Die 53-jährige Heike Krause ist seit März die Nachfolgerin von Andreas Arndt an der Spitze des Esslinger Amtsgerichts. Das imposante Gebäude in der Ritterstraße mit seinen historischen Sälen und ein nettes Kollegenteam hätten ihr den Start in Esslingen leicht gemacht, sagt die Richterin. Als Direktorin hält Krause das Amtsgericht organisatorisch am Laufen. Großen Aufwand erfordere derzeit der Umstieg auf die elektronische Aktenführung.
Die Amtsgerichte stehen im Ruf, nur die unbedeutenden Fälle würden dort behandelt. Was macht den Reiz Ihrer Aufgabe aus?
Man hat hier eine besondere Nähe zu den Menschen. Ich halte unsere Aufgabe für immens wichtig: Die Menschen müssen darauf vertrauen können, dass sich jemand um ihre persönlichen Rechtsprobleme kümmert, dass Zeit und Personal für eine Klärung investiert wird. Dass es kleine Fälle sind, stimmt nur auf den ersten Blick. Jede Ehescheidung läuft beispielsweise über das Amtsgericht. Wer das Sorgerecht bekommt und wie oft man sein Kind sehen darf, ist überhaupt keine Kleinigkeit. Das Mietrecht wird bei uns verhandelt. Wer ausziehen muss, aber keine neue Wohnung hat, der steht vor existenziellen Problemen. Auch der drohende Entzug der Fahrerlaubnis ist für die Betroffenen alles andere als eine Lappalie. Aber es stimmt schon: Mord und Totschlag haben wir hier nicht.
Ein geladener Zeuge kommt einfach nicht, mitunter taucht zur Verhandlung sogar der Angeklagte nicht auf. Täuscht der Eindruck oder kommt ein solches Verhalten heutzutage häufiger vor?
Wenn ich auf meine jahrzehntelange Berufserfahrung zurückblicke, glaube ich schon, dass sich diesbezüglich ganz allgemein in der Gesellschaft etwas geändert hat und Verpflichtungen nicht mehr so ernst genommen werden. Oft ist es eine Art Vermeidungsstrategie. Man reagiert so lange nicht, bis irgendwann die Polizei vor der Tür steht. Ich kann nur jeden davor warnen. Gerichtliche Schreiben erledigen sich nicht, indem man sie ignoriert.
Sie sind zwar Direktorin des Amtsgerichts, aber nicht Dienstvorgesetzte der Richterinnen und Richter in Ihrem Haus. Warum ist das so organisiert?
Richterinnen und Richter sind unabhängig, das ist im Grundgesetz so vorgeschrieben und ein wichtiges rechtsstaatliches Prinzip. Sie entscheiden nach bestem Wissen und Gewissen. Es kommt immer wieder mal vor, dass ich Briefe bekomme, in denen sich jemand beschwert oder mir geraten wird, als Direktorin das Urteil eines Kollegen abzuändern oder ihn zu versetzen. Genau das darf aber nach dem Grundgesetz nicht sein: Ein Richter darf in seinem Urteil nicht durch die Behördenhierarchie beeinflusst werden. Wenn jemand mit dem Urteil nicht zufrieden ist, ist eine Berufung möglich, der Fall geht dann zum Land- oder Oberlandesgericht. Dienstvorgesetzter der Amtsrichter ist übrigens der Präsident des Landgerichts. Inhaltlich nimmt aber auch er keinen Einfluss auf die Entscheidungen.
Sie sind weiterhin als Richterin tätig. Welche Fälle landen bei Ihnen?
Meine Arbeitszeit teile ich mir auf, ich bin jeweils zur Hälfte Direktorin und zur Hälfte Richterin. Ich bin vor allem mit Zivilrecht beschäftigt, etwa mit Verkehrsunfällen, Zahnarztrechnungen oder mit Kaufverträgen, bei denen der Streitwert 5000 Euro nicht überschreitet. Alles, was darüber liegt, geht ans Landgericht. Streitwertunabhängig sind wir als Amtsgericht aber zum Beispiel zuständig für Wohnungsmietrecht und Familiensachen wie Scheidungen und Sorgerechtsstreite.
Immer wird geklagt, die Justiz sei überlastet. Wie schätzen Sie die Situation am Esslinger Amtsgericht ein?
