Andreas Schwarz als Kretschmann-Nachfolger? Aufstieg im Windschatten

Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz ist gerade von Ministerpräsident Winfried Kretschmann in den Stand eines denkbaren Nachfolgers erhoben worden. Foto: dpa/Marijan Murat

Brav und bürgerlich: Grünen-Landtagsfraktionschef Andreas Schwarz gilt als getreuer Helfer des Ministerpräsidenten. Doch der 41-Jährige hat auch die Zeit nach Kretschmann im Blick. Der Ministerpräsident gab jetzt einen Wink.

Stuttgart - Der Weg hoch zum Stilfser Joch hat viele Windungen, es bedarf einer stabilen Kondition und eines festen Willens, um die 1850 Höhenmeter in 48 Kehren zu bewältigen. Andreas Schwarz hat, wie er stolz vermeldet, den „König der Alpenpässe“ im vergangenen Jahr bezwungen. Ein Kraftakt, der belohnt wurde mit einem berückenden Panorama: Sonne satt, ein paar Wolken, sehr kalt. Wie heißt es am Ende von Goethes Lied des Türmers? „Ihr glücklichen Augen, / Was je ihr gesehn, / Es sei, wie es wolle, / Es war doch so schön!“

 

Inzwischen sitzt der passionierte Rennradler wieder im Haus der Abgeordneten. Der Blick aus 2757 Meter Höhe ist nur noch Erinnerung, in Stuttgart aber hat Schwarz noch etwas vor. Seit fast fünf Jahren führt er die Landtagsfraktion der Grünen. Er folgte Edith Sitzmann, die nach der Wahl 2016 ins Finanzministerium wechselte und seither für den Landeshaushalt verantwortlich ist. Dort, so geht die Fama, könnte er Sitzmann nach der Landtagswahl erneut beerben – die Freiburgerin will aus der Politik aussteigen. Schwarz dementiert das nicht, verweist aber auf die Unwägbarkeiten, die jeder Regierungsbildung innewohnen. Erfahrung im Ministeramt, Prägung und Reifung wären wichtige, wenn auch nicht hinreichende Bedingungen für den Aufstieg nach ganz oben.

Der 41-Jährige hat das Ministerpräsidentenamt fest in den Blick genommen. Er habe einen „klaren Plan für Baden-Württemberg“, sagt er. Der aktuelle Amtsinhaber, Winfried Kretschmann, hat ihn dieser Tage in seinen Ambitionen sachte unterstützt. Das zweitwichtigste Amt hinter dem Ministerpräsidenten, erklärte Kretschmann, sei das des Fraktionsvorsitzenden der stärksten Regierungspartei. „Der heißt Andreas Schwarz.“ Nicht wenige Regierungschefs im Land seien über den Fraktionsvorsitz an die Regierungsspitze gelangt. Kretschmanns Einlassungen waren einerseits eine Binse, andererseits aber auch ungewöhnlich, weil der Ministerpräsident mit Fingerzeigen auf mögliche Nachfolger bisher geizte. Sie können auch taktischer Natur gewesen sein. Kretschmann wird bald 73, sollte er die Wiederwahl schaffen, wäre es nicht ganz schlecht zu wissen, wer ihm folgte im Fall, dass er nicht fünf weitere Jahre durchhielte.

Mit den „Gemeinderadlern“ unterwegs

Einmal die Woche drei bis vier Stunden sitzt Schwarz auf dem Rennrad. Dann geht es von seinem Heimatort Kirchheim/Teck hinauf auf die Schwäbische Alb ins Biosphärenreservat – oder auf dem Kaisersträßle durch den Schurwald in Richtung Hohenstaufen. „Gemeinderadler“ nennt sich das Dutzend Pedalisten, mit denen er regelmäßig unterwegs ist. Die Gruppe bildete sich 2007 nach einer Radtour des Gemeinderats in die französische Partnerstadt Rambouillet. Radfahren sei ein Mannschaftssport, sagt Schwarz. Im Team fahre man schneller und motivierter, erklärt er – und fixiert sein Gegenüber, wie er das gern macht, wenn er überzeugen will. Dann beugt er sich herunter aus zwei Meter Höhe, der Blick wird durchdringend und lässt keinen Widerstand gelten. Wenn ihm etwas wichtig erscheint, sagt er das gerne zweimal. Doppel hält besser.

Schwarz hängt in Gedanken am Berg auf dem Weg zur Passhöhe. „Sie müssen dieses Ziel erreichen wollen“, sagt er. „Und es ist schon eine Leistung, die man erbracht hat, wenn man dann oben ist.“ Leistung bringen, nach oben kommen: Der Grünen-Politiker strebt auch in der Politik voran. Es ist kein unkeuscher Gedanke. Die bislang letzten drei CDU-Ministerpräsidenten waren allesamt aus der Position des Fraktionsvorsitzenden ins Staatsministerium eingezogen: Stefan Mappus, Günther Oettinger und Erwin Teufel. Bei Lothar Späth lagen nur wenige Monate als Innenminister zwischen beiden Ämtern. Wer in Baden-Württemberg die stärkste Regierungsfraktion führt, den treibt nicht nur die Liebe zum Parlamentarismus an, sondern auch der Ehrgeiz. Auch Kretschmann war Fraktionschef gewesen, eher er zum Regierungschef avancierte. Allerdings waren die Grünen damals noch zweitstärkste Oppositionsfraktion. Ein ganz besonderer Fall.

