Andrea Petković über ihr literarisches Debüt „Man erfährt viel über die Abgründe seines Charakters“

Tennis als Schule des Lebens: Andrea Petković Foto: /Christian Behring via www.imago-images.de

Dass Andrea Petković zu den besten Tennisspielerinnen Deutschlands zählt, ist bekannt. Doch nun ist sie auch als Autorin zu entdecken. Ihr Debüt „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ spielt den Ball gekonnt ins Feld der Literatur. Kündigt sich da eine zweite Karriere an?

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Man würde diesem bemerkenswerten Debüt Unrecht tun, würde man es lediglich als Quelle für eine große Sportlerinnenkarriere missbrauchen. Andrea Petković blickt in ihren Erzählungen mit scharfer Beobachtungsgabe weit über die Ränder eines Tennisfeldes hinaus. Hier geht es nicht nur um Kämpfe und Niederlagen, sondern vor allem um die Suche nach sich selbst.

 

Frau Petković, lassen Sie uns mit Schiller anfangen: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Diesen Satz würden Sie vermutlich unterschreiben?

Ja, absolut. Solange ich diese Freude am Spiel empfinde, bilde ich mir ein, ewig jung zu bleiben, auch wenn das nur eine Illusion ist. Aber Einbildungen sind etwas, was man sich bewahren sollte.

Aber hebelt der Leistungssport nicht den befreienden Gedanken des Spiels mit Disziplin, Drill und Ranglisten aus?

Ich musste mir das erst wieder mühsam zurückgewinnen. Für mich war Tennis nie ein Spiel, bis ich über dreißig war. Dass da etwas ist, für das man Liebe empfinden kann, statt Ehrgeiz und Streben nach Erfolg - das geht verloren, wenn man es professionell betreibt.

Mit Ihrem Debüt als Autorin haben Sie nun das Feld gewechselt. Wie unterscheiden sich Schreiben und Tennisspielen?

Ich habe jahrelang darum gekämpft, zu lernen, dass man akzeptieren muss, wenn etwas vorbei ist und man es nicht mehr ändern kann. Das ist im Tennis knallhart, weil wir immer im K.-o.-System spielen: Wenn man verloren hat, ist es vorbei. Beim Schreiben kann man immer wieder zurückgehen. Das hat auch seine Tücken. Ich hätte noch in zehn Jahren an meinem Debüt weiterarbeiten können: jeden Tag alles noch einmal neu machen. Das war eine interessante Erfahrung, etwas loszulassen, was man vielleicht noch gar nicht loslassen müsste. Das musste ich neu erlernen.

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Die Erzählungen Ihres Buches fügen sich zu einer Art Bildungsroman: Sie erzählen von der Identitätssuche eines Einwandererkindes, das im Tennis einen Weg findet, sich von seiner Herkunft zu emanzipieren. Ist die Literatur eine Fortsetzung dieses Weges mit anderen Mitteln?

Das ist auf jeden Fall etwas, was mich noch einmal über meine Grenzen treibt. Mit siebzehn, achtzehn war ich mit Jugendlichen zusammen, die dieses Extra des Lebens schon in ihrer Bildungsgeschichte hatten, weil ihre Eltern sie in Museen geschleppt haben und sie mit Büchern und Musik aufgewachsen sind. Und ich glaube schon, dass meine Minderwertigkeitsgefühle auch daher rührten, weil ich dachte, die anderen sind mir im Wissen immer voraus.

Minderwertigkeitsgefühle? Sie waren als Tennisspielerin doch schon unterwegs zu einer Berühmtheit.

Tennis war das Materielle, der Erfolg, der Name in der Zeitung, das Geld und was damit einherging. Die Literatur bedeutete für mich dieses geistige Aufholen, die Bildung, nach der ich gestrebt habe, um mich in einem Land wie Deutschland zugehörig zu fühlen, wo man sehr viel Wert auf Bildung legt. Bücher schienen mir da der schnellste Weg, ich konnte Schriftsteller lesen, die auch über Kunst und auch über Musik geschrieben haben. Damit hatte ich dann alles abgedeckt.

Lustigerweise kommt bei Ihnen auch eine Aral-Tankstelle vor, an der sich neben dem Tennisplatz Ihre Jugend abgespielt hat. Auch der Autor Sasa Stanisić, der unter ganz ähnlichen Bedingungen aufgewachsen ist, erlebt die Wiedergeburt des jugoslawischen Vielvölkerstaats an einer Heidelberger Aral-Tankstelle.

Vor einer Tankstelle sind alle gleich, das sind Orte elementarer Demokratie. Die Aral-Tankstelle lag direkt neben dem Tennisclub. Mich faszinieren Gegensätze: hier der edle Tennisclub, wo alle in Weiß angezogen sind und sich miteinander in gedämpften Tönen unterhalten; und fünf Meter weiter, die Tankstelle, an der wir unser Eis gekauft haben und die Fans des benachbarten Fußballstadions sich mit Bier eingedeckt haben. Sie können sich vorstellen, was da samstags und sonntags vor Spielen los war. Ich habe mich da wohl gefühlt – und erst später begriffen, warum.

