Stuttgart - Brandenburg brennt, Inseln versinken, Dürre tötet das Vieh – die Klimakrise bestimmt das Leben im Jahr 2034. Das Gebäude des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag ist überschwemmt, deshalb wurde er provisorisch nach Berlin verlegt. Im aktuellen Prozess sitzt Deutschland auf der Anklagebank: Einige Südländer, die besonders unter dem Klimawandel leiden, verklagen einen der Hauptverursacher auf Schadenersatz.
Mit dieser kühnen Prämisse beginnt der Regisseur Andres Veiel seinen Politthriller „Ökozid“. Das Verfahren fördert zutage, dass die Regierungen Schröder und Merkel die deutsche Industrie, besonders Auto- und Energiekonzerne, vor Auflagen geschützt haben aus Angst um Arbeitsplätze – und auf Kosten einer Technologie- und Energiewende.
„Alle Fakten sind belegbar.“
„Es war mir wichtig, dass wir uns nicht herausreden nach dem Motto: Das ist nur ein Spielfilm, da kann man alles behaupten“, sagt der profilierte Dokumentarfilmer Veiel, zu dessen Werken „Black Box BRD“ (2001) gehört, eine präzise Betrachtung des RAF-Terrorismus. „Wir haben akribisch recherchiert, viele Dokumente vom Kanzleramt und von Ministerien angefordert. Der Film ist faktenbasiert und gerichtsfest. Wenn ein Zeuge die Fakten interpretiert, ist das natürlich Fiktion, da sind wir im Futur zwei: Er wird gesagt haben. Die Fakten sind aber alle belegbar.“
Der Mann von der Umwelthilfe sagt: „Je schwerer das Fahrzeug, desto mehr CO2 darf es ausstoßen. Ein Golf schneidet deswegen eventuell schlechter ab als ein SUV.“ Der Autolobbyist: „Wir lehnen ein System ab, das große Fahrzeuge pauschal als umweltschädlich und kleine pauschal als umweltfreundlich einstuft. Es ging uns um die Effizienz in der Vergleichklasse.“ Es sei „vernünftig, wenn die Kanzlerin mit aller Macht in Brüssel interveniert“. Die Anwältin: „Wer hat das Land regiert? Sie oder die deutsche Autoindustrie?“
Plexiglas-Trennscheiben bei Gericht
Er sei fassungslos, sagt Veiel, angesichts des „systematischen Versagens von 1998 bis 2020. CO2-Grenzwerte wurden abgeschwächt, der Emissionshandel ausgebremst. Merkel hat 2007 in Grönland die Gletscherschmelze beklagt und bald danach ein Umweltlabel für Spritfresser eingeführt – wenn man den drittschmutzigsten SUV kauft, denkt man, man tut noch was für die Umwelt.“ Das sei „auch ökonomisch fatal“, glaubt er: „Deutschland hat den Sprung in die technologische Zukunft verschlafen.“
Der Regisseur wollte im März drehen, wegen des Lockdowns wurde es Juli, und er brauchte Plexiglas-Trennscheiben bei Gericht – die jetzt schon seltsam vertraut wirken. „Vielleicht bleiben die uns erhalten, wer weiß, welche Viren noch kommen“, sagt Veiel. „Die Scheiben ermöglichen visuelle Effekte, man kann Figuren in der Spiegelung miterzählen.“
Der Stoff verlangt Schauspielern und Publikum einiges ab
Eine prominente Besetzung bevölkert den Gerichtssaal. Nina Kunzendorf und Friederike Becht spielen die Anwältinnen der Kläger, Ulrich Tukur verteidigt Deutschland, Edgar Selge gibt den Vorsitzenden Richter. Alle Figuren haben komplizierten Text, kleinteilig rekonstruieren sie Lobbyismus und Tricksereien und befragen Zeugen, darunter Martina Eitner-Acheampong als Angela Merkel. „Wir brauchten bis in die Nebenrollen kluge Schauspieler mit feinem Ausdrucksinstrumentarium, die komplexe Texte selbst denken und so sprechen können, dass man sie versteht“, sagt Veiel. Bei Proben vorab habe sich das Ensemble gefunden.
Der extrem verdichtete Stoff verlangt den Zuschauern viel Aufmerksamkeit ab. Veiel hat mit der Autorin Jutta Doberstein gearbeitet wie schon 2018 bei seinem dystopischen Bühnenstück „Let them eat Money“ fürs Deutsche Theater Berlin. Er freut sich, „dass so ein komplexer, herausfordernder Stoff um 20.15 Uhr läuft, dazu gehört Mut, die Primetime im Fernsehen ist ein Ort breiter Auseinandersetzung“.
So eine Klage wäre juristisch heikel
Veiel ahnt, dass er sich nicht nur Freunde machen wird in Zeiten, in denen viele Menschen bequeme Lügen den Fakten vorziehen. In „Ökozid“ setzt ein Netzwerker Troll-Armeen gegen die Kläger in Marsch. „Schon jetzt, ohne den Film gesehen zu haben, sind in den sozialen Medien Dreckschleudern gegen uns zugange“, sagt Veiel. Hoffentlich bleibt ihm Schlimmeres erspart – in „Ökozid“ führt der Aufruhr im Netz zu Schüssen auf Merkels Privatwohnung und zu einer Bombendrohung.
Sandra Maischberger wird das Thema anschließend aufgreifen, und aus der großen Koalition übernimmt Wirtschaftsminister Peter Altmaier die undankbare Aufgabe, die am Pranger stehende deutsche Klimapolitik zu verteidigen. Für den Internationalen Gerichtshof wäre es durchaus heikel, so eine Klage anzunehmen. „Das Max-Planck-Institut für Völkerrecht hat uns beraten“, sagt Veiel: „Alle Entscheidungen der Regierungen Schröder und Merkel sind demokratisch legitimiert, es gibt Parlamentsbeschlüsse. Es wäre kühn, das nationale Verfassungsrecht nachträglich infrage zu stellen wegen des übergeordneten Rechts auf Leben in Artikel 6 der UN-Charta.“
Da hilft das Zukunftsszenario: Je dringlicher die Lage wird, desto wahrscheinlicher gibt es Klagen. Dass es im Film Deutschland trifft, hat einen simplen Grund: China, die USA und Russland, die größten Klimasünder, erkennen das Gericht nicht an.
„Ökozid“ läuft am 18. November um 20.15 Uhr im Ersten. Das Staatsschauspiel Stuttgart plant für Mai 2021 eine Bühnenfassung, der Intendant Burkhard Kosminski wird selbst Regie führen.