An der Nordseeküste Wiesen, Warften, Wolken
Wer nach Friesland fährt, der will das Meer sehen. Das gilt für Gäste wie für Maler. Deswegen gibt es im Norden auch so viel Bildende Kunst.
Wer nach Friesland fährt, der will das Meer sehen. Das gilt für Gäste wie für Maler. Deswegen gibt es im Norden auch so viel Bildende Kunst.
Das Grundstück ist ein Traum. Mitten im Niemandsland gelegen, nur Wiesen, Warften und ruhende Wolken am endlosen Horizont. Der Hof ein paar hundert Meter gegenüber allerdings, der stört. Wenn da laute Nachbarn wohnen oder irgendwann mal einziehen, was dann? Der Maler Emil Nolde und seine Frau Ada zögern, die beiden suchen keine Bekanntschaften, sie wollen Ruhe, einen Rückzugsort, eine stille Sommerresidenz zum Arbeiten und Träumen. Das Ehepaar überlegt, entwirft, rechnet. Schließlich wird entschieden, den benachbarten Hof zur Sicherheit einfach mit zu kaufen: „Ich bin mir selbst der beste Nachbar“, findet Emil Nolde.
Rasch wird mit dem Wichtigsten, dem Bau des Ateliers begonnen. Dennoch wird es nahezu zehn Jahre dauern, von 1927 bis 1937, bis der ganze Nolde-Komplex in Seebüll errichtet ist. Wer das Gelände heute betritt, der staunt noch immer: über so viel moderne Architektur inmitten einer Gegend, die ansonsten nur aus Frieschenhäuschen und Backstein besteht. Wie exzentrisch muss dieser Kubus und die farbige Gestaltung der Wohnräume erst vor knapp hundert Jahren gewirkt haben! Oder über den historischen Garten, der rund 500, teils sehr alte Stauden beherbergt und der durch einen vom Ehepaar Nolde entwickelten, ausgeklügelten Windschutz beeindruckt. Denn nur so kann die paradiesische Blütenpracht dem rauen Nordseeklima überhaupt standhalten.
Von diesem riesigen Gesamtkunstwerk aus Garten, Haus, Museum, Restaurant und Malschule muss man wissen, wenn man als Nordseetourist unterwegs ist. Einfach so findet man das stattliche Anwesen, das auf dem friesischen Festland etwa auf der Höhe von Westerland liegt, nicht. Ohne Auto gleich zweimal nicht. Dennoch ist das Nolde-Museum immer gut besucht, selbst in den Morgenstunden in der Nebensaison hat man das Haus selten für sich allein, ständig kommen neue Besucher entschlossen die lang gestreckte Allee entlang spaziert.
Viele haben eine Führung durch die Welt Noldes mit anschließender Malschule gebucht. Kunsterzieherin Mechthild Gransow begrüßt die Malschüler im Atelier, das durch eine riesige, raumhohe Fensterfront einen grenzenlosen Blick in die weite Marschlandschaft bietet. „Viele Besucher sind so hin und weg von der Aussicht, dass sie sofort diese Landschaft malen wollen“, erzählt die erfahrene und liebevolle Museumspädagogin. Aber es geht kleinteilig los, die Aufgabe heute lautet: Blumen aus Noldes Garten malen. Auch schwer.
