Andre Lindner hat Long Covid Vier Jahre nach der Corona-Infektion: Ein Leben im Nebel

Andre Lindner geht viel mit den Hunden raus. Sie sind ihm Lichtblicke in seiner trüben Gedankenwelt. Foto: privat

Nach einer Corona-Infektion ist Andre Lindner nicht mehr derselbe. Selbst vier Jahre danach leidet der Mann aus Remchingen immer noch an Symptomen von Long Covid.

Diese Dauermüdigkeit. Diese totale Erschöpfung, als hätte er sich ungeübt in einen Marathon gestürzt, obwohl er ja nur einen kleinen Spaziergang machte. Auch Muskel- und Gelenkschmerzen plagen ihn. Manchmal sind sie so stark, dass er das Gefühl hat, verrückt zu werden.

 

Nach einer Corona-Infektion ist im Leben von Andre Lindner, 51, Leben nichts mehr, wie es mal war. Dabei liegt die Ansteckung schon vier Jahre zurück. Sein Gesundheitszustand sei ein Auf und Ab. „Jeder Wetterumschwung haut mich um. Nur wenn die Temperaturen über einen längeren Zeitraum konstant bleiben, spüre ich eine Verbesserung.“

Wir haben seine Geschichte schon einmal erzählt, das war 2021. Lindners Corona-Infektion lag damals zehn Monate zurück, lange genug eigentlich, um wieder einem normalen Alltag nachzugehen. Doch daran war damals kaum zu denken, Lindner litt an Symptomen, für die Mediziner zwar schon ein Wort gefunden hatten, doch Therapieerfahrungen waren rar.

Experten schätzen, dass zehn bis 15 Prozent aller an Corona Erkrankten mit Langzeitfolgen kämpfen. Die Bundesregierung spricht von einer sechsstelligen Zahl an Long-Covid-Betroffenen. Viele leiden an Erschöpfung, besser bekannt als Fatigue Syndrom, an Atemnot, Konzentrations-, Schlaf- und Angststörungen, an Kopfschmerzen und Schwindel. Auch Andre Lindner geht es so. Bei ihm kommen Symptome wie neurologische Missempfindungen oder Augenprobleme hinzu. „Es gibt kein Happy End bis jetzt“, sagt er und klingt resigniert.

Aerosolstoß von der Seite?

Andre Lindner ist ein gestandener Intensivpfleger, als er sich an Silvester 2020, so glaubt er, bei der Arbeit mit dem Virus ansteckt. Er trägt einen Ganzkörperanzug, Handschuhe, Schutzbrille, eine FFP3-Maske und ein Visier vor dem Gesicht. Einer seiner Covid-19-Patienten ringt gerade mit dem Tod, reißt in Panik am Beatmungsschlauch. Lindner vermutet, dass ihn in diesem Moment ein Aerosolstoß von der Seite erwischt hat.

Früher war er ein lebenslustiger, aktiver Bursche. Immer draußen mit dem Mountainbike oder ehrenamtlich mit Hündin Lotte im Einsatz für den Katastrophenschutz. Er galt als Schaffer, wollte gebraucht werden. Seit der Corona-Infektion ist er viel zu Hause in Remchingen, wo er mit seiner Frau und der 16 Jahre alten Tochter wohnt. Dass er seit Corona „ein Leben im Nebel führt“, für alles viel länger braucht, belastet ihn.

Dabei gab es schon Lichtblicke. Nach zweimonatiger Reha und Dauer-Therapien konnte er sogar wieder als Intensivpfleger arbeiten. „Klar bin ich öfter ausgefallen, aber die Wiedereingliederung war gelungen.“ Bis heute ist Lindner am Klinikum in Karlsruhe angestellt, 80 Prozent seiner Arbeit widmete er zuletzt dem Betriebsrat.

Seit September 2024 gilt er erneut als arbeitsunfähig. „Eine Erkältung hat vermutlich alles mögliche getriggert“, sagt er. Die Fatigue-Probleme seien mittlerweile wieder so massiv, dass es unverantwortlich sei, in diesem Zustand mit Patienten zu arbeiten. Die Muskel- und Gelenkschmerzen empfindet er als unerträglich. Lindner erzählt, dass er wöchentlich bis zu 24 Therapieeinheiten absolviere. „Das ist alles andere als ein normales Leben.“

Lindner hat nicht nur mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Er sagt, er fühle sich im Stich gelassen vom System. System ist ein Wort, das er oft benutzt. Für Long-Covid-Betroffene sei es schwer, Anerkennung und Hilfe zu finden. Nicht nur müssten sich Menschen wie er oft gegen Vorurteile wehren, die Erkrankung sei nur eingebildet oder psychischer Natur. Auch Diagnostik und Behandlung seien komplex, weil so viele unterschiedliche Symptome zusammenträfen.

