Analyse des ersten OB-Wahlgangs OB-Wahl: Stuttgart als geteilte Stadt

In diesem Beitrag analysieren wir den ersten Wahlgang der OB-Wahl in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Wähler in der City haben beim ersten Durchgang der Oberbürgermeisterwahl deutlich anders abgestimmt als der Rest. Woran könnte das liegen?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Frank Nopper hat beim ersten Wahlgang im Rennen um das Oberbürgermeisteramt in allen 23 Stuttgarter Stadtbezirken die meisten Stimmen geholt. Mit etwas Abstand ergibt sich ein weiterer deutlicher Befund: Stuttgart ist politisch eine zweigeteilte Stadt.

 

Nach dem Sonntag färbt sich die politische Stadtkarte schwarz – doch in der Innenstadt wird sie eher mittelgrau. Beim ökosozialen Lager ist es genau umgekehrt: Veronika Kienzle (Grüne), Hannes Rockenbauch (SÖS), Marian Schreier (Einzelbewerber) und Martin Körner (SPD) haben in der City ihre Hochburgen – und kommen auf den Fildern, entlang des Neckars sowie im Norden der Stadt teils auf nur einstellige Prozentwerte.

Offenbar sprechen der konservative Kandidat Nopper und seine links beziehungsweise grün orientierten Konkurrenten unterschiedliche Wählergruppen an. Die Innenstadt und die Außenbezirke unterscheiden sich nicht nur politisch, wie Daten aus dem Statistischen Amt der Stadt zeigen. Beispielsweise sind in der City die Haushalte anders zusammengesetzt. Der Singleanteil ist hier mit 60 Prozent höher als in den Außenbezirken (48 Prozent). In der Folge sind auch die Haushalte kleiner (1,7 gegenüber 2 Personen).

Auch in der Altersstruktur unterscheidet sich die Innenstadt deutlich vom Rest der Stadt: Hier ist der Anteil der Senioren mit 15 Prozent geringer als in den Außenbezirken (20 Prozent) – aber es leben auch weniger Kinder und Jugendliche hier (13 versus 16 Prozent). Dafür gibt es in der City rechnerisch für fast jedes zweite Kind unter 3 Jahren einen Kitaplatz, im übrigen Stadtgebiet nur für jedes dritte Kind.

Beeinflusst das Sicherheitsempfinden die Wahl?

Damit können unterschiedliche politische Präferenzen zusammenhängen. Der konservative Kandidat Nopper spricht tendenziell offenbar eher Familien sowie ältere Wählerinnen und Wähler an. Die Bevölkerung der dicht besiedelten Innenstadtbezirke ist dagegen eher von Berufstätigen und Singles geprägt, die für andere Kandidaten stimmen.

Interessant ist auch, dass laut der städtischen Bürgerumfrage von 2017 in den Nopper-Hochburgen im Norden der Stadt sowie entlang des Neckars das Sicherheitsempfinden und das Vertrauen in die Nachbarschaft geringer sind als in der Innenstadt und teilweise auf den Fildern, wo die linken und grünen Kandidaten relativ gut abschnitten. Nicht zuletzt sind in der City weniger Autos gemeldet als im übrigen Stadtgebiet. All das mag bei der Wahlentscheidung ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Kein Zusammenhang zu den Wahlergebnissen in den einzelnen Stadtbezirken zeigt sich dagegen beim Anteil der Ausländer oder der Menschen mit Migrationshintergrund. Er ist in der City gleich hoch wie im Rest der Stadt, wenngleich er etwa in der ökosozialen Hochburg Stuttgart-West deutlich unter dem Schnitt liegt.

Nopper nutzt das CDU-Wählerpotenzial

Die relative Schwäche der CDU in der Innenstadt deutete sich schon bei der Kommunalwahl 2019 an. Damals profitierten die Grünen. Insgesamt liegen die Werte von Nopper in der City gleichwohl über jenen rund 15 Prozent, die bei der Gemeinderatswahl 2019 im Stadtzentrum auf die Christdemokraten entfielen. Nopper hat das bürgerliche Wählerpotenzial in der Innenstadt also relativ gut angesprochen. Für den zweiten Wahlgang am 29. November liefert die detaillierte Auswertung des Wahlergebnisses ebenfalls Hinweise. Beispielsweise gibt es in keinem Stadtbezirk eine linke Mehrheit – errechnet aus der Summe der Stimmenanteile von Marian Schreier, Hannes Rockenbauch und Martin Körner. Sollte ein Kandidat alle Stimmen aus diesem Spektrum auf sich vereinen, käme er insgesamt freilich auf knapp 39 Prozent (Innenstadt: 46 Prozent). Das wären mehr als jene 31 Prozent (Innenstadt: 38 Prozent), auf die eine grüne Allianz der Kienzle- und Rockenbauch-Anhänger hinausliefe.

Die Chance der Ökosozialen

Schafft es das ökosoziale Lager, sich auf einen Kandidaten (oder eine Kandidatin) zu einigen, stehen die Chancen auf einen Wahlsieg nicht schlecht – sofern alle, die am Sonntag gewählt haben, erneut für das gleiche Lager stimmen. Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs legen nahe, dass Veronika Kienzle nicht unbedingt die gemeinsame Kandidatin sein müsste. Sie punktete wie Schreier, Rockenbauch und Körner vor allem in den dicht besiedelten Teilen der Stadt, wo relativ viele Singles leben, dafür aber weniger Senioren und Familien mit Kindern – bei Frank Nopper war es genau andersherum. Es ist also nicht gesichert, dass bei einem Rückzieher Kienzles deren Stimmen Nopper zufielen.

Somit wird die Wahl in zwei Punkten entschieden. Das ökosoziale Lager holte am Sonntag insgesamt ja mehr Stimmen als der CDU-Kandidat Nopper. Es hat absehbar dann eine Chance, wenn es seine Wählerinnen und Wähler auf einen gemeinsamen Kandidaten oder eine Kandidatin einschwört. Er oder sie muss dann vor allem in den Außenbezirken punkten – weil in diesen Bezirken doppelt so viele Wahlberechtigte leben wie in der City. Auch in einer politisch geteilten Stadt Stuttgart geht es am Ende, darum, wer insgesamt die meisten Stimmen holt.

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