Andres Veiel zu „Ökozid“ „Mich wundert, dass so wenige Bürger widersprechen“
Andres Veiels Klimadrama „Ökozid“ kommt in Stuttgart auf die Theaterbühne. Im Interview spricht er über die Autoindustrie, Angela Merkel und den Einfluss realer Ereignisse.
Andres Veiels Klimadrama „Ökozid“ kommt in Stuttgart auf die Theaterbühne. Im Interview spricht er über die Autoindustrie, Angela Merkel und den Einfluss realer Ereignisse.
Stuttgart - In Andres Veiels Film „Ökozid“ (2020) verklagen Südländer 2034 Deutschland auf Schadenersatz für die Klimakatastrophe. Der Schauspielintendant Burkhard Kosminski inszeniert nun fürs Theater Veiels hochbrisanten Stoff.
Herr Veiel, wie funktioniert „Ökzid“ auf der Bühne?
Theater kann fast tagesaktuell Impulse einbringen. Wir sind zum Beispiel in vielen Gesprächen mit Daimler-Insidern der Frage nachgegangen: Gelingt die Aufholjagd, oder wird Daimler ein Übernahmekandidat? Können Menschen, die jahrzehntelang an der S-Klasse gearbeitet haben, Autos fundamental neu denken? Das lässt sich im Theater verhandeln, und ich hoffe, dass uns Daimler-Vertreter widersprechen werden.
Was glauben die Insider, wie Daimler in diese Situation geraten ist?
S-Klasse und SUVs waren Cash Cows, wieso also umsteuern? Und es gab keine klaren politischen Vorgaben. Wäre früher ein CO2-Preis auf fossile Antriebe gekommen mit sozialem Ausgleich und Elektromobilitätsoffensive, hätte Daimler nicht seine Anteile an Tesla verkauft, sondern Tesla übernommen. Stattdessen hat Daimler hohe Dividenden ausgeschüttet, dieses Geld fehlte in der Forschung.
Wird Angela Merkel auch auf der Bühne als Zeugin auftreten?
In ihr manifestiert sich ja die Schizophrenie. 2007/2008 in Grönland versteht sie als Physikerin die ganze Tragweite des Klimawandels, verdrängt ihn dann aber angesichts der Machtverhältnisse und fehlender Einsicht und handelt konsequent dagegen: Sie gibt lobbyistischem Druck nach, setzt ein grünes Label für schmutzige SUVs durch und vieles andere. Es ist eine Kunst, an so einem Widerspruch nicht zugrunde zu gehen. Ich bin gespannt, wie die Schauspielerin Nicole Heesters das ausgestaltet.
Das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt, dass der CO2-Ausstoß mit Blick auf folgende Generationen viel geringer werden muss. Dreht sich der Wind?
Wir erleben gerade, wie juristisch versucht wird, politisches Versagen zu korrigieren. Umweltorganisationen haben Shell verklagt, und die Richter in Den Haag haben den Konzern verpflichtet, seinen CO2-Ausstoß deutlich zu senken. Nun verklagt die Umwelthilfe Daimler und BMW, sie sollen ab 2030 auf Verbrenner verzichten.
Was dachten Sie, als im Ahrtal ganze Orte weggespült wurden?
Wir sind bewusst ins Jahr 2034 gegangen, damit man uns nicht Panikmache vorwirft. Jetzt holt uns eine Realität ein, gegen die unsere Szenarien noch optimistisch waren. Es ist ein grundsätzliches politisches Umdenken notwendig, doch Verdrängungskunst, Verlogenheit und Schönfärberei gehen weiter. Alle Parteien propagieren Innovation und neue Arbeitsplätze, niemand benennt notwendige Einschnitte. Mich wundert, dass so wenige Bürger widersprechen.
Andres Veiel
Leben
1959 in Stuttgart geboren worden, studiert in Berlin Psychologie und besucht Regieseminare.
Karriere
Er dreht Dokumentarfilme über den RAF-Terrorismus („Black Box BRD“, 2001), Schauspielschüler („Die Spielwütigen“, 2004) und den Künstler Joseph Beuys („Beuys“, 2017). Im Spielfilm „Wer wenn nicht wir“ (2011) zeichnet er Gudrun Ensslins Weg in den RAF-Terrorismus nach.