Ana Marwan bei der Esslinger Lesart Die Lust am Spiel mit immer neuen Wahrheiten

Ana Marwan Foto: Roberto Bulgrin

Mit einem verblüffenden Buch hat Ana Marwan das Publikum der Esslinger Literaturtage Lesart überrascht: In ihrem Roman „Verpuppt“ erzählt sie augenzwinkernd die Geschichte einer Frau, die das Chaos ihrer Welt mit immer neuen Wahrheiten zu bändigen versucht.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Wenn ein neues Buch erscheint, sind sich die Kritiker manchmal einig, bisweilen gehen die Bewertungen jedoch weit auseinander. Liest man Besprechungen von Ana Marwans Roman „Verpuppt“ (Otto Müller Verlag, 24 Euro) , dann spürt man die Verunsicherung vieler Rezensenten. Entsprechend breit ist das Spektrum der Erklärungsversuche. Nur in einem sind sich die meisten einig: Marwans zweiter Roman, den die Autorin in Slowenisch geschrieben hat, um ihn sodann ins Deutsche übersetzen zu lassen, ist ein Kabinettstückchen. Von der ersten bis zur letzten Zeile führt die Autorin ihre Leserinnen und Leser mit spürbarem Vergnügen an der Nase herum, wenn sie die Geschichte immer wieder neu erfindet. Dem Publikum der Esslinger Lesart hat Ana Marwan damit einen höchst vergnüglichen Abend beschert.

 

„Jede Geschichte ist eine Gewalt an der Wahrheit“, heißt es im Buch. Und man fragt sich unwillkürlich, ob es diese eine Wahrheit überhaupt geben kann, schließlich hat jeder seine eigene Sicht auf die Welt. Und auch die muss nicht in Stein gemeißelt sein. Im Fall von Rita, mit der uns die Autorin bekannt macht, ist Wahrheit ein dehnbarer Begriff: Wie alt Rita ist, weiß man als Leser nicht gewiss. Christoph Schröder, der durch den Abend führte, zählt sie zu den Jüngeren und spricht von einer Coming-of-Age-Geschichte. Dafür würde auch der Titel sprechen, der nahelegt, dass die Protagonistin dabei ist, aus ihrem Kokon zu schlüpfen, um hinaus in die Welt zu flattern. Und dass Rita in ihren Geschichten immer neue „Wahrheiten“ kreiert, um etwas Ordnung in das Chaos ihrer Welt zu bringen.

Gewiss ist aber auch das nicht – wie so vieles in Marwans Buch. Ob sie in der Abteilung Raumfahrt eines Ministeriums arbeitet oder ob diese Institution vielleicht doch eher eine Psychiatrie ist: wer weiß? Genau so wie die Antwort auf die Frage, ob Ivo Jez, dem sie wenigstens ein kleines bisschen Nähe gestattet, Kollege, Mitpatient oder schlicht Erfindung ist. Die Autorin genießt diese Ungewissheit. Aber vielleicht ist letzte Gewissheit ja so wenig entscheidend wie ein Plot, auf den man vergeblich wartet. Vielleicht ist der Lesegenuss am größten, wenn man sich einlässt auf dieses virtuose Spiel mit Sprache, Perspektiven und scheinbar verlockenden Fährten, die irgendwann und irgendwo im Nirgendwo enden. Wer sich dafür entscheidet, darf sich auf ein Stück Literatur freuen, wie man es nur selten zu lesen bekommt.

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