Andreas Stoch ist neuer SPD-Landeschef Gruppentherapie als Politikersatz

Von Reiner Ruf 

Die Landes-SPD hat sich einen Rest von Rationalität bewahrt – und mit Andreas Stoch dem Argument den Vorzug vor dem Sentiment gegeben. Doch die zerstrittene Partei ist weiter therapiebedürftig, kommentiert StZ-Autor Reiner Ruf

Der eine geschockt, der andere geschafft: Lars Castellucci (links) verlässt nach verlorenem Kampf um den Landesvorsitz die Bühne, Wahlsieger Andreas Stoch sieht einer arbeitsreichen Zukunft entgegen. Foto: dpa
Der eine geschockt, der andere geschafft: Lars Castellucci (links) verlässt nach verlorenem Kampf um den Landesvorsitz die Bühne, Wahlsieger Andreas Stoch sieht einer arbeitsreichen Zukunft entgegen. Foto: dpa

Stuttgart - Aus der gruppentherapeutischen Sitzung der SPD, genannt Landesparteitag, ist am Samstag in Sindelfingen doch noch ein neuer Landesvorsitzender hervorgegangen: Andreas Stoch, der Fraktionschef im Landtag, führt jetzt auch die Partei. Damit ist er der neue starke Mann im Landesverband mit Erstzugriffsrecht auf die Spitzenkandidatur für die kommende Landtagswahl.

Erneut war das Ergebnis denkbar knapp, zarte acht Stimmen lag Stoch vor seinem Kontrahenten Lars Castellucci. Dieser hatte schon die Mitgliederbefragung gegen die bisherige Landesvorsitzende Leni Breymaier hauchdünn verloren. Weil aber Breymaier nach dem zweifelhaften Erfolg – weder sie noch Castellucci hatten beim Basisvotum die 50-Prozent-Marke erreicht – das Handtuch warf, sah sich der Bundestagsabgeordnete legitimiert, auf dem Landesparteitag anzutreten. Dort erzielte er erneut einen Achtungserfolg. Die Netzwerker in der Partei hatten sich im Vorfeld für ihn ins Zeug gelegt, Castelluccis Vorstellungsrede genügte in künstlerisch-ästhetischer Hinsicht auch verfeinerten Ansprüchen, sie hatte ihre gefühligen Momente, jedoch vermied der Wieslocher jede Kontamination mit politischen Inhalten.

Kind der Aufklärung

Dass er damit nicht durchkam, ist gut für die SPD, dieses Kind der Aufklärung, der sachorientierten Debatte. Andreas Stoch – vom Typ her eher der Mann, der die Akten und die Fakten kennt –, legte in seine Stimme so viel Timbre wie noch nie in seinem Leben und fuchtelte mit den Fäusten, als kämpfe er gegen einen Dämon. Am Ende reichte es. Mehrheit ist Mehrheit. Stochs Aufgabe ist es nun, die Partei wieder sichtbar mit Themen zu verbinden, die in der Gesellschaft auf Resonanz stoßen: bezahlbare Wohnungen, Verkehrswende, Arbeitswelt in Zeiten der Digitalisierung: Was hat die SPD dazu zu sagen? Keiner weiß es. Da ist noch viel zu tun. Als Ideenmotor hat Stochs Landtagsfraktion bisher nicht von sich Reden gemacht. Vor allem aber erhebt sich die Frage, ob der Landesverband nicht trotz der Selbstgeißelungen nach dem Parteitag genauso weitermacht wie vor dem Parteitag. Motto: Der liebste Feind ist der Parteifreund.