Somalias Hauptstadt Mogadischu ist eine Warnung an Tripolis, Kairo und Tunis: Ein Diktator ging, Krieg nistete sich ein.
Mogadischu - Das Licht wird fahl. Die Muezzine singen. Doch ihr Ruf zum Gebet geht im Bellen der Maschinengewehre unter. Anthony Mbuusi bückt sich, um seinen Kopf unter den Sandsäcken zu halten. Dann rennt er im Laufschritt über die Straße, ein Schlachtfeld von Schutt, Metallsplittern und Kratern. Wie jeden Abend inspiziert der ugandische Oberstleutnant seine Truppen, die sich auf eine weitere Nacht des Schreckens vorbereiten: Ein Soldat steht mit dem Gewehr im Anschlag in einem Zimmer, dessen Fenster mit einem ganzen Dom an Sandsäcken abgesichert ist.
Ein anderer hat sich mit seinem Granatwerfer hinter einer mit Gerümpel verstärkten Mauer verschanzt. Ein dritter kauert auf dem Dach einer Hausruine, die wie ein Zahnstumpf aus dem Gelände ragt. Durch enge Schießscharten zeigt Anthony auf die gegnerischen Linien: An manchen Stellen ist die Front zehn Meter entfernt. Ein trockener Knall macht deutlich, dass die feindlichen Stellungen nicht so leblos sind, wie sie erscheinen: Die Islamisten müssen Anthonys Bewegung wahrgenommen haben.
Mogadischu, Afrikas Stalingrad, im März 2011. Dass die Hauptstadt der staatslosen Republik Somalia seit der Vertreibung des Diktators Siad Barre 1991 ein gefährliches Pflaster ist, weiß jeder. Auch dass in der einstigen "Perle Ostafrikas" Tausende von Soldaten aus Uganda und Burundi stationiert sind, ist bekannt. Doch dass die afrikanische Friedenstruppe in einen Krieg verwickelt ist, der an Grimmigkeit die meisten Konflikte der Welt in den Schatten stellt, darauf hatte sie niemand vorbereitet. "Ich weiß nicht woran das liegt", sagt Oberstleutnant Anthony: "Alle Welt schaut nach Libyen und Afghanistan. Aber keiner weiß, was hier passiert."
Der Bataillonskommandeur sitzt auf der Veranda eines der wenigen unzerstörten Häuser, es ist seine Kommandozentrale. In der Wand steckt ein Projektil, das kürzlich nur Zentimeter von Anthony entfernt in den Backstein schlug. Auf einer Seite des Hauses seiner Befehlszentrale ist das Dach eingebrochen, eine Mörsergranate schlug ein, als der Kommandeur gerade seine Truppe inspizierte. Anthonys kugelsichere Weste weist am Rücken eine Delle auf, dort wurde er letzte Woche von der Kugel einer Kalaschnikoff getroffen - die Blauhelme sind unter Dauerbeschuss.
"Häuserkampf wie in Stalingrad, nur 60 Grad heißer."
Bis September 2010 habe es sich um eine konventionelle Friedensmission gehandelt, berichtet Anthony. Die im Auftrag der Afrikanischen Union in Mogadischu stationierten 8000 Soldaten - genannt Amisom - versuchten die schwache Übergangsregierung Somalias vor den Angriffen der Islamisten zu schützen: Die Blauhelme hielten Straßen frei und schirmten den Amtssitz des Präsidenten ab. Doch der Druck der Islamisten wurde größer. Im Fastenmonat Ramadan waren die Gotteskrieger bis zur Verkehrsschlagader der Hauptstadt vorgedrungen, wo sie regelmäßig die Konvois der Amisom beschossen. "Wir fühlten uns wie lahme Enten", lacht Anthony: "Etwas musste geschehen." Und es geschah. Die ugandischen und burundischen Soldaten gingen mit 1000 Mann Verstärkung und einem robusteren Mandat der UN zum Angriff über. Den Feind zurückzudrängen hieß aber, ihn Haus für Haus zu vertreiben, denn die Islamisten hatten sich im Herzen der Stadt eingenistet.
