Das Spiel ist gespielt, die letzten Schweißperlen auf der Stirn sind noch nicht restlos getrocknet, da kennen zahlreiche Fußballprofis nach Abpfiff eines Bundesligamatches zurück in der Kabine nur eine Gewohnheit: den Griff zum Handy. Schnellstmöglich wird dann auch gecheckt, mit welcher Note die eigene Leistung auf dem Platz durch die Medienvertreter bewertet wurde.
Neben den durchweg exzellenten Noten durch unsere Redaktion wird auch das Urteil des „Kicker“ im Anschluss an den glanzvollen 5:1-Heimsieg über Borussia Dortmund so manches Lächeln in die Gesichter der VfB-Profis gezaubert haben. „Stuttgarter, so weit das Auge reicht“, umschrieb das Fachmagazin ein wenig von sich selbst überrascht den Umstand, dass es am vierten Spieltag der Fußball-Bundesliga mit Maximilian Mittelstädt, Josha Vagnoman, Atakan Karazor, Deniz Undav und Enzo Millot gleich fünf Spieler mit dem Brustring in die ligaweite „Elf des Tages“ geschafft haben.
Tatsächlich hallt der Holperstart mit dem 1:3 beim SC Freiburg und sechs Gegentoren in den ersten beiden Partien noch nach – dennoch ist die Hoffnung, dem Glanzstück mit der Vizemeisterschaft der Vorsaison möge eine nachhaltig positive Entwicklung folgen, durchaus berechtigt. Denn der VfB ist aktuell wieder wer in der Liga, bei der Entwicklung des Teams zeigt der Trend in vielen Bereichen nach oben.
1 Die Hierarchie „Eine große Rotation wird es bei mir nicht geben“, legte der Trainer Sebastian Hoeneß in der ersten von sieben englischen Wochen bis Weihnachten die Marschroute fest. Führich raus, Demirovic rein, lautete die einzige Veränderung in seiner Startaufstellung gegen Dortmund im Vergleich zum Auftritt in Madrid. Das zeigt: Hoeneß hat eine Stammformation gefunden, die er nur bedingt variiert.
Damit geht auch eine Teamhierarchie einher: Ganz oben steht hier neben Kapitän Atakan Karazor Stürmer Deniz Undav, der mit seinen lebhaften Analysen („zum Glück habe ich jetzt die Dinger gemacht“) und Interviews auch eine Art Außenminister des Teams ist.
2 Die Offensivpower Zwölf Tore hat der VfB in den ersten vier Bundesligaspielen erzielt – das macht im Schnitt drei pro Partie. Mit dem Stuttgarter Angriff ist also immer zu rechnen, sei es durch den treffsicheren Undav (drei Tore) oder den eminent effektiven Ermedin Demirovic, der für seine vier Ligatore kaum mehr als eine Handvoll Torschüsse benötigte. Aber auch hinter den beiden Vollstreckern sorgen Spieler wie Enzo Millot (zwei Tore) oder Jamie Leweling (ein Treffer) für mächtig Wirbel vor des Gegners Tor. „Wir sind weiter ein Topteam“, sagte Leweling nach dem Sieg über Dortmund.
Hinzu kam gegen den BVB der wiedererstarkte Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt, der drei Tore vorbereitete. Dass es die Nationalspieler Chris Führich (DFB-Elf), Fabian Rieder (Schweiz) sowie der eifrige Neuzugang El Bilal Touré (Mali) gegen Dortmund nicht in die Startelf schafften, verdeutlicht, welches Potenzial die Stuttgarter Offensive in der Hinterhand hält.
3 Die Guirassy-/Anton-Lücke Mit dem Ausnahmestürmer einerseits und dem einstigen Kapitän und Abwehrchef andererseits zählten zwei Ex-Stuttgarter zum deklassierten Dortmunder Kollektiv. Die Befürchtung, den Verlust von Serhou Guirassy und Waldemar Anton würde der VfB nicht kompensieren können, bewahrheitet sich bisher nicht. Das liegt auch an dem Duo Demirovic und Jeff Chabot, zwei alten Kumpels aus dem Internat von RB Leipzig, die sich gut eingefügt haben. 1:1 ersetzen werden die beiden Guirassy und Anton nicht. Aber auch hier gilt: Der VfB kann auf die Breite seines Kaders setzen, weil dieser noch fähige Spieler wie etwa Nick Woltemade, Frans Krätzig, Leonidas Stergiou oder Yannik Keitel bereithält, die bisher noch gar nicht in Erscheinung getreten sind.
4 Die Individualisten Es hat beim VfB Zeiten gegeben, in denen der Großteil der Spieler nicht in der Lage war, im Eins-zu-eins-Dribbling auf Bundesliganiveau zu bestehen. Jetzt verfügt der Club über eine Reihe von Individualisten, die das Zeug zu einer spielprägenden Figur haben. Dazu zählt neben Undav und Millot auch Jamie Leweling, der ganz unbekümmert aufspielt – und im Vergleich zu seiner Reservistenrolle bei Union Berlin einen Riesensprung nach vorne gemacht hat. „Magier Millot – Stuttgarts Mann für das gewisse Extra“, stimmte die Deutsche Presse-Agentur in die Lobeshymnen ein. Allein Chris Führich hängt derzeit ein wenig im Leistungsloch. Aber auch der 26-Jährige hat schon mehrfach bewiesen, dass er eine Bundesligapartie mit einer gelungenen Einzelaktion in die richtige Richtung lenken kann.
5 Die Abwehr Natürlich hat der VfB mit dem Abgang von Anton sowie von Hiroki Ito zum FC Bayern in der Viererkette enorm an Substanz eingebüßt, und auch die wackeligen Defensivauftritte gegen Freiburg und Mainz sind noch in Erinnerung. Dennoch gilt für die Abwehr der Stuttgarter ebenfalls: Der Trend zeigt nach oben.
Ihren Anteil an der größeren Stabilität haben die Außenverteidiger Mittelstädt und Vagnoman, die beide gegen Dortmund bärenstark spielten. Zwar muss das Duo diese Leistung erst noch konstant über eine längere Phase zeigen – doch auch die Rückkehr von Dan-Axel Zagadou und das baldige Debüt des neun Millionen Euro teuren Neuzugangs Ameen Al-Dakhil, der bald spielfit sein soll, stimmen positiv.