An der Grundschule Heumaden lernen auch Kinder mit Handicap Eltern fordern Fortsetzung der Inklusion

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Die Sorge der Eltern an der Grundschule in Stuttgart-Heumaden hat sich als unberechtigt erwiesen: Es werden wohl wieder neue Inklusionskinder an die Schule kommen. Vom Knowhow der Sonderpädagogin und ihrer eingespielten Teamkollegen profitieren alle.

Rollenspiele gehören zum Unterricht in der 4a in Heumaden dazu. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Rollenspiele gehören zum Unterricht in der 4a in Heumaden dazu. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Bis vor Kurzem hat die Elternbeiratsvorsitzende der Grundschule Heumaden eine Sorge umgetrieben: Was würde aus der Inklusion werden, wenn die Schule im kommenden Schuljahr keine Kinder mit sonderpädagogischem Bildungsanspruch bekommen würde? Anders als man annehmen könnte, treibt Claudia Gampe-Braig und Karolin Reymann nicht die Skepsis gegenüber behinderten Kindern, sondern das Bedauern, dass ohne diese das Schulleben der Grundschule ärmer und das Knowhow des Kollegiums „vergeudet“ wäre. Und dass dann womöglich die festangestellte Sonderpädagogin Monika Weigandt die Schule verlassen würde. Darum, so schrieben die Elternvertreterinnen, müsse sich unsere Zeitung unbedingt kümmern. Jawoll, sagte sich die Zeitung, so ein ungewöhnliches Anliegen verdient eine Recherche.

Unterrichtsbesuch in der 4a: Die besteht aus zwei geistig-, fünf lernbehinderten und zehn Regelschülern. Betreut wird die Klasse von zwei Lehrerinnen: der Grund- und Hauptschullehrerin Annedore Trauthig und der Sonderpädagogin Weigandt. Und zwei FSJlern – „ohne die geht’s gar nicht“, sagt Weigandt. Denn während die Klasse sich mit dem Thema „Gefühle“ befasst, den Smileys an der Tafel die passende Begrifflichkeit zuordnet, eigene Erlebnisse dazu erzählt und sich später selber kleine Rollenspiele dazu ausdenkt, begleiten die FSJler ihre Schützlinge schon mal mitten im Unterricht zur Toilette. Für die Viertklässler scheint es völlig normal zu sein, dass ein paar von ihnen besondere Unterstützung brauchen.

Fair heißt nicht, dass alle das Gleiche kriegen

„Die Kinder merken: fair heißt nicht, dass alle Kinder das Gleiche kriegen oder leisten müssen“, erklärt die Schulleiterin Petra Fix. Das gilt nicht nur für Klassenarbeiten. Das gilt auch für die gemeinsame Fahrt ins Schullandheim. „Ein Kind muss man immer an die Hand nehmen“, sagt Fix. Das wissen die anderen Kinder, tun’s auch, und das betroffene Kind lasse das mittlerweile auch zu. Das gilt auch für Rollenspiele: Es ist klar, dass nicht alle in den Kleingruppen eine Rolle übernehmen können, als es im Sachunterricht drum geht, Glück, Trauer, Wut oder Angst szenisch darzustellen. Genauso klar ist aber, dass den Applaus alle kriegen. „Es geht um Teilhabe“, sagt Weigandt, „darum, sich gegenseitig kennenzulernen, Ängste abzubauen“. Nicht nur während des Unterrichts. „Auch das Geschehen auf dem Pausenhof ist ein wichtiger Faktor.“

Die Sonderpädagogin gehört im dritten Jahr fest zum Kollegium der Grundschule. „Die Kollegin wollte gezielt in der Inklusion arbeiten“, sagt Fix – „das empfinden wir als Bereicherung“. Weigandt: „Es ist wichtig, dass die Schule hinter dem Konzept steht.“ Das habe sich aber erst einspielen müssen, berichtet Annedore Trauthig. Sie selber habe vor sechs Jahren in Heumaden mit der Inklusion angefangen und sich viel selber aneignen müssen. Nicht nur sie habe sich anfangs gefragt: „Wie soll das zusammengehen?“ Zum Glück habe sie gute Kollegen, und beim Unterricht im Tandem mit Kollegin Weigandt stimmt auch die Chemie. „Wir haben gemerkt, in Mathe und Deutsch müssen wir die Kinder trennen“, so Trauthig.

Manche Eltern wollen ihr Kind gezielt in der Klasse mit Inklusionskindern anmelden

Auch die Skepsis der Eltern sei verschwunden, diese Befürchtung: „Kommt mein Kind vielleicht zu kurz?“ Inzwischen hätten diese sich geöffnet, sähen die Vorteile. Manche Eltern, so Fix, wollten ihre Kinder im Blick auf die besondere Förderung sogar gezielt in der Inklusionsklasse anmelden.

Natürlich kommt hier auf die Lehrer ein hoher Aufwand zu, wenn es darum gehe, für die FSJler die Kosten im Schullandheim für Fahrgeld, Verpflegung und Übernachtung zu finanzieren. „Manchmal fühl ich mich wie ein Bittsteller“, sagt Weigandt.

Mit ihrer Festanstellung an einer Regelschule ist die Sonderpädagogin in Stuttgart eine Seltenheit. Nur fünf Sonderpädagogen außer ihr haben ebenfalls diesen Weg gewählt und verstärken die Kollegien an fünf weiteren Regelschulen. Von einem Trend könne also keine Rede sein, meint Christof Kuhnle vom Schulamt. 156 Kollegen unterrichten als Sonderschullehrer an Regelschulen, gehören aber zur Sonderschule. Kuhnle versichert aber: „In der Regel sind die Inklusionsstandorte stabil.“ Im Schulamt sei man bestrebt, Inklusionskinder gruppenweise unterzubringen, um so eine ordentliche Unterrichtsversorgung hinzubekommen. In Heumaden bedeutet das für einige Kinder lange Schulwege. Doch die Vorteile wiegen schwerer: Eines der lernbehinderten Kinder schafft den Weg von Untertürkheim sogar mit dem ÖPNV. Wie sagt Kuhnle zur Inklusion: „Es kann ein Gewinn sein – aber es ist auch eine Herausforderung.“

Für die Eltern gibt er Entwarnung. Im kommenden Schuljahr werde es in Heumaden wohl wieder eine Inklusionsklasse geben. Die Gespräche hierzu laufen jedenfalls.

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