ANC Der Geburtstag wird zum Trauerspiel

Nelson Mandela gilt als Lichtgestalt des ANC... Foto: epa 2 Bilder
Nelson Mandela gilt als Lichtgestalt des ANC... Foto: epa

Am Sonntag wird die südafrikanische Befreiungsbewegung 100 Jahre alt. Vom Glanz ihres einstigen Präsidenten Nelson Mandela ist wenig geblieben.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Johannesburg - Zu einem unpassenderen Zeitpunkt hätte die Party gar nicht stattfinden können. Wenn der Afrikanische Nationalkongress (ANC) am Sonntag seinen 100. Geburtstag feiert, präsentiert sich die älteste politische Organisation des Kontinents, die in ihrer illustren Geschichte gleich zwei Friedens-Nobelpreisträger - darunter mit Nelson Mandela den "Mann des Jahrhunderts" ("Times Magazin") - hervorgebracht hat, in einem erbärmlichen Zustand.

Sie wird mit Jacob Zuma von einem Präsidenten angeführt, der über die visionären Fähigkeiten eines Maulwurfs verfügt. Umgetrieben wird sie vom Chef ihrer Jugendorganisation, Julius Malema, der von Parteigenossen zu Recht als "Mussolini vom Kap" gebrandmarkt wird. Und sie wird von raffgierigen Mitgliedern zerrissen, die in der Regierungspartei nur einen Club zur Beförderung ihrer eigenen Interessen sehen.

"Eigentlich sollte das Hundert-Jahr-Jubiläum ein rauschendes Fest werden", meint der Politologe und ANC-Biograf William Gumede: "Stattdessen wird es zum Trauerspiel." Dermaßen mies ist die Stimmung in der Partei, dass die Veranstalter befürchten, Präsident Zuma könne während seiner Jubiläumsbotschaft im Stadion der Provinzhauptstadt Bloemfontein ausgepfiffen werden.

"Opfer unseres Erfolges"

Von der Tradition großer ANC-Ereignisse, bei denen sich auch die Präsidenten assoziierter Organisationen wie der Jugend- und Frauenliga ans Parteivolk wenden dürfen, wich man diesmal ab - aus Angst, Jugendligachef Malema könne die Gelegenheit ergreifen, um Zuma öffentlich zur Schnecke zu machen. Dessen Verbündete hatten gehofft, Malema werde zum Jahrestag bereits einem Disziplinarverfahren zum Opfer gefallen sein: Doch die aufschiebende Wirkung seiner Berufung durchkreuzte das Kalkül. Schon vor Wochen hatte die Regierungspartei ein Gesetz durchs Parlament gepeitscht, das der Presse die Berichterstattung über Korruptionsfälle zumindest erschwert.

"In gewisser Weise sind wir Opfer unseres Erfolges geworden", räumt ANC-Exekutivratsmitglied Pallo Jordan ein: Die seit 18 Jahre ununterbrochen regierende Partei habe Leute angezogen, die mit der Moral und dem Gedankengut der Organisation gar nichts zu tun hätten. Lebendiges Beispiel ist der verurteilte Betrüger Kenneth Kunene, der es nach seinem Knastaufenthalt infolge seiner Beziehungen zur ANC-Spitze zu beträchtlichem Reichtum brachte.

Der Verfall der politischen Prinzipien

Der Niedergang des ANC wird meist schon mit dem - gescheiterten - Übergang von der Befreiungsbewegung zur Regierungspartei in Verbindung gebracht. Möglichst schnell reich zu werden, sahen viele der nach Jahrzehnten der Entbehrungen endlich an die Macht gekommenen "Comrades" als ihr hart errungenes Recht: Dass das nicht immer nur mit rechten Dingen zuging, war dabei von untergeordneter Bedeutung.

Die unter die Decke gekehrten korrupten Vorgänge um einen riesigen Waffendeal - die noch heute dunkle Schatten auf führende Repräsentanten der Partei einschließlich des Präsidenten werfende "Ursünde" des neuen Südafrika - zeigten, dass man selbst auf frischer Tat ertappt nicht mit Konsequenzen rechnen muss: Auf diese Weise blieb der für ein Gemeinwesen unverzichtbare Grundsatz der Rechenschaftspflicht auf der Strecke.

In Reflexionen zum ANC-Jubiläum beklagen Kirchenführer und Theologen außerdem die skandalöse Weise, in der die Regierungspartei die Armen vernachlässige. Auch das ein Besorgnis erregendes Indiz dafür, wie die einst hehre Sozialmoral der Befreiungsbewegung vor die Hunde gekommen ist. Der Verfall seiner politischen Prinzipien ist nicht der alleinige Grund für den Niedergang des ANC: Sein Biograf William Gumede zeigt auf, wie auch das undurchsichtige und undemokratische Verfahren der archaischen Organisation, ihre Führer zu bestimmen, der Partei enormen Schaden zufügt.

Mandela außer Gefecht gesetzt

Solche Anachronismen könnten jedoch mühelos verändert werden, wenn der ANC noch über den "moralischen Kompass" verfüge, der ihn einst durch wesentlich gefährlichere Gewässer navigierte, ist der ehemalige Geheimdienstminister Ronnie Kasrils überzeugt. Das Jubiläum könnte ein hervorragender Anlass sein, den ANC zur Besinnung zu bringen. Hinweise, dass die über ein Jahr verteilten Feierlichkeiten auf diese Weise genutzt werden könnten, sucht man vergebens.

Unglücklicherweise ist auch der Mann, der eine solche Renaissance eigenhändig initiieren könnte, außer Gefecht gesetzt: Mit seinen 93 Jahren ist Nelson Mandela nicht mehr in der Lage, sich in solche Debatten einzuschalten. Was der Doyen des ANC seinen Parteigenossen ins Stammbuch schreiben würde, darüber gibt es nach den Worten seiner langjährigen Freundin Amina Cachalia keinen Zweifel: "Wendet euch dem Wohl der Allgemeinheit zu und vergesst eure persönlichen Interessen."




Unsere Empfehlung für Sie