Anat Cohen im Jazzclub Bix Die ganze Macht der Klarinette

Die Klarinettistin Anat Cohen Foto: imago/Pacific Press Agency

Anat Cohen hat mit ihrem Quartetinho im Jazzclub Bix gespielt und sich als temperamentvolle Zauberin an ihrem Instrument erwiesen.

Das letzte Stück des Abends ist schnell, die Klarinette tanzt lebhaft auf und ab in ihm, begleitet vom Akkordeon. Es ist ein Choro, ein klassisches brasilianisches Instrumental. „Espina del Bacalhau“ wurde komponiert von Severino de Araújo, geboren 1917 in Rio de Janeiro. Für Anat Cohen, die am Freitagabend zu Gast ist im voll besetzten Jazzclub Bix, ist es ein Stück von besonderer Bedeutung. Auf der Suche, sagt sie, sei sie gewesen, nach einem Stil, in den die Klarinette sich einfüge – „Jeder wollte, dass ich Saxofon spiele, bis ich den Choro fand. Und nun mache ich, was ich will, auf der Klarinette.“

 

Ihr Herz schlägt im Süden Amerikas

Die Zahl der Klarinettisten im Jazz ist überschaubar; seinen Höhepunkt im Jazz erlebte das Instrument in der Swing-Ära. Dem kräftigeren Ton des Saxofons gibt man heute fast immer den Vorzug – zu Unrecht, wie Anat Cohen zeigt. Wer heute an die Klarinette denkt, der denkt, zumal bei einer Musikerin, die in Tel Aviv geboren wurde, meist auch an den Klezmer. Genau den aber liefert Anat Cohen nicht. Es gibt mitunter starke traditionelle Elemente in ihrer Musik, aber ihr Herz schlägt im Süden Amerikas. Anat Cohen wurde 1975 geboren. Sie ist die Schwester des Sopransaxofonisten Yuval Cohen und des Trompeters Avishai Cohen und veröffentlichte seit 2005 sieben Alben.

Ihre „Quartetinho“-Band besteht aus Tal Mashiach an Gitarre und Bass, Vitor Gonçalves am Piano, Akkordeon, zuletzt auch Keyboard, James Shipp an der Percussion. Gonçalves stammt aus Rio, Mashiach aus Israel, Shipp wurde geboren auf der US-Army-Station Bad Aibling in Bayern. Dort fürchtete er sich vor Krampus: „Not just at Christmas but all the year round“, nicht nur an Weihnachten, das ganze Jahr. Die Familie reiste nach Stuttgart, weil der Vater Golf spielte.

Von stillen Melodien zum Orkan

All das erzählt James Shipp, freundlich grinsend, ehe die Gruppe ein Stück spielt, das er komponierte und das einen kuriosen Titel trägt: „Super Heroes in the Gig Economy“ – zuerst ein gemütvoller Walzer, mit langsam schlagender Percussion, schwebendem Akkordeon und der vollen, lebhaften Klarinette, wandelt es sich. James Shipp spielt schneller, härter, treibt den Rhythmus mit scharfen Schlägen immer weiter über sich hinaus und lässt zuletzt alles zurückfallen in jenen gemessenen, volkstümlichen Ton, mit dem es begann. „Paco“, das Tal Mashiach als Hommage an Paco de Lucía schrieb, erklang überaus schön in der ersten Hälfte des Konzertes; der Bassist spielt die Gitarre. Anat Cohen lässt mit ihrem Instrument ganz zarte, stille Momente entstehen – begonnen hat das Konzert mit „Night Owl“ einem Stück, bei dem sie lange Vogelrufe in die Stille sendet. Aber sie steigert ihr Spiel immer wieder auf rauschhafte Weise; die Klarinette wird zu einem mächtigen Instrument, das bei wunderbar leisen Melodien beginnt und endet als Orkan, berstend vor Energie, mit lauten, zitternden Rufen, das seiner Spielerin schier aus den Händen springen will. Auf der Klarinette macht Anat Cohen nun, was sie will – auf sensationelle Weise.

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