Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen Abschied eines Hochbegabten

Der geniale Spielmacher Andy Schmid verlässt die Bundesliga. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Nach zwölf Jahren verlässt Andy Schmid am Saisonende die Bundesliga. Der Spielmacher geht als einer größten Handballer in die Geschichte der HBL ein. Am Donnerstag tritt er mit den Rhein-Neckar Löwen bei Frisch Auf Göppingen an. Was macht den Schweizer so einzigartig?

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Was er mit Göppingen verbindet? Andy Schmid muss nicht lange überlegen: „Viele heiße Duelle vor einem euphorischen Publikum. Ich habe die Spiele immer genossen“, sagt der Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen. An diesem Donnerstag (19.05 Uhr/EWS-Arena) kommt es ein letztes Mal zu einem Aufeinandertreffen mit Frisch Auf. Danach folgen noch zwei weitere Punktspiele – und dann? Dann ist Schluss für den 38-Jährigen. Schluss mit der Handball-Bundesliga (HBL). Nach zwölf Jahren heißt es: Ab nach Hause! Zurück in die Schweizer Heimat. Beim HC Kriens-Luzern setzt er seine Karriere fort. Wie lange? „Schauen wir mal, in meinem Alter plant man nur von Jahr zu Jahr.“

 

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Andy Schmid hat die HBL geprägt. Er wird als einer ihrer größten Spieler in die Geschichte eingehen. Fünfmal bekam er die Auszeichnung zum MVP, zum wertvollsten Spieler. Dieser Hochbegabte denkt Züge voraus wie ein Schachspieler, er verteilt voller Eleganz die Bälle, sieht Lücken und bedient mit akrobatischen Pässen an den Kreis seine Mitspieler. Wenn der Gegner erkennt, was gleich passiert, ist es meistens schon zu spät. So war das immer wieder in den vergangenen zwölf Jahren. So wird das auch in den letzten drei Bundesligaspielen sein.

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Er geht mit Wehmut, aber in keinster Weise enttäuscht – trotz dieser missratenen Abschlusssaison, in der die Löwen (30:32 Punkte/Platz acht) alle Ziele krachend verfehlten. „Ich nehme das relativ entspannt. Wir wussten, dass wir nicht ganz oben mitspielen würden. Dass es dann nicht einmal für die European League reichen wird, haben wir selbst verschuldet und durch die vielen Trainerwechsel kam auch Unruhe rein“, sagt Schmid. Dann fügt er noch einen Satz an, in dem sich sein grundehrlichen Charakter widerspiegelt: „Letztendlich bekommt man das, was man verdient.“

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Verdient hatten sich die Löwen unter seiner Anleitung auch den EHF-Pokal-Sieg 2013, die deutschen Meistertitel 2016 und 2017, den DHB-Pokal-Sieg 2018 und die Supercupgewinne 2016, 2017 und 2018. All diese Erfolge finden sich in der Chronik des Clubs. Mit Schmid. Wegen Schmid. Er ist mit den erfolgreichsten Momenten des Clubs untrennbar verbunden. Er geht als Legende, weil seine Geschichte auch die Geschichte des Vereins ist, der 2002 als Spielgemeinschaft SG Kronau/Östringen gegründet wurde und seit 2007 den Vereinsnamen mit den zwei Flüssen und dem wilden Tier trägt.

Titel 2016 ragt heraus

Sein größter und emotionalster Moment? „Ganz klar die erste deutsche Meisterschaft 2016, da haben wir den Bock umgestoßen und das Image der Vize-Löwen ausgelöscht“, erinnert er sich. „Vor allem 2014 wurde uns etwas aus der Hand gerissen, was uns gehörte.“ Er meinte die deutsche Meisterschaft am letzten Spieltag, als trotz eines 40:35-Siegs in Gummersbach in einem irren Wettschießen der THW Kiel wegen einer um zwei Treffern besseren Tordifferenz am Ende die Nase vorne hatte.

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2016 aber klappte es. Und nach dem entscheidenden Sieg in Lübbecke suchte Schmid die Abgeschiedenheit und Einsamkeit einer Baustelle neben der Arena. Um innezuhalten. Um allein zu sein. Um diesen extrem emotionalen Moment zu verarbeiten. „Ich habe geweint, zehn Minuten lang. Von mir ist so ein Druck abgefallen“, verriet er dem Magazin „Handball inside“. Dann rief er seine Frau Therese an. Sie weinte ebenfalls. Weil sie sich ebenfalls freute. Weil sie mitgelitten hatte.

Kein Champions-League-Titel

Mit der Norwegerin, einer ehemaligen Fußballerin, hat er die beiden Söhne Lio (12) und Levi (5). Die Familie ist der Hauptgrund, dass es ihn nun zurück in die Heimat zieht. „Die Bundesliga ist etwas Einmaliges, aber jetzt ist es Zeit zu gehen. Meine Kinder sollen in der Schweiz Wurzeln schlagen. Der Kleine wird eingeschult, der Große kommt in einer weiterführende Schule“, sagt Schmid. Warum er überhaupt so lange in Mannheim blieb und nicht zu einem europäischen Topclub wie dem FC Barcelona oder Paris Saint-Germain wechselte, obwohl selbst in der Löwen-Hochphase zwischen 2014 und 2018 das Final Four um die Champions League kein einziges Mal erreicht wurde? „Meine Mutter hat immer gesagt, wenn etwas gut passt, sollte man es nicht ändern. Es gab keine Grund diesen Verein zu verlassen.“

Bodenständiges Handball-Genie

Solche Sätze dokumentieren die Bodenständigkeit dieses Ausnahmehandballers, der in Horgen im Kanton Zürich als André Schmid geboren wurde. Das Handballfeld verwandelte er mit seiner Genialität in ein Glitzerparkett, doch abseits der Platte konnte er auf das Rampenlicht getrost verzichten.

Auch die Vornamensänderung hat im übrigen nichts mit Show zu tun. Er konnte als kleiner Bob seinen eigentlichen Namen nicht aussprechen, da er das „r“ nicht rollen konnte. Seine Mutter rief ihn dann immer Andy. Das ist bis heute geblieben. Genauso wie das Handballinteresse der gesamten Familie. Zwar nicht nach Göppingen, aber zum letzten Heimspiel am 8. Juni gegen den THW Kiel hat sich ein ganzer Bus aus der Schweiz angekündigt. Für den würdigen Abschied großen Sportlers.

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