Offiziell gilt er als geheilt

„Weil die Erkrankung nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, kann man schnell als faul hingestellt werden“, sagt Lindner. Dabei würde er gerne wieder arbeiten, wie er betont. Es sei aber keinem geholfen, wenn er sich am Patientenbett frage, ob er das Medikament nun schon gegeben habe oder nicht. Alle zwei Stunden klingelt sein Handywecker, weil er Angst hat zu viel Zeit sinnfrei zu verschlafen. Er geht mit den Hunden raus, mistet den Pferdestall aus. Er ist nach wie vor bei den Johannitern aktiv, wenn jetzt auch mehr im Hintergrund.

Wie viele andere Betroffene ist Andre Lindner auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Weil die Unfallkasse seine Beschwerden nicht mehr im Zusammenhang mit der Coronaerkrankung sieht, erhält er keine entsprechende Entschädigung mehr. „Ich gelte offiziell als geheilt – vermutlich, weil ich zeitweise wieder arbeiten konnte.“ Doch Lindner ist überzeugt davon, dass seine gesundheitlichen Probleme nach wie vor von Corona herrühren. Er sagt, auch seine Ärzte vermuteten dies. Eine 100-prozentige Sicherheit gebe es in solchen Fällen aber nicht.

Bis November 2024 seien die Kosten für die Therapien von der Unfallkasse übernommen worden. Nun müsse er um jede Zuzahlung kämpfen, das Geld sei immer knapp. Seit die Krankenkasse für ihn zuständig sei, bewege er sich am Existenzminimum.

Er hat Widerspruch eingereicht, hat sich vorgenommen zu klagen – auch für seine Familie, die finanziell abgesichert sein soll. „Ich habe durch Long Covid ein höheres Risiko, an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben oder an Demenz zu erkranken. Dass ich damals einen Mann reanimiert und mich dabei wahrscheinlich angesteckt habe, sollen nicht meine Frau und meine Tochter ausbaden.“

Long-Covid-Ambulanz im Stuttgarter Bosch-Krankenhaus

Dass Long Covid immer mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft rückt, zeigt eine neue Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses, die im Mai 2024 in Kraft getreten ist. Sie regelt die Versorgung für Versicherte mit Verdacht auf Long Covid. Zudem wurden im Lauf der Jahre mehrere Long-Covid-Ambulanzen eingerichtet – unter anderem im Lungenzentrum des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart.

Alessandro Ghiani, ist dort Leitender Oberarzt der Abteilung Pneumologie und Beatmungsmedizin. Er hat Erfahrung in der ambulanten Behandlung von Patienten mit Long-Covid-Symptomatik. Häufige Beschwerden seien eine ausgeprägte Fatigue und Luftnot unter Belastung. Der Leidensdruck sei hoch. „Beides geht mit einer Minderung der Leistungsfähigkeit einher, körperlich und mental. Viele sind nicht mehr in der Lage, ihren Beruf auszuüben“, sagt Ghiani. Das Problem: In der Regel fänden sich keine objektivierbaren Befunde, die die Symptome erklären könnten. Die Lungenfunktionswerte dieser Patienten etwa bewegten sich meist im normalen Bereich. Und ein medikamentöser Therapieversuch, zum Beispiel mit Cortison, sei nur sinnvoll, wenn sich chronische Veränderungen des Lungengewebes nachweisen ließen.

Corona-Impfung mindert das Risiko

Zwar wird weiter geforscht, um Betroffenen zu helfen. „Doch, aktuell existieren keine etablierten Therapie-Optionen“, sagt Ghiani. „Und es gibt noch immer kein Medikament, das sich in Studien bei Long Covid als wirksam erwiesen hat.“ Lediglich Symptome könnten behandelt werden. Nachweislich reduzieren lasse sich das Risiko von Long Covid einzig durch die Corona-Impfung. Andre Lindner ist geimpft. Allerdings bekam er die Injektion zwei Tage, bevor er sich mutmaßlich ansteckte. „Die Wirkung hatte sich wohl noch nicht entfaltet“, sagt Lindner.

Alessandro Ghiani sieht die größte Herausforderung bei Long Covid darin, trotz fehlender Therapie-Optionen und der fehlenden Möglichkeit, den zeitlichen Verlauf der Erkrankung genau vorherzusagen, die Motivation der Patienten aufrecht zu erhalten. Er rät ihnen, sich nicht entmutigen zu lassen. „Erfahrungsgemäß kommt es mit der Zeit zu einer Abnahme der Intensität und häufig auch zu einem vollständigen Verschwinden der Symptome.“

Daran wagt Andre Lindner noch nicht zu glauben. „Momentan scheinen sich viele Behandlungsstrategien zu etablieren, da muss man dranbleiben“, sagt er. „Ich bemühe mich, weiterhin positiv zu denken, auch wenn es phasenweise immer schwerer wird.“ Lange sei er psychisch stabil gewesen. Jetzt nicht mehr. „Ich bin depressiv. Nicht immer. Aber ich habe depressive Attacken“, sagt er. Manchmal sieht er gar keinen Weg mehr aus dem Dunkel. Familie, Freunde, Bekannte und seine Hunde können ihn dann doch immer wieder auffangen. Andre Lindner erzählt, dass er verzweifelt versuche, einen Psychotherapeuten zu finden, der in diesem Jahr noch Termine frei hat.

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