Sie beschreiben den Mikrokosmos Tennis als ein Abbild des Lebens. Um noch einmal bei Schiller zu bleiben: der Center Court als moralische Anstalt?

Ich erzähle, wie ich mir einmal als Zwölfjährige einen Sieg erschummelt habe: Meine Gegnerin glaubte, ihr Ball sei im Aus gelandet, doch er war noch gut, und ich schwieg. Ich habe mich so unrein gefühlt und mich vor mir selbst geschämt. Als ich am nächsten Tag verloren habe, war ich fast froh. Vielleicht war das schlecht für meine weitere Tenniskarriere, aber ich wusste, dass ich mich über gewisse Wertvorstellungen nicht hinwegsetzen darf, um alles zu erreichen.

Aber diese zivilen Gefühle sind nur die eine Seite.

Der Tennisplatz war für mich immer auch etwas, was außerhalb der Gesellschaft stattfand, wo ich meine Wut rauslassen konnte, das Martialische, Schreien. Man wird mit gewissen Abgründen seines Charakters konfrontiert, weil es so eine extreme, stressige Situation ist. Wenn man mutig genug ist, sich dem zu stellen, kann man viel über sich selbst herausfinden.

Die Nacht zwischen Ruhm und Ehre?

Ich wollte einmal ganz buchstäblich die Nacht beschreiben, als die Seite des Sports, die dem Publikum normalerweise verborgen bleibt. Was man von außen sieht, ist nur der kleinste Teil eines Sportlerlebens. Der Weg dahin ist viel länger als die Karriere selbst. Und im übertragenen Sinn ging es mir um die ganzen Anfechtungen, mit denen man auf dem Platz ständig konfrontiert ist.

Überstrahlt der Ruhm die Nacht?

Als junger Mensch denkt man ganz simpel in Schwarz und Weiß: Wenn jemand Erfolg hat, muss er auch glücklich sein. Das war auch bei mir so, ich wollte eine Leere auffüllen, indem ich nach Erfolg gestrebt habe. Und als ich dann dort war, wo ich immer hinwollte, musste ich feststellen, die Leere besteht weiter. Erst später begreift man, dass das Leben viel komplexer ist. Glück lässt sich nicht erzwingen. Das habe ich erst viel später verstanden. Und manchmal bin ich mir heute noch nicht sicher, ob ich es wirklich verstanden habe.

Im nächsten Jahr, so heißt es, wollen Sie Ihre Karriere beenden. Literatur bleibt. Sind Sie deshalb zur Autorin geworden?

Vielleicht spielt unbewusst das Gefühl eine Rolle, dass ich all diese Jahre so viel in den Sport gesteckt habe, und am Ende bleibt da fast nichts. Und selbst wenn ich es geschafft hätte, einmal die Nummer eins zu sein: Es gibt immer irgendwo auf der Welt eine bessere, talentiertere Achtzehnjährige, die schneller und fitter ist. Literatur ist dazu die Gegenbewegung: Etwas, was man immer wieder in die Hände nehmen kann, in der Hoffnung, dass von diesem Leben doch etwas Bestand hat.

Sie haben nicht einfach Memoiren geschrieben, sondern Erzählungen, und man begegnet keinem Ghostwriter, sondern einer eigenen Stimme. Bis jetzt schreiben Sie in der Ich-Form, sind Sie unterwegs zur dritten Person Singular?

Alles rund um die Bucherscheinung war interessant, erhellend und hat in mir schon Begehrlichkeiten geweckt, auch mal etwas anderes zu schreiben, nicht über mich, wo ich mich immer wieder erklären und preisgeben muss. Ich glaube aber auch, dass ich dafür noch trainieren muss, wie wir Sportler sagen würden. Aber das ist mein Ziel.

Info

Andrea Petković wurde 1987 in Tuzla/Bosnien geboren. Als sie sechs Monate alt war, wanderte ihre Familie nach Deutschland aus. Sie zählt zu den erfolgreichsten deutschen Tennisspielerinnen der letzten Jahre. 2006 begann ihre Profikarriere, bereits ein Jahr später war sie unter den Top 100 der Welt. Fünf Jahre später schaffte sie es auf Platz neun der Weltrangliste. Es folgten Verletzungen und Rückschläge. Bei einem sensationellen Comeback erreichte sie 2014 das Halbfinale der French Open.

Über ihren Vater, einen Tennislehrer, kam sie mit sechs Jahren zu ihrer Sportart. Andrea Petković lebt in Darmstadt. Als Autorin hat sie 2018 mit ihren Kolumnen im SZ-Magazin für Aufsehen gesorgt. Seit Dezember 2019 steht sie als Moderatorin der ZDF-Sportreportage vor der Kamera. Ihre Leidenschaft für Literatur teilt sie in dem „Racquet Book Club“ auf der Online-Plattform Instagram.

„Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ (Kiepenheuer & Witsch, 272 Seiten, 20 Euro) ist Andrea Petković’ erstes Buch.

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