Amphibien in Baden-Württemberg Auch der Regensommer hat die Frösche nicht gerettet
Trotz eines feuchten Vorjahres sind jetzt nur wenige Tiere zu ihren Laichplätzen gewandert. Und auf die Salamander kommt noch eine ganz andere tödliche Gefahr zu.
Trotz eines feuchten Vorjahres sind jetzt nur wenige Tiere zu ihren Laichplätzen gewandert. Und auf die Salamander kommt noch eine ganz andere tödliche Gefahr zu.
Hubert Laufer hat ganz viel Hoffnung gehabt für dieses Frühjahr: Da es im letzten Jahr viel geregnet hatte und es auch genügend Leckerbissen wie Nacktschnecken und Mückenlarven für die Grasfrösche und Erdkröten gab, rechnete der Amphibienexperte aus Offenburg mit steigenden Zahlen bei den Krötenwanderungen – die Helfer machen immer Strichlisten, wie viele Amphibien sie über die Straße tragen. Doch das vorläufige Ergebnis ist erschreckend: „Die Zahlen sind vergleichbar mit dem letzten Jahr – und damals sind Rückgänge im Schnitt um 50 Prozent, lokal aber um bis zu 90 Prozent registriert worden.“
Sprich: der dramatische Abwärtstrend bei den 20 Frosch- und Lurcharten in Deutschland setzt sich fort, trotz der einigermaßen günstigen Bedingungen. Etwa 60 Prozent der Amphibien gelten bereits als gefährdet; so steht laut Hubert Laufer vom Verein Amphibien- und Reptilien-Biotopschutz der Moorfrosch vor dem Aussterben. Das Beängstigende sei aber, dass selbst eine Allerweltsart wie der Grasfrosch mittlerweile selten geworden sei.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen werden immer mehr Teiche und Tümpel zugeschüttet oder verlanden. Spritzmittel setzen den Tieren zu, da Amphibien eine dünne Haut haben und Gifte leicht aufnehmen – und der Klimawandel sorgt für immer trockenere Jahre.
In solchen Dürrezeiten, gerade zur Laichzeit, verzichten Amphibien manchmal ganz auf das Laichen und warten auf das nächste Jahr. Eine Erdkröte, sagt Laufer, könne bis zu 20 Jahre leben, da seien zwei, drei Trockenjahre in Folge keine Gefahr für die Art, doch beim Grasfrosch, der nur fünf Jahre alt werde, könnte eine solche Trockenphase die ganze Population hinwegraffen.
Matthias Schmid, der Sprecher des Umweltministeriums in Stuttgart, bestätigt den Trend für 2022, auch wenn bisher nur einzelne Erfahrungsberichte vorlägen. Schmid spricht von „dramatischen Rückgängen in den letzten Jahren“, weshalb das Land Gespräche mit den Naturschutzverbänden aufgenommen habe – es gehe um kurzfristig umsetzbare Maßnahmen.
Daneben sei die Forstverwaltung dabei, ein umfassendes Konzept zum Umgang mit der Gelbbauchunke in den heimischen Wäldern zu erstellen. Für Gelbbauchunken hat Deutschland eine besondere Verantwortung, weil hier das Zentrum ihrer Verbreitung liegt; sie laichen meist in Pfützen oder kleinen wasserführenden Gräben, die aber bei heißen Temperaturen schnell austrocknen.
Das Fazit auch des Ministeriums ist letztlich fast ein Offenbarungseid. „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass trotz umfangreicher Maßnahmen des Naturschutzes die Vielzahl negativer Einflussfaktoren für Amphibien bisher leider nicht kompensiert werden konnten“, so Matthias Schmid. Und er fügt hinzu: „Auch für die Zukunft kann aktuell leider keine gute Prognose für diese Artengruppe gewagt werden.“
Auf den Feuersalamander und andere Molcharten kommt zu allem Überdruss noch eine weitere Gefahr zu: Ein Pilz, der vermutlich aus Asien eingeschleppt worden ist, bedroht derzeit die gesamte Population. Dieser abgekürzt Bsal genannte Pilz sei bisher in vier europäischen Ländern nachgewiesen worden, darunter als einem Hotspot Deutschland, sagt Stefan Lötters von der Universität Trier, der diese Salamanderpest seit Jahren untersucht.
Bisher stammen die Nachweise aus der Eifel und aus Bayern; in Baden-Württemberg wurde der Pilz noch nicht festgestellt. Aber Hubert Laufer geht fest davon aus, dass er auch in den Südwesten eingeschleppt wird, wenn er nicht längst da sei: „Ich bekomme immer wieder Bilder von toten Feuersalamandern zugeschickt, die keine äußeren Verletzungen aufweisen – da könnte auch Bsal dahinterstecken.“ Stefan Lötters Prognose lautet: „Bsal hat nachweislich katastrophale Auswirkungen auf den Europäischen Feuersalamander.“ Alle untersuchten Populationen in Deutschland, in Belgien und den Niederlanden seien dramatisch zurückgegangen, in einigen Gebieten sei die Art möglicherweise sogar ausgestorben.
Tun kann man wenig gegen den „Salamanderfresser“. Laufer bittet alle Wanderer und Radfahrer, die in der Eifel im Urlaub waren, ihre Schuhe und Sportgeräte zu desinfizieren, bevor sie wieder bei uns auf Tour gehen. Das Umweltministerium bereitet sich daneben darauf vor, die Salamanderpest mit PCR-Analysen überhaupt erst nachweisen zu können. Derzeit finde in Süddeutschland schon ein entsprechender Test von Alpensalamandern statt, so Matthias Schmid – die Universität Trier und die LUBW arbeiteten dafür eng zusammen.
Maßnahmen, die allgemein den Amphibien in Baden-Württemberg zugute kommen, gäbe es viele. Aber, so sagt Hubert Laufer, man müsse sie im großen Stil betreiben. Es helfe etwa nichts, zehn oder 20 Tümpel anzulegen – es müssten viele Tausend sein, und zwar immer fünf bis zehn an einem Ort und mit mit unterschiedlichen Wassertiefen. Dann könnte die Tiere ausweichen, sowohl bei Trockenheit als auch bei Überschwemmungen. Daneben müssten Pestizide endlich auch auf ihre Verträglichkeit hin für Amphibien untersucht werden, so der Experte – bisher sei das nicht der Fall.
Dass seine Wünsche Wirklichkeit werden, könne man immer hoffen, sagt Laufer, so wie er auf einen Aufwärtstrend bei Amphibien im nächsten Jahr hoffe. Aber bisher spreche wenig dafür: „In der Politik ist es noch nicht angekommen, das das Artensterben nirgendwo so rasant abläuft wie bei den Fröschen und Molchen.“