Amoklauf Winnenden Krisenteams für Schulen

Von Susanne Janssen 

Der Amoklauf jährt sich am 11. März zum ersten Mal. In Stuttgart soll jede Schule einen Notfallplan erhalten.

Schulen, Kommunen und Polizei wollen zusammenarbeiten, um Gewalttaten an Schulen möglichst zu verhindern. Foto: factum/Weise
Schulen, Kommunen und Polizei wollen zusammenarbeiten, um Gewalttaten an Schulen möglichst zu verhindern. Foto: factum/Weise
Stuttgart - Wenn am Dienstag im Landtag über Konsequenzen aus dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen diskutiert wird, können Sicherheitsexperten in der Landeshauptstadt Stuttgart bereits auf konkrete Konsequenzen verweisen. Ein Arbeitskreis, der mit Vertretern von Polizei, Feuerwehr, Jugendamt, Schulverwaltungsamt und Schulen besetzt ist, hat verfügt, dass jede Schule einen eigenen Krisenplan erarbeiten soll. Dazu gibt es Handreichungen für den Ernstfall. Ulrich Sauter, der Leiter der Stabsstelle Prävention der Stuttgarter Polizei, erklärt dazu: "Wir haben einen Notfallflyer erarbeitet, den jeder Lehrer bekommt." Darin seien die Notrufnummer und Verhaltensweisen für "lebensbedrohende Gefahrensituationen an Schulen" aufgelistet. "Nicht jedem Lehrer ist klar gewesen, dass 110 die richtige Nummer ist", sagt er. Auch die Zusammenarbeit mit den Schulen sei intensiviert worden: Schon seit längerem gebe es in jedem Revier die Raumpläne jeder einzelnen Schule im Bezirk, so dass die Beamten sich im Krisenfall wissen, wo es jeweils Zugangsmöglichkeiten gibt.

Handys haben im Ernstfall versagt


Es bleibt jedoch nicht bei der schriftlichen Information: An jeder Schule werden Krisenteams gebildet, je nach Anzahl der Schüler mit vier bis acht Mitgliedern. Diese Krisenteams bekommen bei der Polizei eine zweitägige Schulung. "Wir werden 27 Schulungen veranstalten", sagt Sauter.

Die Krisenteams sollen als Multiplikatoren ihre Kollegen ausbilden - das geht vom Verhalten im Klassenzimmer bis zu den nötigen technischen Maßnahmen: "Pager und Lautsprecheranlagen sind sinnvoll", sagt Sauter. Die Pager (Funkruf-Piepser) sollen gewährleisten, dass die Lehrer unabhängig vom Handynetz sofort informiert werden können. In Winnenden war das Mobilfunknetz binnen weniger Minuten zusammen gebrochen.

Schulverwaltungsamt will Sprachalarmierungssysteme zahlen


Ob Schul- und Klassenzimmertüren nur von innen geöffnet werden sollen, müsse jede Schule selbst entscheiden: "Das hängt vom pädagogischen Konzept ab", sagt der Präventionsfachmann. Viele Schulleiter würden sich dagegen sperren, weil sie eine offene Schule wollten. Beides, so Sauter, habe Vor- und Nachteile.

Die Schulen sollen aber auf jeden Fall ihre Lautsprecheranlagen wieder aktivieren oder neu einrichten, sie müssen dafür keine Rundfunkgebühr mehr entrichten. Das sei jedoch nur eine Übergangslösung, sagt Karin Korn vom Schulverwaltungsamt: "Wir wollen in Zukunft Sprachalarmierungssysteme für alle 129 Stuttgarter Schulen." Dafür seien 16 Millionen Euro nötig.

Bald soll es einen Amokwarnton an Schulen geben


Für vier Jahre sollen vier Millionen jährlich zur Verfügung stehen. Da es keine zusätzlichen Mittel gibt, werden sie aus dem Schulsanierungsprogramm entnommen. Schon jetzt sei die EnBW aber dabei, in jeder Schule die Feuersirene umzustellen. "Zusätzlich zum Dauerton bei Feuer soll es einen Intervallton geben, der vor einem Amoklauf warnt", sagt Karin Korn.

Ob es sich bewährt, an Klassenzimmern außen nur noch einen Türknauf zu haben, soll an einer Schule in Kürze erprobt werden: "Viele Schulleiter befürchten Streiche im Alltag, und auch der logistische Aufwand ist größer." Der Test werde zeigen, ob die Maßnahme umsetzbar sei.

"Wir wollen keine amerikanischen Verhältisse"


Diese und andere bauliche Maßnahmen finden sich auch unter den 83 Empfehlungen, die eine Kommission unter der Leitung des ehemaligen Regierungspräsidenten Udo Andriof erarbeitet hatte. Andriof ist klar: "Wir werden solche Ereignisse nie ganz verhindern können - aber wir wollen die Risiken mildern." Die Meinungen gingen in dem Expertengremium auseinander: "Wir haben auch über Videoüberwachung an Schulen und Personenschleusen gesprochen", erläutert Andriof. Doch davon sei man abgekommen: "Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse."

Über die Nachbereitung hat sich das Kultusministerium zusammen mit dem Referat Schulpastoral der Diözese Rottenburg-Stuttgart Gedanken gemacht. Ein Leitfaden hilft beim Umgang mit Tod und Trauer in der Schule und bei den zehn wichtigsten Dingen, die in einer Krise berücksichtigt werden sollten. Die Handreichung basiert auf Leitlinien für amerikanische Schulpsychologen. Erprobte Rituale zum Umgang mit Tod und Trauer sowie die richtige Vorbereitung einer Gedenkfeierwerdendarinthematisiert, ebenso Beispiele für Unterrichtsstunden nach einem Amoklauf.

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