Das Verhältnis zwischen Griechen und Deutschen war schon immer schwierig. Doch durch den Streit in der Schuldenkrise ist die Atmosphäre endgültig vergiftet.

Athen - Es kann kein leichter Gang gewesen sein, als sich der griechische Botschafter Panos Kalogeropoulos diese Woche von seiner Kanzlei in der Berliner Jägerstraße ins Auswärtige Amt begeben musste, um dort im Auftrag seiner Regierung eine Beschwerde vorzutragen – wegen angeblich beleidigender Äußerungen des Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble über seinen griechischen Kollegen Gianis Varoufakis. Solche Demarchen sind unter EU-Partnern eine absolute Rarität.

 

Die Episode zeigt: Es stimmt etwas nicht im Verhältnis zwischen den beiden Ländern. Die Währungsunion sollte Europa einen, doch der Euro spaltet – vor allem Deutsche und Griechen. Die Schuldenkrise hat das Verhältnis der beiden Völker vergiftet. Die Griechen sind enttäuscht. Sie fühlen sich unverstanden, herabgesetzt und verletzt. Vor allem von den Deutschen. Denn die hielten sie für ihre Freunde. Jetzt sehen sie Deutschland als treibende Kraft hinter dem, was sie als ein „Spardiktat“ empfinden, das ein Viertel der Bevölkerung unter die Armutsschwelle gedrückt hat.

Merkel“ ist ein Schimpfwort

„Es muss weh tun“, habe ihm Kanzlerin Angela Merkel im Frühjahr 2010 erklärt, als das erste Sparpaket geschnürt wurde, erinnert sich der damalige griechische Premier Giorgos Papandreou. „Merkel“ ist inzwischen ein Schimpfwort in Griechenland. Andere deutsche Wörter haben ihren guten Klang noch nicht verloren. Der Reifenhersteller Continental wirbt im griechischen Radio mit „deutscher Technologie“, Bosch-Kühlschränke und Miele-Waschmaschinen haben einen guten Ruf. Ambivalenz war immer schon ein Element der deutsch-griechischen Beziehungen. Die Völker waren befreundet, blieben sich zugleich aber fremd. Schiller fühlte sich „in Arkadien geboren“, Goethe inszenierte dort seinen Faust. Der deutsche Dichterfürst ließ seine Iphigenie „das Land der Griechen mit der Seele suchen“. Für die deutschen Klassiker war Griechenland gleichbedeutend mit dem Ideal der Humanität. Der Archäologe Johann Joachim Winckelmann prägte für Generationen Deutscher das Bild der „alten Griechen“ – und hielt ihren Nachfahren damit den Spiegel der Antike vor. Das war eine große Herausforderung. Der griechische Schriftsteller Nikos Dimou spricht von „der schwer erträglichen Last des antiken Erbes“. Jedes Volk, das von den alten Griechen abzustammen meint, wie es die Deutschen den Griechen des 19. Jahrhunderts einredeten, sei „automatisch unglücklich“.

Es herrscht ein verletzender Ton

Seit in Athen Alexis Tsipras zu regieren versucht, sind neue Irritationen hinzugekommen. Es herrscht ein rauer, verletzender Ton zwischen beiden Ländern. Vize-Kulturminister Nikos Xydas bezeichnete Wolfgang Schäuble als „Führer des Vierten Reichs“. Die Syriza-Parteizeitung „Avgi“ bildete Schäuble in einer Karikatur als KZ-Kommandanten ab, der aus den Griechen „Seife“ machen will. Dazu passt, dass Tsipras nun die Reparationsforderungen iins Spiel bringt. Er tut das aus zwei Gründen. Erstens kann er sich des Beifalls der großen Mehrheit seiner Landesleute sicher sein. Neun von zehn Griechen, so eine Umfrage vom Februar, unterstützen die Forderung nach Schadenersatz für die Besatzungszeit. Zweitens gibt sich Tsipras gegenüber Berlin die Aura der moralischen Überlegenheit, wenn er nun an die Massaker und Zerstörungen der deutschen Besatzer erinnert. Es war kein Zufall, dass er unmittelbar nach seiner Amtseinführung als Premierminister eine Gedenkstätte für die Opfer der Nazi-Herrschaft besuchte.

In wenigen Ländern haben die deutschen Besatzer so gewütet wie in Griechenland. Und dennoch: Früher als andere Völker reichten die Griechen nach dem Krieg den Deutschen die Hand zur Versöhnung. 1952 wurde das erste Goethe-Institut im Ausland in Athen eröffnet. Jetzt will es der griechische Justizminister Nikos Paraskevopoulos pfänden und zwangsversteigern lassen – um die Hinterbliebenen eines SS-Massakers zu entschädigen.