Andreas Tilp vertritt viele VW-Anleger „Nach menschlichem Ermessen gewinnen wir“

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)
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Deshalb ist der Satz „Volkswagen ist am Haken“ auch eine Mitteilung an das Prozessgegenüber. „Nach menschlichem Ermessen gewinnen wir die VW-Klage“, sagt er in der direkten Art, für die er bekannt ist. Bei VW habe er ein paar gute Unterlagen. Soll heißen: Papiere, die belegen, wann die Konzernspitze wusste, dass die Software ihrer Dieselmotoren manipuliert wurde. Es mischt sich jedoch etwas Wehmut in die Siegesgewissheit. In den USA deute alles auf einen Deal mit den um Schadenersatz klagenden Verbrauchern hin. „Das rieche ich förmlich“, sagt Tilp. Kommt es so, dann bleiben sämtliche Akten und Beweise unter Verschluss. Keine der 20 beteiligten Rechtsanwaltskanzleien wird es nach einer solchen außergerichtlichen Einigung wagen, unter der Hand Papiere herauszugeben. Das zuständige Gericht habe unmissverständlich deutlich gemacht, dass im Fall einer Zuwiderhandlung 30 Jahre Haft drohen. Das macht die Wahrheitsfindung in Deutschland schwieriger.

Aber Tilp hat schon einmal das schier Unmögliche geschafft. Da war er nach seinem Zivildienst in der Kardiologie und in der Kinderkrebsstation der Uniklinik Tübingen, nach dem Abschied vom Gedanken, katholische Theologie zu studieren, noch ein unbekannter Jurastudent. Wenn auch einer, der mit Onkel und Vater seine ganze Jugend hindurch das Schach- und Pokerspielen perfektioniert hatte. Er hatte in seinem Ferienjob bei Daimler 10 000 Mark verdient, im Pokerspiel mit einem griechischen Kollegen gewonnen, im Systemlotto aber 500 Mark im Monat verloren. Eine Anlageberaterin der Volksbank in Ebersbach rät ihm zu Calloptionen auf die Commerzbank. Aus 10 000 werden 130 000 Mark.

400000 Mark Schulden trägt er während des Studiums ab

Der Volksbankdirektor lädt ihm zum Gespräch. Andreas Tilp, der Sohn des obersten Sozialdemokraten am Ort, ist plötzlich wer. Er ist 23 Jahre alt und denkt darüber nach, Broker zu werden, kauft Optionen für die Deutsche Bank, lässt ordern, was das Zeug hält, bekommt schließlich Optionsscheine im Wert von einer Million – und ist mit 400 000 Mark in der Kreide. „Da wird’s dann schon ein bisschen existenziell“, sagt er rückblickend.

Plötzlich weiß er, warum er Jura studiert. Die folgenden Jahre werden zu einer Aufsatzschlacht in den Fachzeitschriften, zum Schlagabtausch mit den Koryphäen des Wertpapierrechts, bevor es dieses Recht überhaupt richtig gab. Tilp veröffentlicht bereits als Student in Publikationen, in denen sonst nur gestandene Anwälte publizieren. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm schon damals nicht. Er gewinnt schließlich. Die 50 000 Mark Schulden, die ihm bleiben, trägt er brav während seines Studiums ab. Aber von nun an macht er sich auf Fehlersuche im Geldanlagesystem.

Die Rechtssprechung hinkt den Produkten hinterher

„Eine Ethik“, ist er überzeugt, „gibt es in dieser Branche nicht.“ Hin und wieder gelingt ihm ein Etappensieg – zum Beispiel mit dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz, das auf seine Initiative zurückgeht. Ist ein Fall einmal exemplarisch vor Gericht durchgefochten, können sich auch andere Kläger auf das Urteil berufen. „Wir setzen Duftmarken“ ordnet er die Tatsache ein, dass er als Experte gehört wird, wenn es um Gesetzesänderungen gehe. Dennoch sieht Tilp sein Tun manchmal wie das Spiel vom Hasen und dem Igel, Geldprodukte entstammen einer hochkreativen Branche lautet seine Überzeugung. Vom Produkt bis zur Welle der Gesetzgebung dauere es sieben Jahre und dann weitere sieben Jahre bis zur höchstrichterlichen Rechtssprechung. Kein Wunder, dass sich der Macher manchmal auch als Getriebener fühlt.

„Noch macht es mir Spaß“, sagt er. Aber da ist das Wörtchen „noch“. Als im vergangenen Jahr innerhalb von sieben Tagen erst sein Vater und dann seine Mutter gestorben sind, fühlte er sich nach langer Zeit mal wieder richtig ohnmächtig. Wenige Monate später starb sein Onkel, von dem er das Schach- und Pokerspiel gelernt hat. Das war ein Einschnitt. Andreas Tilp wird nachdenklich. „Wenn die Party richtig schön ist, muss man gehen.“

Aber morgen ist erst mal morgen. Und dann sind da ja noch Volkswagen und Porsche. Der Spieler wird weitermachen.

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