Der Erfolg des CDU-Kandidaten kam nach dem deutlichen Sieg im ersten Wahlgang kaum überraschend. Und doch blieb ein Rest Spannung. Anders als Hannes Rockenbauch (SÖS), traute man Marian Schreier (unabhängig) einen Überraschungssieg zumindest zu. Dessen Wahlaussichten zeigten sich freilich weniger in der auf Twitter geäußerten und ernst gemeinten Unterstützung durch den Satiriker Jan Böhmermann, sondern in der Umfrage von Marko Bachl.
Der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler hatte mit seinem Chef Frank Brettschneider vorige Woche die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die das Wahlergebnis insgesamt ziemlich gut vorhersagte (wir berichteten). Jetzt entpuppt sich die Umfrage als Werkzeug, um den Wahlausgang zu erklären. Drei wichtige Erkenntnisse ergeben sich aus den Zahlen – sie erklären Noppers Sieg.
Grund eins: Sieg in den Außenbezirken
Grund Nummer eins ist weniger trivial, als man spontan vielleicht meint. Nopper war nicht nur der einzige aussichtsreiche konservative Kandidat bei dieser Wahl – er hat die Themen auch konsequent besetzt, die seinen potenziellen Wählerinnen und Wählern am Herzen liegen. Seine größten Stimmenanteile holte er in den Außenbezirken, wo den Menschen Sicherheit und Wirtschaftsförderung wichtiger sind als in der Innenstadt. Auf den Fildern, entlang des Neckars und in den nördlichen Bezirken leben doppelt so viele Wähler wie in der Innenstadt. Eine OB-Wahl wird nicht im Westen gewonnen, sondern in Möhringen und Mühlhausen – da legte Nopper noch zu.
Zudem trauen die Wähler dem CDU-Mitglied am ehesten zu, die Corona-Pandemie kommunalpolitisch in den Griff zu bekommen. Hannes Rockenbauchs Kernthemen wie Umweltschutz und weniger Straßenverkehr waren bei dieser Wahl nicht entscheidend. Das Mietenniveau zu senken trauten die Befragten allen drei Kandidaten lediglich ein bisschen zu.
„Letztlich haben wir die Unterschiede zwischen der Innenstadt und den Außenbezirken nicht so stark erwartet“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Bachl. Bei der nächsten Umfrage würde er versuchen, stärker als bisher die für die Außenbezirke wichtigen Themen abzufragen. Dennoch bildet die Umfrage die Befindlichkeit in der Bevölkerung in weiten Teilen korrekt ab. Bei den sicherlich nicht nur in der Innenstadt drängenden Mietpreisen konnte Schreier seine mehrfach zitierte „Schlagdistanz“ zu Nopper freilich nicht nutzen. Wo kamen dann seine vielen zusätzlichen Wähler her?
Grund zwei: linksgrüner Streit
Der Blick auf die Karte mit Schreiers Stimmenplus zeigt, dass er in einem breiten Streifen punkten konnte, der von Vaihingen bis Bad Cannstatt reicht. Der unabhängige Kandidat mit SPD-Parteibuch fischte offenbar im Teich der Anhänger Veronika Kienzles. Die Grünen-Kandidaten war nicht mehr angetreten. Bachl vermutet, dass ihre Anhänger in der Mehrheit strategisch gewählt haben – nämlich Schreier als geringeres Übel. Vermutlich haben sie zum Teil aber auch einfach gar nicht oder eben Rockenbauch gewählt. Der SÖS-Stadtrat habe schon im ersten Wahlgang erstaunlich viele Grünen-Wähler auf seine Seite gezogen, betont Bachl: „Gut möglich, dass die am Sonntag Kienzle gewählt hätten.“
Erhebungen zu Wählerwanderungen sind bei Kommunalwahlen selten. Demnächst werden Bachl und Brettschneider die Umfrageteilnehmer erneut befragen; die Ergebnisse gibt es allerdings erst in einigen Tagen. Bis dahin liefern die vorliegenden Erkenntnisse einen Erkläransatz, warum Schreiers Zugewinne nicht gereicht haben.
Nopper-Wähler trieb laut der Hohenheimer Umfrage eher die Unzufriedenheit mit der Politik von Fritz Kuhn (Grüne) an. Anhänger von Schreier und Rockenbauch wollten dagegen vor allem den Wahlsieg eines anderen Kandidaten verhindern. Der Ärger vor dem zweiten Wahlgang lässt vermuten, dass dieser andere Kandidat nicht zwingend Nopper hieß.
Grund drei: die geringe Wahlbeteiligung
Bleibt als dritter Punkt die anfangs erwähnte Zahl der absoluten Stimmen, welche die Kandidaten geholt haben. Während Nopper im Vergleich zum ersten Wahlgang etwa 14 500 Stimmen dazugewonnen hat, konnte Schreier mit mehr als 40 000 neuen Wählern seinen Wert mehr als verdoppeln.
Nopper hat seine Basis behauptet und im konservativen Lager weitere Stimmen geholt – etwa von Sebastian Reutter, der seinen immerhin knapp 10 000 Wählern Nopper empfohlen hatte. Eventuell hat der CDU-Kandidat auch einen Teil jener mehr als 3000 Wählerinnen und Wähler für sich begeistert, die nicht mehr für den „Querdenker“ Michael Ballweg stimmen wollten. „Wahrscheinlich hat er auch einige Wähler von Martin Körner von der SPD gewonnen, denen kommunalpolitische Erfahrung wichtig ist“, vermutet Bachl.
Der Hohenheimer Forscher lag jedenfalls richtig mit seiner für die Umfrage getroffenen Annahme, dass Nopper-Wähler auch beim zweiten Wahlgang für den CDU-Kandidaten stimmen würden. Da half dem Wahlsieger auch die geringe Wahlbeteiligung von 44,7 Prozent.
Ganz wertfrei kann man die 83 812 Nopper-Stimmen dann doch nicht sehen. Kuhn holte vor acht Jahren mehr als 100 000 Stimmen. Und Wolfgang Schuster (CDU) kam bei seiner Wiederwahl trotz ähnlich geringer Wahlbeteiligung wie am Sonntag auf knapp 90 000 Stimmen.