"Es blieb uns nichts anders übrig, als wie einst die Russen in Stalingrad einen Häuserkampf zu führen", sagt Anthony: "Nur dass es hier 60 Grad heißer ist." Hinzu kam, dass die im Buschkrieg erfahrene Ugander vom Häuserkampf keine Ahnung hatte. "Wir lernen schnell. Unsere Freunde haben uns beim Training geholfen", sagt der Offizier und meint damit Amerikaner und Franzosen. Was sie lernten, möchte Anthony nur metaphorisch beantworten: "Wir testen mit einem Bein das Wasser, um beim Nachziehen des zweiten Beines festen Grund unter den Füssen zu haben."
Am Tag zuvor wurde der Block hinter dem "Pink House" in einem Frontabschnitt im Südosten Mogadischus eingenommen. In einem Hausflur liegt ein toter Islamist, noch hängt Pulverdampf in der Luft. Sämtliche Häuser des Blocks sind zu Ruinen zerschossen, Sand rieselt. Ein Benzinkanister auf dem Boden ist den Soldaten suspekt, es könnte eine Sprengstofffalle sein. Selbst in den Häusern haben die Islamisten tiefe Löcher gegraben, ihre Stellungen sind mit lange Gräben verbunden, die sich durch die halbe Stadt ziehen. So ist es auf den scharfen Satellitenaufnahmen zu sehen, die den Ugandern von den Amerikaner zur Verfügung gestellt werden.
Die Mission Amisom beziffert Verluste nicht
Dass mit den Schützengräben sei neu, sagt Anthony. Den Islamisten hätten das wohl ihre kampferprobten Freunde aus der arabischen Welt beigebracht: Gotteskämpfer aus Afghanistan, dem Libanon oder Tschetschenien. Dass Gastkrieger oder Kader von Al-Qaida mitkämpfen, gilt bei der Amisom als sicher: Auch wenn ihnen nur Eritreer oder Muslime aus Ostafrika in die Hände gefallen sind, aber keine Mudschaheddin. Anthony schätzt die Zahl der fremden Kämpfer beim Feind auf 70 bis 100. Sein Chef, der Amisom-Befehlshaber Nathan Mugisha, geht gar von 1000 aus.
Plötzlich ist es mit der Ruhe hinter dem "Pink House" vorbei: Maschinengewehre feuern, Bazookas fauchen. Der Tag nach einer erfolgreichen Attacke sei stets der gefährlichste, sagt Anthony: Denn der Feind versuche den Verlust zurückzugewinnen, bevor die Stellungen von den neuen Herren befestigt werden. Auch im Gashandiga, dem einstigen Hauptquartier der Islamisten, das die Amisom-Truppen im Handstreich genommen hatten, kam die eigentliche Gefahr nach ihrem Angriff. Für einen Gegenschlag schickten die Islamisten einen mit Sprengstoff gefüllten Jeep auf das Gelände, zwei Selbstmordattentätern steuerten ihn, 100 Gotteskämpfer folgten. Doch die Burunder waren auf der Hut: Das Gerippe des explodierten Jeeps liegt heute als gruseliges Andenken am Gashandiga - aber die Verluste der Burunder müssen verheerend gewesen sein. 50 Soldaten sollen in dem Kampf gefallen sein, heißt es.
Offiziell schweigt sich Amisom über seine Verluste aus. Negative Meldungen, wird befürchtet, könnte die Stimmung zu Hause in Burundi und Uganda umschlagen lassen. Anthonys Mannen haben sich drei Monate lang ununterbrochen an der Front aufzuhalten: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie schlafen auf Matratzen, die neben den Schießscharten liegen; ihr mit Spaten angerichtetes Essen wird ihnen von Kameraden an die Front gebracht. Zwischen den Infanteristen sitzen Scharfschützen an der Front, die ununterbrochen durch das auf ihren Sniper-Gewehren montierte Fernrohr starren: Strecken sie einen Gegner nieder, geben sie die Erfolgsmeldung mit dem Walkytalky an Anthony durch. Auf einem Pappdeckel an der Wand hält er die Abschussquoten der Schützen mit Reißnägeln fest: Vor zwei Tagen waren es zwei, einen Tag zuvor sieben.
