In der vergangenen Woche waren die Leute vom Böblinger Grünflächenamt an den Seen unterwegs. Ihr Job: nach den Gänsen gucken. Die gefiederten Bewohner der Stadt sollten einer Volkszählung unterzogen werden. Denn seit vielen Jahren beobachtet man im Rathaus die Flugtiere, die es sich in der Stadt gemütlich machen, mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite sind die Vögel mit den großen orangenen Füßen und ihrem selbstbewussten Auftreten eine Bereicherung für die Seen, auf der anderen Seite sind sie äußerst vermehrungsfreudig und wenig sorgsam bei der Verbreitung ihrer beeindruckend umfänglichen Verdauungsreste.
Rund 35 Graugänse mit acht Jungtieren und eine Kanadagans treiben sich laut der Zählaktion derzeit an den Seen herum. Hinzu kommen vier bis acht Nilgänse, die als so genannte „invasive“ Art gelten, weil sie die einheimischen Vögel zurückdrängen. Die Exoten ziehen derzeit zehn Jungtiere auf. Auf den ersten Blick scheint das Ergebnis der Zählung darauf hinzuweisen, dass sich die Anzahl der Vögel im Vergleich zum vergangenen Jahr zumindest nicht vergrößert hat. Denn im vergangenen Sommer gab es immer wieder Tage, an denen die begrünten Uferzonen übersät waren von weidenden Gänsen.
Die Zählung hat ihre Schwächen
Eine solche Zählung, räumen die Verantwortlichen jedoch ein, hat so ihre Schwächen und kann wohl nur ein ungefähres Ergebnis vorweisen. Denn die Tiere wurden beim Abgehen der Seeufer gezählt. Diejenigen Gänse, die in dieser Zeit den Standort gewechselt haben, sind somit durchs Raster geflogen. „Die Vögel“, sagt Stadtsprecher Gianluca Biela, „sind sehr mobil“. Man gehe davon aus, dass ihr Revier bis nach Sindelfingen hinüber reiche.
Die vor wenigen Wochen ausgebrochene Geflügelpest, so viel scheint sicher, hat der Population indes nicht geschadet. Nur drei Tiere, die an der Krankheit verendet sind, wurden in Böblingen aufgefunden. Die daraufhin vom Landratsamt verordnete Stallpflicht für jegliches Gefieder in Böblingen und Sindelfingen wurde zu Ostern wieder aufgehoben.
Auch die Stadt hat zur Komfortzone beigetragen
Auch wenn die Gänse für viele Besucher eine nette Bereicherung der Seen sind, möchte es die Stadt den fliegenden Mitbewohnern nicht gar zu bequem machen. Denn nicht nur die Hinterlassenschaften sind ein Problem. Auch eine unkontrollierte Verbreitung hätte Folgen für das Ökosystem der Seen. Und: Menschen, die die Vögel trotz Verbots immer noch füttern, bieten für die Gänse in Böblingen optimale Lebensbedingungen. Die Stadt hat in der Vergangenheit ebenfalls zum Wohlfühl-Ambiente für die Tiere beigetragen: Für die Landesgartenschau 1996 wurden Teile der Seeufer von ihrem Schilfgürtel befreit, der als eine natürliche Barriere für die Tiere gilt.
Der Seeadler beeindruckt die Gänse wenig
Der Erfolg der Versuche, das Leben für die Federviecher weniger attraktiv zu machen, war in den vergangenen Jahren überschaubar. Zäune an den Ufern, das Absägen der Büsche auf der Seeinsel und ein Seeadler, den eine Falknerin an manchen Tagen frühmorgens über die Reviere kreisen lässt, haben die Tiere bisher nicht wirklich beeindruckt. Nun unternimmt das Umwelt- und Grünflächenamt der Stadt einen neuen Versuch zur Verringerung der Komfortzone in der heimischen Gänsewelt: Die bisherigen Geflügelzäune, die die Gänse am bequemen Erreichen der Uferwiesen hindern sollen, werden nach und nach durch schwarze Amphibienzäune ersetzt. Blickdichte Barrieren, die sich wie eine schwarze Wand vor den Vögeln aufbauen. Diese können dann die Hürden zwar immer noch fliegend überwinden; da die Tiere aber gerne offene Fluchtwege zum sicheren Wasser schätzen, soll damit eine gewisse Abschreckung erzielt werden. Im Rathaus hofft man auf einen „Vergrämungseffekt“.
Die Kormorane ziehen wieder ab
Aktivitäten, die den Kormoranen, die in den vergangenen Wochen an den beiden Seen in der Innenstadt öfters beobachtet worden sind, hingegen nicht drohen. Beim Besuch dieser versierten Fischjäger handelt es sich laut Stadt, wie in den vergangenen Jahren auch, um ein begrenztes Phänomen im zeitigen Frühjahr. „Die Vögel bleiben erfahrungsgemäß immer nur ungefähr zwei bis drei Wochen“ heißt es aus dem Grünflächenamt. Momentan zeige sich nur noch ein Paar, das jedoch nicht brüte. Wie berichtet, hatte der Kreisfischerverein, dessen Mitglieder die Seen pflegen und dort auch angeln, vor Kurzem Sorge geäußert, dass die Kormorane den Fischbestand reduzieren.