Hundertprozentig loyal

Als Schwarz vor vielleicht zwei Jahren in trauter Runde nach potenziellen Kretschmann-Nachfolgern befragt wurde, nannte er die üblichen Verdächtigen, vorzugsweise aus dem Kabinett, um am Ende etwas trotzig hinzuzufügen, und dann gebe es ja auch noch den Fraktionsvorsitzenden. Wer aufmerksam zuhörte, merkte damals schon auf. Hatte er das nur aus Gründen der Selbstachtung gesagt? Oder hegte er Pläne? So richtig ernst wurde das nicht genommen. Dazu wirkte Schwarz zu brav und bieder. Ihm haftet eine gewisse buchhalterische Grundausstrahlung an, die gelegentlich von einem spitzbübischen Lächeln durchbrochen wird. Dazu begegnet er dem Ministerpräsidenten und grünem Landespatron Winfried Kretschmann in hundertprozentiger Loyalität, verbunden mit einem gewissen Überschuss an Ehrerbietung.

Parteifreunde beschreiben den Fraktionschef als „peniblen Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Schwarz kenne die Details, arbeite sich „vom Kleinen zum Großen vor“. Das unterscheidet ihn von Kretschmann, der – stets das Große und Ganze im Blick – elegant die langen Linien zieht, bei den Einzelheiten aber nach den mitgebrachten Papieren greift. Wo Kretschmann mit Hannah Arendt die aufgeklärte Bürgergesellschaft zelebriert, schlägt Schwarz ein Jahresticket für Schüler, Studenten und Auszubildende vor, das im ganzen Land gelten soll. Politik beginnt für ihn im Konkreten. Seine politische Sozialisation nahm im kommunalen Nahbereich ihren Anfang: Schülermitverwaltung, Jugendgemeinderat, Gemeinderat, Kreisrat. Schulcafeteria, Sammeltaxi, bezahlbarer und leistungsfähiger öffentlicher Nahverkehr – das waren die Themen. Das Mobilitätsthema ist es bis heute. Die Kommunalpolitik ist das Feld der Pragmatiker, kein Ort für Theoretiker. Aus dieser Welt kommt Schwarz, sie hat ihn geprägt. „Dort habe ich mein Wertefundament“, sagt er.

Synthese von Ökologie und Bürgertum

Der Fraktionschef weiß um seine Defizite: die fehlende rhetorische Wucht, die mangelnde Härte, die Scheu, sich selbst grell ins Schaufenster zu stellen. Letztere Eigenschaften machen ihn sympathisch, helfen aber nicht voran. Schwarz sagt: „Aufgabe eines Fraktionsvorsitzenden der Ministerpräsidentenpartei ist nicht, sich selbst zu profilieren.“ Aus diesem Selbstverständnis zieht er allerdings auch Stärke. Er hält die Fraktion erfolgreich zusammen, interne Spannungen dringen kaum nach draußen, der Frust über Kretschmanns Nachgiebigkeit gegenüber der CDU wird kanalisiert und nur in sublimierter Form freigelassen. Er hält dem Ministerpräsidenten den Rücken frei und verzichtet auf Machtspiele. All das verlangt Geduld, Zähigkeit, Kompromissbereitschaft und Demut. Auf die Frage, was einen guten Politiker ausmache, antwortet er: „Dass er seine Entscheidungen überlegt trifft, unterschiedliche Meinungen einholt und die Zukunft im Blick hat.“ Darin trifft er sich mit Kretschmann, der im Sturm der Tagesaufgeregtheiten sagt, man müsse „die Wahrheit in den Tatsachen suchen“. Erst Fakten, dann Meinungen und nicht andersherum.

Neuerdings kann der Eindruck entstehen, als blicke Schwarz entschlossener vom Landtag hinauf zur Villa Reitzenstein. Der Blick ist nicht starr, aber interessiert. Was für ihn spricht: Wie kaum ein anderer führender Grüner im Land lebt und versinnbildlicht der Mann im eng geschnittenen blauen Anzug die Synthese von Bürgertum und Ökologie – und damit den Markenkern der Grünen in Baden-Württemberg. Wobei er sich selbst eher als Repräsentanten der „liberalen Stadtgesellschaft“ definiert. „Liberal im Sinne von modern und weltoffen“ will er sein, kein Bourgeois. Zusammen mit Frau und Tochter lebt er in Kirchheim, privat ist er mit dem Zug unterwegs oder bucht ein Carsharing-Auto – wenn er nicht das Rad nimmt. Ein eigenes Auto besitzt die Familie nicht. Das Mehl zum Backen holt Schwarz von einer Mühle in Kirchheim-Jesingen, das Gemüse stammt vom Biohof in Owen. Morgens wird gemeinsam gefrühstückt. Auch beruflich geht es solide zu: Schwarz studierte an der Fachhochschule in Nürtingen Wirtschaftsrecht und setzte anschließend einen Master of Business Administration (MBA) darauf.

Was kommt nach Kretschmann?

Ob es für den Weg nach ganz oben reicht? Die Konstellation könnte sich ergeben. Oder nicht. Der Weg nach oben ist windungsreich, die Politik schwer berechenbar. Gegenwärtig bringt von den Grünen im Land oder aus dem Land allein Cem Özdemir das nötige Kampfgewicht für die Kretschmann-Nachfolge auf die Waage. In der Außenwirkung ist Özdemir der Rock-’n’-Roller auf der großen Bühne, Schwarz der Dirigent des Landesorchesters „Klingende Heimat“. Aber der Ministerpräsident schickt sich ja an, noch einmal in den Wahlkampf zu ziehen. Mit Finanzministerin Sitzmann und Umweltminister Franz Untersteller ziehen sich zwei grüne Schwergewichte aus der Politik zurück. Schwarz gewinnt damit weiter an Entfaltungsspielraum. Eine Konstante im Machtgefüge der Landes-Grünen ist er jetzt schon.

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