Beim Anbaden im See des Schorndorfer Oskar-Frech-Bads stürzen sich unverfrorene Besucher in das rund sechs Grad kalte Wasser. Die meisten Schwimmer verlassen die eisige Brühe ganz schnell wieder. Einer indes schwimmt 1000 Meter weit.
Schorndorf - Sieht aus wie Sommer. Die Sonne strahlt vom hellblauen Himmel. Es ist nahezu windstill. Dieser Sonntag im März fühlt sich zunächst auch an wie Sommer. In einem windstillen Eck ohne Schatten zeigt das Thermometer fast 20 Grad. Aber dann: nach einem beherzten Sprung in das eiskalte Seewasser des Oskar-Frech-Bads in Schorndorf sieht die Sache gleich ganz anders aus, fühlt sich ganz anders an, muss man wohl sagen.
Geschätzt zwei Dutzend ziemlich unverfrorene Schwimmer stürzen sich um Punkt 12 Uhr in das rund sechs Grad kalte Seewasser. Manche schreien laut „auahhhh“, andere verziehen lediglich ganz leicht die Mundwinkel und sagen gar nichts. Aber fast alle haben im Nu eine knallrote Hautfarbe.
„Es war kalt, aber nicht so schlimm wie erwartet“
Margot Heunisch ist Wiederholungstäterin. Die 73-jährige Frau aus Winterbach war schon im Vorjahr beim offiziellen Anbaden im See dabei. Nach ein paar Metern im Seewasser sagt Frau Heunisch: „Es war kalt, aber nicht so schlimm wie erwartet“. Warum sie mitmache beim Anbaden? Das sei halt „ein Gag“.
Dieses Anbaden markiert den Start in die Freibadsaison. Von der kommenden Woche an kann man freilich noch nicht regelmäßig baden gehen im Außenbereich des Frechbads, „ab sofort verkaufen wir aber die Saisonkarten mit zehn Prozent Nachlass“, erklärt der Bäderleiter Jörg Bay am Rande der Veranstaltung. Der Freibadkiosk hat geöffnet. Im Angebote sind heiße Rote, Glühwein – für die Schwimmer – und kühles Weizenbier sowie Softdrinks für alle Schaulustigen.
„Das ist schlimmer als bei der Ice Bucket Challenge“
Alina und Carla, beide elf Jahre alt, gehören zu den jüngsten Anbaderinnen. Die beiden Mädchen erzählen, dass sie ihren Eltern lediglich gesagt hätten: „Wir gehen heute schwimmen.“ Mama und Papa wissen also gar nicht, dass sich die zwei Freundinnen waghalsig in das eiskalte Wasser begeben – immerhin springen die beiden nicht kopfüber in den See. Sie steigen ganz langsam am Treppengeländer hinein ins Wasser. Ein anderer Kaltschwimmer sagt nach der Erfrischung: „Erst bitzelt es, dann wird’s warm.“ Ein Mädchen erklärt, dass ihre Hände weh tun. „Das ist schlimmer als bei der Ice Bucket Challenge“, einer Spendenkampagne, die im vergangenen Sommer Schlagzeilen gemacht hatte.
Nach ein paar Minuten haben die meisten Saisonkaltstarter das Wasser längst wieder verlassen. Nur einer zieht gemütlich seine Bahnen: der Extremschwimmer Bruno Dobelmann aus Stuttgart, genannt der Orca. Er spult genau 1000 Meter runter und erzählt später, dass er kürzlich als einer der ersten Deutschen überhaupt die sogenannte Eismeile geschwommen sei, 1609 Meter bei weniger als fünf Grad Wassertemperatur. Im nächsten Winter will der Orca versuchen, an einem Wochenende zehnmal diese Eismeile zu schaffen.
Die Extremläuferin schwimmt
Und dann kommt Steffi. Steffi Praher, die Eisprinzessin. Die 32-jährige Fitnesstrainerin aus Plüderhausen ist eigentlich Extremläuferin, sie ist Mitte Januar als erste deutsche Frau die Eismeile geschwommen. Sie hat die 1609 Meter im See des Frechbads absolviert, in 43 Minuten, bei Temperaturen zwischen 2,8 Grad an einem Ende des Sees und 4,6 Grad am anderen Ende. An diesem Sonntag erzählt Steffi Praher nach dem Schwimmen, weshalb sie das Eiswasser schätzt: „Ich kann meine persönliche Grenze austesten.“
Der Redakteur im See
Der Redakteur war auch im Eiswasser – eineinhalb Minuten lang, 100 Meter weit. Es war keine Premiere, Martin Tschepe ist im Januar bei den 1. Aqua Sphere Ice Swimming German Open angetreten – und in seiner Altersklasse Deutscher Eismeister über 25 Meter Freistil geworden.