Das Nolde-Haus ist nicht das einzige Kunstmuseum in Fries-land, das sich mit Künstlern und Motiven des Nordens befasst. Weit über die deutsche Nordseeküste hinaus bekannt ist das Museum Kunst der Westküste (MKDW) auf der Insel Föhr. Hier liegt der Fokus ganz auf maritimer Malerei, auf dem Themenspektrum „Meer und Küste“ der vier Nordsee-Anrainerstaaten Norwegen, Dänemark, Niederlande und Deutschland. Auch dieses Museumsgebäude erstaunt durch seine spektakulär-moderne Architektur inmitten des beschaulichen Örtchens Alkersum in der Inselmitte. Museumsmitarbeiterin Marlene Röker erklärt, dass das Museum nur Wechselausstellungen aus seiner eigenen rund 1100 Werke umfassenden Sammlung zeigt: „Viele Stammgäste der Insel sind mittlerweile auch Stammgäste in unserem Museum, denn sie können hier im vertrauten Gebäude jedes Jahr etwas Neues sehen.“
Stammgäste hat die Insel viele und das 2009 von einem privaten Stifter gegründete Museum mittlerweile auch. Es scheint zum Urlaubsglück der Besucher beizutragen, die Witterungsphänomene und schnelle Wetterwechsel, für die die Nordseeinsel bekannt ist, nicht nur am eigenen Leib zu erspüren, sondern auch im windstillen Ausstellungsraum auf der Leinwand durch das Auge der Künstler nachzuvollziehen. Die Jahresausstellung 2026 heißt „Inselhopping“ und zeigt Föhr, Amrum, Sylt und Helgoland in Malerei und Fotografie. „Da kann man sich doch glatt die Fähre hinüber nach Amrum sparen“, scherzt ein Gast.
Wem der Sinn nach noch mehr Ausstellungen ist, der wird sowohl auf der Insel als auch auf dem Festland fündig. Auf Föhr gibt es noch das informative und sehr moderne Dr.-Carl-Häberlin-Friesen-Museum, das einen Überblick über die berühmte, bis heute viel getragene Föhrer Tracht gibt und viel zum Verständnis der Lebensweise der Insulaner beiträgt. Wer der Ansicht ist, Tracht finde sich vor allem im Süden der Republik, der war mit Sicherheit noch nicht auf Föhr. Hier wird die Konfirmation oder die Firmung in Tracht gefeiert und selbstverständlich trägt eine Braut Tracht.
Im Nordfriisk Institut in Bredstedt kann man sich über die sogenannte Kleinsprache Friesisch informieren. Der Leiter des Hauses Claas Rieken hat Friesische Philologie studiert. Das klingt mäßig spannend, der Museumsleiter aber ist wider Erwarten ein rechter Spaßvogel und kann sehr anschaulich und unterhaltsam erzählen. In den Ausstellungsräumen liest man sich schnell fest und begreift schließlich auch den Unterschied zwischen Friesisch und Plattdeutsch. „Friesisch ist eine Minderheitensprache“, erklärt Rieken. In den 60er Jahren galt Friesisch eher als „Halskrankheit“ denn als menschliche Errungenschaft. Doch langsam würden sich die Menschen hier wieder auf ihren Klang besinnen. Dann spricht Rieken ein paar Sätze erst auf Friesisch, dann auf Platt. Platt versteht auch der Süddeutsche einigermaßen, Friesisch aber mutet tatsächlich wie eine Fremdsprache an. Das verwechselt der nun so geschulte Tourist nie wieder.
Und geht weiter zum Amsinck-Haus, am Deich kurz vor der Hamburger Hallig. Das Amsinck-Haus ist ein unscheinbares, recht klein anmutendes Informations- und Servicezentrum. Aber auch hier wird man überrascht und kommt viel klüger hinaus als man erwartet hat. Der einzige Raum ist vollgestopft mit Wissenswertem zur Region Mittleres Nordfriesland. Typische Vertreter der Gegend führen in Hörspielen durch die Ausstellung: zum Beispiel der Nationalparkranger, der jeden Vogel kennt, oder der Wasserwerker, der dafür sorgt, dass die Nordsee nicht über die Deiche schwappt. Man erfährt Wissenswertes über Küstenschutz und Deichbau, über Marsch, Köge und Hallig. Außerdem kann man hier Räder leihen und den schnurgeraden Weg bis hin zur Hallig radeln. Oder man läuft die rund vier Kilometer durch die Salzwiesen und lässt sich den Wind um die Nase wehen. Links und rechts sieht man die Nordsee, ab und zu ein paar Schafe. Menschen sind in der Nebensaison nur wenige unterwegs.
