Andreas Tilp vertritt viele VW-Anleger Der Geldzurückholer

Berge von Akten gehören zu jedem Verfahren, das Andreas Tilp führt. Im Namen der Ankläger –  gegen die Konzerne VW, Telekom und HRE. Foto: dpa
Berge von Akten gehören zu jedem Verfahren, das Andreas Tilp führt. Im Namen der Ankläger – gegen die Konzerne VW, Telekom und HRE. Foto: dpa

Der Anwalt Andreas Tilp ist für geschädigte Anleger gegen die Telekom, die HRE-Bank und Porsche vor Gericht gegangen. Auch gegen VW vertritt er einen Teil der Aktionäre.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)
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Kirchentellinsfurt - Andreas Tilp liebt es, mit offenem Visier zu kämpfen. Man muss selbst leben, was man von seinem Gegenüber fordert. Deshalb geht er in Sachen Transparenz gleich in die Offensive. Ganz nebenbei und fast ungefragt offenbart er seine Vermögensverhältnisse – oder jedenfalls Teile davon: Einen neun Jahre alten Jaguar besitze er, weil er keinen Daimler, keinen BMW, keinen Audi wolle, „für einen Porsche 40 Kilo zu fett“ und der Jaguar ein schönes Fahrzeug mit alter Technologie sei. Des Weiteren erwähnenswert sei noch eine Uhr, die er vor Jahren mal für 5000 Mark gekauft habe. Sie ist gerade in Reparatur. Und zu guter Letzt habe er noch eine schöne Kanzlei, in der zwölf Kollegen arbeiten. Das ist Understatement. Die großzügigen Räume liegen in einer umgebauten Tuchfabrik in Kirchentellinsfurt. mit perfekter Anbindung an den Leinfelden-Echterdinger Flughafen. Der Rest gehöre seiner Frau Petra, die er seit fast 40 Jahren kenne und mit der er seit seinem 15. Geburtstag zusammen ist. Nur ihr vertraut der 53-jährige Jurist bedingungslos. Zudem lebt er nach der Maxime „Wer nichts besitzt, kann auch nichts verlieren“. So erklärt der barocke Genussmensch diese aus seiner Sicht materielle Askese.

Die hat natürlich aber noch einen anderen praktischen Grund: Der „Experte für Vermögensverwaltung, Derivate und Wertpapiergeschäfte“, wie er sich selbst mit seiner – auch wieder O-Ton – „Wir-holen-das-Geld-zurück-Kanzlei“ nennt, ist gut beraten, nicht zu viel persönlichen Besitz zu haben. Tilp, das ist der Mann, der im Jahr 2000 die Telekom-Anleger vor Gericht vertreten hat; der für die nicht privaten Geldanleger in den Prozess gegen die HRE-Bank gezogen ist; gegen Porsche im Namen der Anleger nun in nächster In-stanz vor das Oberlandesgericht Celle ziehen wird und sich momentan für den Prozess gegen den Volkswagenkonzern rüstet. Wieder kämpft er für die geprellten Anleger – ob sie ihr Geld nun als Privatleute oder Verwalter von Geldanlagen in die VW-Aktie investiert haben. Der Wert ihrer Aktien sackte nach Bekanntwerten des Dieselskandals im September 2015 von 167,90 auf 130,30 Euro um 23 Prozent ab.

Seine Prozesse gehen meist bis in die letzte Instanz

Acht Monate später sitzt Tilp am Besprechungstisch seiner Kanzlei, lässt sich in den Stuhl zurückfallen, streicht sich im Reden mit beiden Händen immer wieder das kurze Haar nach hinten und hat viel Zeit. Für seine Schnupfennase entschuldigt er sich. „Ist Heuschnupfen und nicht ansteckend, ich schaff das auch ohne Mittel.“ Eindeutig: Tilp kann auch in Kleinigkeiten sehr hartnäckig sein. Diese Steherqualitäten braucht er. Denn die Prozesse, die er führt, gehen in der Regel bis in die letzte Instanz. Seine Gegner sind so überzeugt von ihrer Sichtweise wie er.

Heute Mittag aber wird er nach Hause zu seiner Familie gehen, vielleicht ein paar Akten einpacken, um zu Hause zu arbeiten. Seine Frau wird eine Lammkeule im Backofen zubereiten. Tilp freut sich auf diesen Nachmittag jenseits des Büroschreibtisches. „Ich habe eigentlich nur zwei Hobbys“, sagt er, „meine Arbeit und meine Familie.“ Das Erstere betreibt er ziemlich exzessiv. Einen freien Tag pro Woche und fünf Wochen Urlaub gönnt er sich mit seiner Familie im Jahr. Wenn die anderen im Winter tagsüber Skifahren, praktiziert er allerdings seine eigene Art des Après Skis: er schreibt Schriftsätze. Die gegen die Telekom und gegen die HRE seien so entstanden. Es seien seine besten, schiebt er nach. Das könnte affektiert klingen. Aber Tilp wirkt mit seinem Schwäbisch, das er nicht versteckt, geerdet und gänzlich unprätentiös. Sein Sohn geht in die Gemeinschaftsschule am Ort, die ältere der beiden Töchter hat gerade das Jurastudium begonnen. Eine Verpflichtung, in die Kanzlei des Vaters einzusteigen, sieht Tilp nicht. Er kann sich auch vorstellen, aufzuhören. Er denkt nicht in Dynastien.

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