Andreas Seidl Vom Porsche-Manager zum Formel-1-Teamchef

Seit 1. Mai Chef im Kommandostand von McLaren: Teamchef Andreas Seidl aus Passau. Foto: Getty Images

Andreas Seidl ist eine Art Tiefseetaucher des Motorsports. Der Ex-Porsche-Manager dringt tief in Organisationen ein und durchleuchtet sie, um Erfolge zu erzielen. Neuerdings in der Formel 1 als Teamchef von McLaren.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Le Castellet - Andreas Seidl liebt Herausforderungen. Er sucht sie geradezu. Nicht im Dschungelcamp oder bei irgendwelchen anderen Unterhaltungsshows – eine wirkliche Challenge besteht für den Mann aus Passau nicht darin, sich unbekannte Insekten in Erdhöhlen in den Mund zu stopfen oder beim Tango die Beine nicht zu verknoten. Andreas Seidl ist eine Art Tiefseetaucher des Motorsports. Er dringt tief in Organisationen ein, er durchleuchtet sie und sucht dann nach Lösungen, um Erfolge zu erzielen. „Ich hatte schon immer Spaß daran, große Operationen im Motorsport zu leiten“, sagt der 43 Jahre alter Bayer.

 

In der Kennenlernphase

Seidl sitzt in der obersten Etage der dreistöckigen Hospitality von McLaren im Fahrerlager von Le Castellet. Er ist der Hausherr, am 1. Mai hat der Ingenieur und Manager seine Arbeit als Teamchef des Formel-1-Rennstalls angetreten. Der Große Preis von Frankreich ist der vierte Grand Prix, den er als oberster Verantwortlicher der Mannschaft aus Woking erlebt. „Noch befinde ich mich in der Kennenlernphase“, sagt er, „ich bin viel unterwegs, ich spreche viel mit Menschen, um einen Eindruck zu gewinnen, wie das gesamte Team tickt.“ Dabei geht der Mann mit dem Fünftagebart selbstverständlich auf Tuchfühlung – mal unterhält er sich in der Fabrik an der Kaffeemaschine mit einem Mechaniker, mal diskutiert er mit einem Abteilungsleiter an der Hotelbar bei einem Drink. Er muss sich erst hineinfühlen, um dann seine Philosophie der Führung passgenau zu etablieren. „Meine Tür steht immer offen“, erzählt Seidl, „Motorsport ist Teamarbeit – ich will den Spirit etablieren, dass jeder Einzelne weiß, wie wichtig er ist, und dass jeder gerne bereit ist, auch mal Extrameilen zu gehen, wenn es nötig ist.“

Gute Stimmung im Team

Was dem Deutschen zupasskommt: Die Stimmung bei McLaren ist in dieser Saison ausnehmend gut, vor dem Rennen in Le Castellet lag die Truppe auf Platz vier der Konstrukteurswertung; Best of the rest, wie es in der Szene heißt, hinter den Topteams Mercedes, Ferrari und Red Bull. Und das ist ein gewisser Erfolg, nachdem McLaren die Jahre zuvor trotz eines Ex-Weltmeisters Fernando Alonso im Cockpit am Ende des Feldes mit Sauber fast schon unter Ausschluss der Öffentlichkeit darum kämpfte, nicht mit der goldenen Zitrone abgespeist zu werden. Deshalb hatte es 2018 im Team einige Beben gegeben, wobei nicht nur Teamchef Eric Boullier vor die Garage befördert worden war. Deshalb hat Zak Brown, Chef aller Motorsport-Aktivitäten von McLaren, Andreas Seidl in die Formel 1 geholt.

Seidl kennt die Zutaten für Erfolg

Seidl ist Launch-Experte, einer, der etwas Neues auf den Weg bringt und der weiß, welche Zutaten für den Erfolg nötig sind. Er bereitete des Einstieg von BMW im Jahr 2000 in die Formel 1 mit vor, nach dem Aus der Bayern in der Königsklasse 2009 war er beauftragt, den Start von BMW in der DTM zu organisieren. Er wechselte danach zu Porsche, wo er den Weg zur Rückkehr nach Le Mans 2014 maßgeblich bestimmte. Erfolg hatte Seidl stets. BMW holte Grand-Prix-Siege in der Formel 1, gewann den DTM-Titel, Porsche wurde dreimal in Folge Gesamtsieger des 24-Stunden-Klassikers sowie Weltmeister in der Langstreckenserie WEC.

Mit den Besten messen

Seidl hätte sich, nachdem Porsche Ende 2017 die WEC verlassen hat, in Weissach um das Projekt Formel E verdient machen können, ein Neustart wäre das ja auch gewesen. Doch der Lockruf von McLaren war einfach zu verlockend. „Ich war schon immer ein Racer“, sagt der Passauer, „deshalb will ich mich mit den Besten messen, das findet eben in der Formel 1 statt.“ Und weil das Bessere der Feind des Guten ist, gibt sich der 43-Jährige nicht mit Platz vier bei den Teams zufrieden – bei McLaren geht mehr, es muss mehr gehen. „Wir haben ausgezeichnete Leute, eine sehr gute Infrastruktur und ein ordentliches Budget“, sagt der Teamchef, „wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen – dorthin, wo McLaren einmal war.“ Achtmal war das Team Konstrukteurs-Weltmeister, es wird ein verdammt weiter Weg für Andreas Seidl – aber der Mann liebt ja die richtig großen Herausforderungen.

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