Schließlich kommt man an die Spitze der Hallig. Dort gibt es Sitzbänke und sehr viel freie Sicht auf das graue Meer. Die Nordsee ist bewegt, aber nicht unfreundlich. Nach so viel Kunst und Kultur, nach so viel Tracht und Platt ist man froh, an dem Ort zu sein, wegen dem alle Künstler her kommen: am Meer. Auch eine Einheimische sitzt hier und genießt die pastelligen Farben des Frühjahrs: „Alles ist hell und klar, was für ein schönes Motiv!“, seufzt sie. Einfach malerisch.
Anreise
Mit dem ICE nach Hamburg, von dort aus mit dem Regionalzug nach Niebüll oder Dagebüll Mole. Dann weiter mit dem Schiff nach Wyk auf Föhr, www.bahn.de .
Unterkunft
Das Hotel Landhafen in Niebüll bietet geschmackvoll eingerichtete Zimmer und ein leckeres Frühstück. Doppelzimmer/Frühstück ab 94 Euro, www.landhafen.com/ .Die Pension Nije Haven in Wrixum ist mit nur drei Doppelzimmern richtig familiär. Frühstück gibt es beim Wirt persönlich, er bereitet alles selbst zu, die Uhrzeit darf man wählen. Die Zimmer sind minimalistisch-elegant eingerichtet und haben alle Zugang zu einer Terrasse. Preis pro Appartement und Übernachtung ab 80 Euro. https://nije-haven-foehr.de/ .
Essen und Trinken
Im Restaurant Eichhorn’s in Risum-Lindholm erfährt man, wie es schmeckt, wenn heimische Zutaten und traditionelle Zubereitung mit einer Prise Italien versehen wird. Übernachten kann man in dem Haus auch: https://eichhorns.de/restaurant/ .Im Museumsrestaurant Element in Seebüll kann man neben regionalen Gerichten am Wochenende auch Fine Dining erleben. Zudem gibt es einen Shop, in dem man Kräuter aus Noldes Garten kaufen kann oder den leckeren Quitten-Ketchup aus der Region, https://element-seebuell.de/ .Im Hallig Krog auf der Hamburger Hallig gibt es Fisch und Krabben und noch viel mehr aus dem Meer und von der Wiese, www.hallig-krog.de . Auf dem Weingut Waalem in Nieblum auf Föhr gibt es tatsächlich Wein von der Insel zu verkosten, www.waalem.de .In der Sydbar am Südstrand in Wyk auf Föhr sitzt man direkt an der Promenade mit Blick auf das Meer durch große Fensterfronten: www.upstalsboom-wyk.de/kulinarik/restaurant-sydbar .Grethjens Gasthof befindet sich im Museum Kunst der Westküste in Alkersum und lohnt durch die originelle friesisch-moderne Küche auch eine Besuch unabhängig von einem Museumsbesuch: www.mkdw.de/de/informationen/restaurant-und-cafe-grethjens-gasthof . Rezepte aus der Sterneküche findet man in Hemkes Restaurant im Greenpark in Wyk: www.hemkes-restaurant.de/.
Aktivitäten
Das Hans-Momsen-Museum in Fahretoft freut sich über jeden Besucher, das merkt man unter anderem an den prächtigen, selbst gemachten Kuchen im Haus des friesischen Universalgelehrten. www.hansmomsen.de .Auf eigene Faust oder mit Führer: ein Spaziergang auf dem Deichwanderweg in Dagebüll pustet gut durch, www.dagebuell-tourismus.de/kueste-erleben/deich/deichwanderweg .Eine Kapitänstour durch Nieblum führt zu den schönsten Kapitänshäusern der Insel, www.foehr.de/kapitaenstour-durch-nieblum-339?type=5200 . Kunst in Nordfriesland: Emil-Nolde-Museum in Seebüll, www.nolde-stiftung.de . Museum Kunst der Westküste in Alkersum auf Föhr, www.mkdw.de .
Allgemeine Informationen
Nordsee und Nordfriesland: www.nordseetourismus.de . Föhr: www.foehr.de