Es gibt hier sicher keinen, der Däumchen dreht, wir sind alle gut ausgelastet. Allein im ersten Quartal sind bei uns rund 350 Zivilsachen, 250 Familienangelegenheiten und 500 Straf- und Bußgeldsachen sowie 150 Insolvenzverfahren eingegangen. Wir sind allerdings in einer etwas einfacheren Situation als etwa die Land- und Oberlandesgerichte, die zur Zeit noch eine Klagewelle von Dieselverfahren abzuarbeiten haben, das bindet unglaublich viel Kapazität. Insgesamt stehen wir in Esslingen bei den Verfahrenslaufzeiten sehr gut da – auch wenn das vom Einzelnen mitunter anders wahrgenommen wird. Die notwendige Sachaufklärung, ohne die kein Fall entschieden werden kann, dauert eben ihre Zeit. Auch ist es wichtig, dass sich jeder Beteiligte äußern kann und angehört wird.
Inwieweit hat Corona die Situation verschärft?
Auch wir als Gericht hatten natürlich mit der Pandemie zu kämpfen. Gelitten hat vor allem das soziale Miteinander der Belegschaft, auch die räumliche Trennung innerhalb der Büros war oft schwer umzusetzen. Erst seit 28. Mai ist die Maskenpflicht aufgehoben. Dass man in einer Verhandlung wieder die Mimik wahrnehmen kann, ist unglaublich wichtig. Durch Corona gab es auch neue Verfahren wie etwa Bußgelder, weil Kontaktbeschränkungen oder die Schulpflicht verletzt wurden. Es sind inzwischen nur noch vereinzelte Fälle, die abgearbeitet werden müssen. Wir merken aber zugleich, wie sich die Pandemie wirtschaftlich auswirkt, etwa wenn Menschen ihre Miete nicht zahlen können oder Betriebe in der Insolvenz stecken.
Als Richterin hat man naturgemäß mit Konflikten zu tun. Belastet das auch?
Ich bin mit einem unerschütterlichen Glauben an das Gute ausgestattet. Angesichts der Erfahrungen, die ich als Richterin mache, stellt sich bei mir auch eine Dankbarkeit für die eigene Lebenssituation ein und es schärft den Blick fürs Wesentliche. Man muss sich aber auch vor Augen halten, dass viele Fälle gar nicht zu Gericht gelangen, weil die Menschen es selbst schaffen, miteinander eine Lösung zu finden. Und es gibt auch bei Gericht Dinge, die positiv enden. Nehmen wir einen Nachbarschaftsstreit: Da ist oft große Erleichterung bei beiden Parteien zu spüren, wenn sie sich im Gerichtssaal auf eine Lösung verständigen können.
Aber ja, es gibt Fälle, die mich Jahre danach beschäftigen. Aus meiner Zeit als Familienrichterin erinnere mich etwa an einen Sorgerechtsstreit. So richtig gut fand ich die Kinder bei keinem Elternteil aufgehoben. Da hätte ich mir später oft eine Rückmeldung der inzwischen längst erwachsenen Kinder gewünscht, ob meine damalige Entscheidung richtig war.
Wie können abschalten?
Seit ich in Esslingen arbeitete, fahre ich mit dem Fahrrad. Die körperliche Anstrengung, um hoch auf die Filder zu kommen, tut mir gut. Anfangs schwirren mir noch die Fälle im Kopf herum, bis ich daheim ankomme, sind diese Gedanken verflogen. Als Ausgleich zu den Akten arbeite ich gerne handwerklich, ich liebe Gartenarbeit und bewirtschafte ein Stückle mit Obstbäumen, ich wandere und verreise gerne. Außerdem singe ich im Sängerbund Ruit.
Jahrzehntelange Erfahrung als Richterin
Vita
Heike Krause, Jahrgang 1969, ist in Pfullingen aufgewachsen und wohnt auf den Fildern. Sie ist verheiratet und Mutter von drei, teils erwachsenen Kindern. Sie hat in Tübingen und Fribourg (Schweiz) Jura studiert und ihr Referendariat in Heilbronn absolviert. Sie hat in vielen Bereichen der Justiz gearbeitet und war an verschiedenen Amts- und Landgerichten in der Region und zuletzt am Oberlandesgericht Stuttgart tätig, wo ihre Schwerpunkte im Bau- und Gesellschaftsrecht lagen. Sie war dort auch Leiterin der Eheabteilung und der Abteilung für Notaraufsicht.
Amtsgericht
17 Richterinnen und Richter sind am Amtsgericht Esslingen tätig. Insgesamt gibt es knapp 100 Beschäftige. Es ist erstinstanzliches Gericht in Zivil-, Familien- und Strafsachen. Zudem gibt es am Amtsgericht Esslingen eine Nachlass- und Betreuungsabteilung. Bei Insolvenz- und Zwangsversteigerungsangelegenheiten ist Esslingen auch für die Amtsgerichtsbezirke Kirchheim und Nürtingen zuständig.