Krieg gegen den globalen Terror
Das strategische Ziel der Amsiom ist der wenige hundert Meter von der Kommandozentrale entfernte Markt Mogadischus. Würden die Islamisten erst einmal von dort vertrieben, wären ihre Tage gezählt, sagt der Kommandeur des ugandischen Kontingentes, Mike Ondoga: Denn die Gotteskämpfer bezögen ihr Einkommen von den Händlern, die den "al Schabab" (den Jungs), wie sich die islamistischen Kämpfer nennen, Tribut zu zahlen hätten. Ein Angriff auf den Markt käme aber nicht in Frage, fährt Oberst Ondoga fort: Das sei für die Zivilisten zu riskant. Schon jetzt behaupten die Islamisten, Amisom würde den Markt mit Mörsern beschießen - ein Vorwurf, den die Blauhelme dementieren, das sei "die übliche Propaganda der Islamisten". Aber auch aus anderen Kreisen sind Klagen über Übergriffe Amsioms auf die Bevölkerung zu hören: "Vor allem die Ugander pflegen brutal vorzugehen", sagt der Sprecher einer somalischen Nichtregierungsorganisation.
Statt den Markt anzugreifen, werden ihn Anthonys Soldaten umzingeln müssen, was Monate dauern wird. Hätte Amisom freie Wahl der Waffen, wäre die Aufgabe wesentlich schneller zu erledigen, ist der Offizier Anthony überzeugt: Dann würden sie Helikopter einsetzen, die aus der Luft feindliche Stellungen zerstören könnten. Doch das lasse das UN-Mandat nicht zu, und bisher habe sich kein Land bereit erklärt, Kampfhelikopter zur Verfügung zu stellen. Es sei ja nicht einmal der Bitte entsprochen worden, Kriegsschiffe den Hafen von Kismao blockieren zu lassen, über den die Islamisten ihren Nachschub abwickeln.
Unter Plastikplanen bahnt sich die nächste Katastrophe an
"Wir führen hier einen Krieg gegen den globalen Terror, aber keiner hilft uns", sagt Anthony: "Während libysche Rebellen mit der Unterstützung westlicher Luftstreitkräfte rechnen können." Ein wenig Hilfe gibt es schon. Italien und die USA zahlen die Gehälter von 2000 somalischen "Soldaten", die auf der Seite der Amisom kämpfen. Und europäische Offiziere - auch der Bundeswehr - versuchen, somalische Haudegen in Uganda zu disziplinierten Soldaten auszubilden. Gelungen sei das bisher nicht, klagt Ondoga. Viele liefen wieder davon. Einmal habe man den Somaliern einen Frontabschnitt überlassen, am nächsten Morgen habe man noch drei von 50 in den Stellungen vorgefunden.
Es ist Nacht geworden, die Feuerstöße klingen ab. Über Mogadischu ziehen dunkle Wolken auf. Bald wird die Regenzeit beginnen. Für die 600.000 Einwohner, die zwischen den Trümmern in Zelten oder unter Plastikplanen leben, bahnt sich die nächste Katastrophe an: Cholera- und Durchfallepidemien. Doch in den Trümmern arbeiten kaum noch Hilfsorganisationen. Selbst Ärzte ohne Grenzen evakuierte jüngst sein Personal. Mogadischu gilt als zu gefährlich und ist auch für Spender nicht attraktiv. "Alle sind in Afghanistan und im Irak, hier aber ist keiner", sagt Oberst Ondoga. Als um halb fünf die ersten Hähne krähen, geht der Schlachtenlärm wieder los. "Sie greifen an", sagt Anthony. Der ugandische Offizier ist 47 Jahre alt, er hat zwei Kinder. "Auch mein Tag wird einmal kommen", sagt er: "Vermeiden lässt sich das nicht."
Krieg: Nach der Vertreibung des Diktators Siad Barre 1991 haben es rivalisierende Clans nie geschafft, Somalia zu einen. Im Norden spalteten sich zwei Regionen ab, im Süden herrschten Warlords. Ein Dutzend Friedensgespräche in Djibouti oder Nairobi führten zu diversen Übergangsregierungen, die nie die Hauptstadt unter ihre Kontrolle brachten. Seit 2006 sind die Islamisten auf dem Vormarsch, die offizielle Regierung von Präsident Sheikh Ahmed wird von einer Truppe der Afrikanischen Union gestützt.
Elend: Für Kinder ist Somalia laut Unicef einer der schlimmsten Länder der Welt. Nur eins von fünf besucht eine Schule, die Mütter- und Kindersterblichkeit ist extrem hoch. Tuberkulose, Cholera und Malaria sind häufige Todesursachen, nur ein Drittel der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Wasser. Genaue Zahlen gibt es nicht, ebensowenig wie eine Verwaltung. chl