Krimikolumne

Andrei Gavrilov: „Tschaikowski, Fira und ich“ Der vergiftete Konzertflügel

Ein Berserker am Klavier – doch Andrei Gavrilov beherrscht auch die leisen Töne. Foto: Gunnar Colding
Ein Berserker am Klavier – doch Andrei Gavrilov beherrscht auch die leisen Töne. Foto: Gunnar Colding

Wenn es um True Crime geht, verlässt Killer & Co. schon mal den ihm zugewiesenen Platz für einen Abstecher in die Hochkultur. Denn Andrei Gavrilovs Autobiografie hat nicht nur sein Klavierspiel zum Thema, sondern auch Schurkereien, mafiöse Strukturen und Mordversuche. Ein ernstes Buch von stellenweise bulgakovscher Groteskerie.

Lokales: Hans Jörg Wangner (hwe)
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Stuttgart - Erinnert sich noch jemand an die Sowjetunion? Jenes Monstrum im Osten, das, wenn nicht in der Automobilindustrie, so doch in der Betonköpfigkeit, im Sport und in der klassischen Musik eine Weltmacht war? Vom Westen nicht ganz so belächelt wie die DDR – schließlich hatte sie ja auch Atomwaffen –, war die UdSSR aber doch so etwas wie ein Kuriosum. Und ihre kulturellen Botschafter waren gern gesehene Gäste der sogenannten freien Welt. Einer dieser Künstler ist der Pianist Andrei Gavrilov, der mit seiner Autobiografie „Tschaikowski, Fira und ich“ schonungslose und schockierende Einblicke in die real existierende Musikwelt unter Brenschnew und Genossen gewährt.

Für alle, die mit dem Namen Gavrilov jetzt vielleicht nicht soviel anfangen können: der 1955 geborene Musiker gehört zu den ganz Großen seines Metiers. Nachdem er 1974 überraschend den Tschaikowski-Wettbewerb gewonnen hat, begann eine sensationelle Karriere. Wie der Blitz schlug er bei den Salzburger Festspielen ein, wo er für den erkrankten Kollegen Svjatoslav Richter einspringen musste.

Parteibonzen mit Hämmern

Doch gleich zeigte die Sowjetmacht, wer Herr und wer Knecht ist. Über seinen staatlichen Aufpasser, einen gewissen Wladen, schreibt Gavrilov: „Hätte ich in Salzburg einen Fluchtversuch gemacht, hätte Wladen mich ganz gewiss ausfindig gemacht, erschossen und in die Salzach geworfen.“ Dass dies nicht der überspannten Fantasie eines weltfremden Klavierspielers entsprang, belegt Gravrilov anhand von eigenen und von fremden Beispielen. Von Demütigungen, Drohungen, Gewalttätigkeiten berichtet er, von schießwütigen Wachposten und sadistischen, wenn nicht mit Sicheln, so doch mit echten Hämmern ausgerüsteten Parteibonzen, von manipulierten Autoreifen und einem präparierten Flügel, aus dem – Gavrilov war zu dem Zeitpunkt schon in den Westen übergesiedelt – eine lebensgefährliche Pampe troff.

Und auch Gavrilov wäre ums Haar selber zum Mörder geworden, als er im Streit seine erste Frau blutig schlug und sie dann mit dem Auto überfahren wollte. Nur weil – segensreicher russischer Winter – die Straße glatt war, kam es nicht zum Schlimmsten.

Mafiöse Strukturen

Doch der True Crimes damit nicht genug: hart geht der Autor mit mafiösen Strukturen im Klassische-Musik-Business ins Gericht, mit Psychoterror und gekauften Wettbewerbssiegen. Denn spätestens seit die Branche durchkommerzialisiert wurde (Gavrilov nennt als historischen Hauptakteur Herbert von Karajan), sexualisiert (hier: Anne-Sophie Mutter samt Dekolleté) und verkitscht (Vanessa Mae und Nigel Kennedy), geht es um enorme Summen, an denen interessierte Kreise natürlich mitverdienen wollen.

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