Anatomie-Kurs Schaufenster der Schöpfung

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Was ist der Mensch? Ein Stück Materie. Ein Gebilde aus Knochen, Muskeln, Nerven. Ein unbegreiflich schönes Regelwerk. Beobachtungen im Anatomischen Institut der Universität Tübingen.

Jeder Medizinstudent muss einen Anatomie-Kurs besuchen, so mancher kommt im Hörsaal zum ersten Mal mit dem Tod in Berührung. Foto: Gottfried Stoppel
Jeder Medizinstudent muss einen Anatomie-Kurs besuchen, so mancher kommt im Hörsaal zum ersten Mal mit dem Tod in Berührung. Foto: Gottfried Stoppel

Tübingen - Sie liegen übereinander in deckenhohen Schränken aus rostfreiem Stahl. Sie sehen aus wie Schaufensterpuppen. Die Gesichter wie Porzellanmasken. Namenlose Figuren aus Gottes großem Bühnenwerk. Die Schubfächer, in denen sie lagern, sind nur mit dem Präparationsdatum beschriftet: Dem Tag, als der Tote vom Bestatter gebracht, das Blut ausgespült und das Netz der Adern über die Oberschenkelarterie mit 30 Liter Form­aldehydlösung vollgepumpt wurde. Welcher Mensch das war, dessen äußere Gestalt nun auf blankes Metall gebettet ist, zählt hier nicht. Das Konservierungsmittel nimmt dem Antlitz alle eigenen Wesenszüge. Der Leib ist wie aus Wachs. „Entindividualisierung“, sagen die Mediziner dazu.

Nach der Einbalsamierung muss der Leichnam sechs Monate in ein Formalinbad. Dann erst ist er bereit für den Seziersaal. Zurzeit liegen die irdischen Hüllen von 70 Körperspendern im Anatomischen Institut der Uni Tübingen. Sie haben sich den Medizinern geschenkt, um ihnen Einblicke ins System Mensch zu ermöglichen.

Eines der Objekte wird zu dieser vormittäglichen Stunde für die Jungsemester aus seiner Lade geholt, vom Keller hinauf in den altehrwürdigen Hörsaal gefahren. Viele angehende Ärzte kommen hier zum ersten Mal in Berührung mit dem Tod.

Konfrontation mit dem Tod als Bereicherung

Hundertfünfzig Studenten sitzen wie im Amphitheater. Block und Stift brauchen sie jetzt nicht. Zwei Klinikseelsorger und der Studentenpfarrer sind auch in den Hörsaal gekommen: „Sie können sich jederzeit an uns wenden.“ Dann doziert Bernhard Hirt, der Leiter der klinischen Anatomie. Legt dabei fast freundschaftlich seine Hand auf den präparierten Körper, der noch mit einem Tuch bedeckt ist. Redet immer weiter, behutsam wie mit Kindern, bis er das Tuch nach und nach ganz abgestreift hat. Der Körper, der da liegt, wurde bereits bearbeitet. Jeder Nervenast, jede Faser, jede Sehne liegt frei. Manche verfolgen mit gerunzelter Stirn, manche mit starrer Mimik, wie Hirt hantiert. Am Ende dürfen alle Studenten nach unten kommen, die Arteria femoralis anfassen, das Herz in die Hand nehmen. Eine Stunde später stehen immer noch welche in der Warteschlange.

„Unser Präparationskurs ist die intensivste Veranstaltung im ganzen Studium“, sagt Hirt. Jeder Medizinstudent muss ihn absolvieren. Und keinen lässt er unberührt, auch jene nicht, die dabei eine auffallende Abgeklärtheit an den Tag legen. Erfahrungsgemäß geschieht recht bald, was Hirt „die Verwandlung“ nennt. Der Moment, wenn die professionelle Neugier über die Befremdung siegt und der Körper vor einem zum bloßen Studienobjekt wird. „Ein Arzt muss diese Distanz haben“, sagt Hirt. Der 40-Jährige arbeitet nebenbei als Oberarzt in der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung der Universitätsklinik. Ab und zu will er auch mal mit einem Patienten reden.

In den USA und Großbritannien ist die Anatomie ein Auslaufmodell. Auch in Deutschland sieht Hirt das Fach in Gefahr. „Aber Ärzte brauchen die Anatomie, echte Kenntnis vom menschlichen Körper hat noch keiner durch E-Learning oder Faktenpauken im Atlas gewonnen.“ Zudem sei die Konfrontation mit dem Tod, mit der Materie Mensch, bereichernd. Eine Dosis Demut als Startkapital in die Medizinerkarriere.

Hirt: „Der Anatom muss ein Detektiv sein“

Vor vier Jahren hat Bernhard Hirt die Sectio chirurgica ins Leben gerufen. Erfahrene Chirurgen zeigen an gespendeten Körpern Operationen aus ihrem Fachgebiet – Luftröhrenschnitte, Nierentransplantationen, Prostataentfernungen. Die Eingriffe werden passwortgeschützt via Internet live in Hörsäle, Wohnheime und WG-Küchen übertragen. 13 000 Medizinstudenten haben inzwischen einen Online-Schlüssel für den Tübinger Präparationssaal. Sie können verfolgen, wie die Könner das Skalpell führen und zugleich beschreiben, was sie da so machen, was die Kamera gerade zeigt, was man beachten sollte – „an einem lebenden Menschen müsste man jetzt sehr schnell arbeiten“. Jeder zehnte Medizinstudent in Deutschland war schon bei einem Live-Mitschnitt dabei.

Die Tübinger Anatomie hat den modernsten Präparationssaal in Europa: zehn Plätze, an jedem ein OP-Turm mit Apparaten für sämtliche medizinische Zweige. Dazu ein Regiearbeitsplatz mit Studiotechnik, um Bilder in HD-Qualität innerhalb des Hauses oder über Videokonferenzen nach Saudi-Arabien, Argentinien, Brasilien, Italien zu übertragen. 1500 Chirurgen aus der ganzen Welt besuchen jedes Jahr Fortbildungskurse in Tübingen. Drei Tage Hüftprothesen, eine Woche Kniescheiben. Auch für Experimente mit neuartigen Werkzeugen oder OP-Methoden wird der Saal genutzt, den Medizintechnikfirmen mitfinanziert haben. „Das heißt aber nicht, dass wir die Ausbildung kommerzialisieren“, sagt Hirt, alle Einnahmen fließen in Lehre und Forschung an unserem Institut.“