab ihr den Rest.

11. März 2009: Beate K., noch keine 30, unterrichtet eine 5. Klasse an der Realschule Winnenden. Plötzlich bricht Hektik im Schulgebäude aus. Schüler laufen vor dem Fenster entlang. Es gibt ungewöhnliche Geräusche im Haus. Beate K. öffnet die Tür. Ein Polizist mit vorgehaltener Waffe schreit nur: „Weg, weg, weg.“

Beate K. nimmt Brandgeruch wahr, will ihre Schüler in Sicherheit bringen. Sie rennt mit ihnen zum Hinterausgang, Richtung Schwimmbad. Sie trägt Kinder, die nicht rasch genug mitkommen. Am Schwimmbad steht sie später neben einer Frau, die schreiend zusammenbricht, als sie hört, dass ihre Tochter erschossen wurde - von einem 17 Jahre alten Amokläufer.

"Der kam, um alle umzubringen"

„Der kam, um alle umzubringen“, sagte Beate K.s Rechtsanwalt am Dienstag vor Gericht. Es bestehe gar keine Frage, dass man als Lehrerin an der Realschule an diesem Tag, zu dieser Stunde, angegriffen wurde und unter Lebensgefahr stand. Egal, ob man im ersten oder zweiten Stock Unterricht hielt - oder im Erdgeschoss wie Beate K. damals. Zur Verhandlung war die 35-Jährige nicht erschienen. Sie sei nicht in der Lage, in der Öffentlichkeit zu stehen, sagte ihr Anwalt.

Aus Sicht des Landesamts für Besoldung lag keine Lebensgefahr vor, die Frau sei außer Reichweite des Täters gewesen und zu keiner Zeit direkt angegriffen worden. Der Vertreter des Landes kündigte an, das Urteil anzufechten.

Nach Angeben des Regierungspräsidiums Stuttgart gibt es zahlreiche Beamte des Kollegiums der Realschule, die Antrag auf Anerkennung eines Dienstunfalls gestellt haben. Vielfach sei Anträgen entsprochen worden, mehrere Beamte seien aufgrund des anerkannten Dienstunfalls vorzeitig in Pension. Nähere Angaben konnte die Sprecherin der Behörde nicht machen. Es gebe aber „mehrere“ ähnliche Klagen von Beamten auf ehrhöhtes Unfallruhegehalt und eine Unfallentschädigung.

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